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StartseiteCorsoDie Gestaltung der Stadt08.12.2017

Markus Bader (raumlabor Berlin)Die Gestaltung der Stadt

"Eine Stadt ist nicht etwas Statisches", sagte Markus Bader von der "Urban School Ruhr" und dem Raumlabor Berlin im Dlf. Man müsse Städte als Prozess verstehen, bei dem sich Experten und Stadtbewohner gleichermaßen beteiligen und einbringen können.

Markus Bader im Corsogespräch mit Sandro Schroeder

Stadt im Umbruch: die Skyline von Hamburg (Andreas Diel)
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Sandro Schroeder: Wie wollen wir leben, wie sollen unsere Städte aussehen? Dieser Frage gehen natürlich nicht nur Künstlerinnen und Künstler nach, oder Aktionen wie der "Parking Day", bei dem für einen Tag so getan wird, als ob Parkplätze kleine, grüne Oasen in der Stadt sind. Mit Liegestühlen für Menschen statt Standplätzen für Autos. Am Tag danach bloß ist die Utopie vom Parking Day vorbei, dann sind die grünen Parkplätze für Menschen wieder zubetonierte, graue Parkplätze für Autos.

Wie kann die Kunst also langfristiger beeinflussen, wie sich unsere Städte entwickeln? Und das tiefgreifender und langfristiger, als vielleicht der Parking Day? Diesen Fragen geht die "Urban School Ruhr" nach, und hat erste Erfahrungen gesammelt: Im Buch "Erkundungen urbaner Praxis". Markus Bader ist einer der Herausgeber und arbeitet auch für das Raumlabor Berlin. Willkommen beim Corso-Gespräch, Herr Bader.

Markus Bader: Guten Tag.

Schroeder: Wie verkaufen Sie denn einem Kölner Büdchen-Besitzer oder bei Ihnen in Berlin einem Späti-Besitzer, dass er mit der "Urban School Ruhr" zusammen über seine Stadt nachdenken soll?

Bader: Also die Urban School Ruhr hat ja "Ruhr" im Namen, weil die Urban School Ruhr im Ruhrgebiet in den Städten Witten und Hattingen stattgefunden hat im letzten Jahr. Dort gibt es aber auch so was wie Büdchen-Besitzer oder Späti-Besitzer. Tja, wie verkauft man das denen? Ich glaube, die Frage ist - da finde ich das Beispiel Parking Day ganz gut - ist zunächst mal zu begreifen, dass Stadt nicht etwas Statisches und über alle Maßen Großes ist, sondern dass Stadt auch ein Prozess ist, dass Stadt sich in permanenter Veränderung befindet. Und mit dem Parking Day merkt man ja, dass man selbst in der Stadt durchaus wirken kann. Also dass man, wenn man nur die Maßstäbe richtig wählt, auch ganz schnell teilweise spüren kann, wie Stadt sich anders anfühlt oder welche Potenziale Stadträume auch noch haben können.

"Diskurse über die Stadt setzen häufig auf Alarmstimmung"

Schroeder: Das eine ist ja jetzt so zu begreifen, dass Stadt nicht statisch ist. Aber wie bekommen Sie jetzt die Leute dazu, dass sie jetzt sagen, ich möchte an diesem Prozess teilnehmen, ich möchte mich einbringen.

Bader: Nun, die Urban School Ruhr hat in dem Fall eigentlich den Anspruch ein 'Dazwischen' zu öffnen, also sozusagen für diejenigen, die vielleicht schon merken, dass Stadt irgendwas ist, woran ich mitmachen könnte, aber nicht so genau wissen, wie. Für diejenigen einen Zugang zu öffnen, denn wir wissen ja, dass Stadt von vielen großen Kräften bestimmt wird und oft von sehr mächtigen Diskursen. Also in Berlin haben wir jetzt gerade den Diskurs, die Stadt wird teuer und wir können sie uns alle nicht mehr leisten. Im Ruhrgebiet ist es eher der Diskurs, die Stadt war industriell geprägt, befindet sich im Wandel und wir wissen alle nicht, wohin. Das heißt, man hat immer so Diskurse mit Stadt in Verbindung, die sehr stark auf so eine Alarmstimmung setzen. Also entweder, wir dürfen alle nicht mehr mitmachen, oder es gibt eigentlich gar kein Ziel, wohin die Stadt geht. Und die Urban School hat zum Ziel, kleinmaßstäblicher hinzugucken und eigentlich mehr zu sagen, was passiert eigentlich direkt bei uns im Umfeld und gibt es nicht da Momente, wo ich, wenn ich genau hingucke, auch spüren kann, dass ich selber eine Wirkung habe.

Markus Bader vom Raumlabor Berlin und der "Urban School Ruhr"  (Gisela Bader)Markus Bader vom Raumlabor Berlin und der "Urban School Ruhr" (Gisela Bader)

Schroeder: Und wie reagieren die Leute dann auf diese Gelegenheit, auf ihr direktes Umfeld zu reagieren, anstatt auf das große Ganze namens Berlin, die teure Stadt?

Bader: Nun, die Urban School hat sich erst mal zu den Menschen begeben. Also das heißt, dass wir ein Ladengeschäft, was leer stand in der Innenstadt von Witten, als Schule, als Ort für die Schule, geöffnet haben. Damit ist Schule nicht irgendwas Abstraktes, was weit weg ist oder was sich hinter beeindruckenden Mauern verschanzt, sondern Schule ist einfach da, wo eben noch Fielmann war, oder ein anderes Geschäft. Das finde ich schon einen sehr wichtigen Schritt. Was wir auch im raumlabor ganz oft einsetzen, so dieses in den Stadtraum gehen, zu den Leuten gehen und die Veränderungsmöglichkeiten eigentlich gemeinsam auszuprobieren. Also dafür, nicht die Einladung auszusprechen und zu sagen, bitte kommen Sie doch weit, weit weg, sondern eigentlich auf die Menschen da soweit zuzugehen, dass die Schule da stattfindet, wo sie sowieso hingeht, nämlich mitten in der Stadt.

Die Sprache der Stadtverwalter und -Bewohner

Schroeder: Jetzt haben wir beide sehr den Unterschied zwischen den Herausforderungen in Berlin und im Ruhrgebiet herausgearbeitet. Sehen Sie denn auch Parallelen in der Planung und in der Herausforderung an die Menschen, die vielleicht auch beide Städteräume haben.

Bader: Ja, wenn wir Stadt als Prozess begreifen, das ist ja schon eine wichtige Perspektivverschiebung. Also dass ich überhaupt mich selbst wirkmächtig in diesem Kontext fühle, finde ich, das gilt sowohl in Berlin, als auch im Ruhrgebiet. Und wir wissen ja, dass Stadt und gerade die Art, wie Stadt verhandelt wird, sehr oft zunächst mal sprachbasiert ist und dass diese Sprache - so wie vielleicht jetzt auch meine Sprache - einige Fachbegriffe, Ausdrücke mit sich bringt, die nicht jedem geläufig sind. Und das war auch ein Anliegen der Urban School, über ganz gezielte Gesprächsformate sozusagen gemeinsam in den Austausch zu kommen. Letzten Endes so ein Sprachtraining: Wie funktioniert eigentlich die Sprache der Stadt, das mitzubetreiben.

Schroeder: Und was würden Sie sagen, was kann jetzt die Stadtverwaltung von Hattingen oder von Witten oder von Berlin oder von Köln, was kann die jetzt lernen? Vielleicht für ihre Sprache, vielleicht für ihre Art und Weise, wie sie mit den Menschen umgeht. Was können Sie sozusagen von der Urban School Ruhr jetzt solchen Städteplanern mit auf den Weg geben als Erkenntnis?

Bader: Ja, die Stadtverwalter sprechen ja die Sprache der Stadtverwalter. Also die Urban School versucht eher, denjenigen, die jetzt nicht vertraut sind mit der sogenannten Fachsprache, die Begriffe ein bisschen zu öffnen und damit sie mitsprechen können und sich auch trauen vielleicht ihre Wünsche und Forderungen anzumelden. Die Stadtplanung hat tatsächlich in Witten jetzt weiterhin mit der Urban School zu tun. Wir hatten ein Format, was wir die 'as if Installation' genannt haben, was eben weniger sprachbasiert ist, sondern handlungsbasiert, das heißt, wir hatten Künstler eingeladen, Künstlerinnen, die im Stadtraum Projekte realisiert haben, in dem Fall Installationen.

Und eine Künstlerin hat vorgeschlagen, wie wär es wenn in der Stadt eine heiße, mit Feuer beheizbare Bank stehen würde. Und diese Bank wurde dann an einem Wochenende prototypisch aufgestellt, deshalb heißt es 'as if Installation', die ist jetzt wieder verschwunden. Aber wir sind jetzt nach wie vor, wir als Urban School, interessierte Stadtbewohner, und die Stadtverwaltung im Gespräch darüber, wo denn diese heiße Bank als nächstes in der Stadt auftauchen kann. Und ich glaube, das ist ein ganz wichtiges Vehikel vielleicht, dass man Gespräche herstellt zwischen Bewohnern und Verwaltern, wenn man so sagt. Denn so viele Kanäle haben wir da gar nicht, um tatsächlich gemeinsam um einen Tisch zu sitzen und darüber zu sprechen, was Stadt denn sein könnte.

Schroeder: "Mehr Kanäle für Unterhaltung, für gemeinsames Entwickeln, wie unsere Städte aussehen, das findet die Urban School Ruhr, das findet Markus Bader. Er ist einer der Herausgeber des Buches "Erkundungen urbaner Praxis" von der Urban School Ruhr. Vielen Dank.

Bader: Vielen Dank auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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