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StartseiteBüchermarktFlegeljahre eines Raubauz-Genies09.11.2018

Markus Fauser: "Rolf Dieter Brinkmanns Fifties"Flegeljahre eines Raubauz-Genies

Man hatte es geahnt: Hinter dem derb provozierenden und stur gegen die deutsche Gesellschaft anwetternden Rolf Dieter Brinkmann steckte offenbar eine früh gekränkte, empfindsame Dichterseele. Der Literaturwissenschaftler Markus Fauser kommt dem sanft scheuen Poeten Brinkmann in einer neuen Biografie auf die Spur.

Von Gisa Funck

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(Buchcover Aisthesis Verlag / Hintergrund: Imago / Ralph Peters)
Unterwegs in der literarischen Provinz (Buchcover Aisthesis Verlag / Hintergrund: Imago / Ralph Peters)
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Der große Außenseiter Ein Portrait über Rolf Dieter Brinkmann

Wer war Rolf Dieter Brinkmann? Und wie ist sein Werk heute einzuschätzen? Das ist auch dreiunddreißig Jahre nach Brinkmanns Unfalltod 1975 eine immer noch umstrittene Frage. Den einen gilt der Urvater der deutschen Popliteratur als zorniges, oft zitiertes "einziges bundesdeutsches Literatur-Genie" der 60er, 70er Jahre, wie Heiner Müller Rolf Dieter Brinkmann einmal bezeichnete.

Den anderen, etwa dem Schriftsteller Navid Kermani oder dem Literaturkritiker Niklas Maak, erscheint der 1940 in Vechta geborene Literaturprovokateur dagegen wie ein wildgewordener Kleinbürger, der gegen alles und jeden wetterte und zumindest verbal ein Frauenverächter war.

Doch irgendwie war der ruhelose, frühverstorbene Rolf Dieter Brinkmann wohl tatsächlich beides: Verzweifelter Einzelgänger und polternder Bürgerschreck. Empfindsamer Poet und grimmiger Rabauke, der es in seinen Text-Collagen Acid und Rom, Blicke nach dem Vorbild der US-amerikanischen Beat-Poeten vor allem darauf anlegte, die in seinen Augen feist gewordene Wiederaufbau-Gesellschaft gehörig zu schocken.

Immer noch umstrittener Literaturprovokateur

Der Literaturwissenschaftler Markus Fauser versucht in seiner Biografie "Rolf Dieter Brinkmanns Fifties" nun vor allem dem unbekannteren, schüchtern-sensiblen Dichter hinter dem Krakeler zu seinem Recht zu verhelfen. Oder, wie Fauser an einer Stelle schreibt:

"Gerade dieser Schriftsteller, bei dem die Leser später das Gegenteil vermuteten, weil sie das Dargestellte mit der Absicht der Darstellung verwechselten, ist bis in seinen Alltag hinein durchdrungen gewesen vom Drang nach Schönheit, dem er in ganz unterschiedlicher Form Ausdruck verlieh. Man sollte das nicht aus den Augen verlieren, wenn man Brinkmanns Texte beurteilt."

Markus Fauser leitet als Literaturprofessor die Rolf-Dieter-Brinkmann Forschungsstelle der Universität Vechta. Und man muss ihn sich als einen heroischen Wissenschaftler vorstellen. Denn es gibt zweifellos leichtere Aufgaben in der Germanistik. Das hat nicht nur etwas mit Brinkmanns Immer-Noch-Kultstatus in Deutschland zu tun. Das liegt auch an dessen Witwe Maleen, die den Nachlass ihres berühmten Mannes weitgehend alleine verwaltet und posthume Veröffentlichungen von Brinkmann-Texten (gelinde gesagt) nur höchst ungern Philologen überlässt. Vielleicht erklärt das, warum Fauser in seinem Brinkmann-Buch einen auffällig vorsichtigen Erzählduktus wählt. "So könnte es gewesen", ist eine von ihm mehrfach verwendete Konjunktiv-Formulierung.

Schule: Das graue Gefühl am Montagmorgen

Sein Kindheits- und Jugendporträt des Vechtaer Autors ist trotzdem ein echter Lesegenuss. Hat Fauser darin doch Fotos, autobiografische Texte von Brinkmann, Zitate von Weggefährten und eigene Erklärungen so geschickt miteinander verknüpft, dass der interessante Collage-Rückblick auf einen jungen Dichter gelingt, der sich früh als Außenseiter empfand:

"Schule: Das graue Gefühl am Montagmorgen, vor der Schulmesse und während der Schulmesse, in der endlos ein Schulchor lateinische Gesänge herunterdrückte vom staubigen, braun-grauen eichenen Orgelboden, und man kannte schon die Woche im voraus, die Schreckstunden, immer wieder, immer wieder, sah die keuchenden, asthmatischen Gestalten, die mit diffusen Erklärungen von Grammatik ankamen."

Gründe, sich als Ausgestoßener zu fühlen, fand der junge Rolf Dieter Brinkmann in der Katholiken-Enklave Vechta schnell mehr als genug. Schließlich entstammte er einer ärmlichen Familie von Nicht-Landbesitzern. Sein Vater, Josef Carl, arbeitete als Angestellter beim Finanzamt, seine Mutter Maria als Küchenhilfe.

Vechta: Eine sinnenfeindlich-katholische Diaspora 

1940 geboren, erlebte Brinkmann als Kleinkind außerdem noch die Bombardierungen Vechtas durch die Alliierten mit. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlangte man von dem empfindsamen Jungen dann, sich in ein rigides Schul- und Kleinstadtsystem einzufügen, in dem nicht nur alte Nazis, sondern auch katholische Hardliner das Sagen hatten. Fauser rekapituliert das so:

"Vechta war Diaspora inmitten einer protestantischen Region und natürlich hat die sehr strenge Erziehung und der nach katholischer Sitte geregelte Tagesablauf Spuren hinterlassen. Man wachte über das Gebaren der Jungen argwöhnisch. Schuldgefühle aufzubauen gehörte zur Erziehung selbstverständlich dazu."

Als seine Mutter, mit der der heranwachsende Brinkmann viel Streit hatte, 1957 mit nur 51 Jahren an Brustkrebs starb, wurde die Literatur für den Gymnasiasten endgültig zum seelischen Haltegriff. Begeistert las er die Existenzialisten Sartre und Camus, bewunderte aber auch Hesse, Wolf-Dietrich Schnurre und vor allem Gottfried Benn. Mit 16, 17 Jahren begann Brinkmann dann selbst expressionistische, manchmal auch arg kitschig-romantische Verse zu schreiben. Diese verschenkte er bevorzugt an Mädchen, in die er unglücklich verliebt war. Seinen katholischen Mitschülern hielt er zeitgleich flammende Reden über den Tod Gottes – und die daraus erwachsene, existenzialistische Eigenverantwortung des Menschen. Doch weder mit seinen Vorträgen noch mit seinen Gedichten fand der Einzelgänger viel Beifall oder Zuspruch.

Eine verzweifelte Suche nach Gleichgesinnten

Es liest sich anrührend, aber auch erschütternd bei Fauser, wie verzweifelt der junge  Brinkmann im Nachkriegs-Vechta auf der Suche nach Gleichgesinnten war – und wie erfolglos er bei seiner Suche blieb. Sogar seine erste Freundin Elisabeth Zöller hatte für die Nöte des Freundes damals offenbar kaum ein Ohr:

"Im Interview schildert Elisabeth Zöller, Brinkmann habe sich an sie geklammert und sich in die Geschichte hineingesteigert. In ihrem Bericht entsteht durch einige Anekdoten das Gesamtbild, er sei ‘alleine lebensuntüchtig’ gewesen und habe immer jemanden gebraucht.’"

Der spätere, berühmte "Zorn" Brinkmanns: Er wird verständlich, wenn man dieses einfühlsam collagierte Porträt eines unverstandenen, jugendlichen Sinnsuchers liest, der sich in seiner provinziellen Heimatstadt schrecklich einsam, abgelehnt und heimatlos gefühlt haben muss. Das ihn umgebende katholische Land-Bürgertum erblickte in ihm offenbar vor allem einen Problemjugendlichen, dem man seine Flausen mit Strenge auszutreiben versuchte. Was natürlich weitere Aufmüpfigkeiten des Aufmüpfigen provozierte.

Umgekehrt gehört es aber zur Stärke von Fausers Buch, dass dieses gleichzeitig auch nicht den früh ausgeprägten Größenwahn von Brinkmann verschweigt. Der nämlich gefiel sich als Teenager offenbar auch in der Rolle des verkannten Genies und erklärte schon seine allerersten Texte in maßloser Selbstüberschätzung zu exemplarischen Zeugnissen für eine ganze Generation.

Kränkung als Rollenmodell

Bezeichnenderweise triumphierte der spätere Schulabbrecher in Vechta dann immerhin doch ein einziges Mal: Nämlich als Schauspieler bei einer Schul-Theateraufführung in der Rolle von Borcherts Kriegsheimkehrer Beckmann. Also in einer echten Außenseiter-Paraderolle:

"In die Rolle des von allen anderen ausgeschlossenen Menschen Beckmann steigerte sich Brinkmann derart hinein, dass die Schule für ihn nebensächlich wurde. Auch nach den Proben trug er den Soldatenmantel Beckmanns, die Realität der kleinen Stadt Vechta betrachtete er fortan durch die ‘Gasmaskenbrille’ aus dem Drama."

Die Figur des Kriegsheimkehrers Beckmann wurde für den gekränkten, sich selbst zum unverstandenen Genie stilisierenden Teenager Rolf Dieter Brinkmann anscheinend zum lebensprägenden Rollenmodell. Zugegeben: So ganz überraschend klingt das nicht. Doch Fausers Biografie zeigt sehr eindringlich, wie aus dem eigentlich hochtalentierten, empfindsamen und zunächst regelrecht schwärmerischen Poeten Brinkmann aufgrund von unverdauten Kränkungen und Trotz jener oft wahllos um sich keifende Literatur-Provokateur werden konnte, dem irgendwann leider jedes Urteilsmaß verlorenging.

Markus Fauser: "Rolf Dieter Brinkmanns Fifties – unterwegs in der literarischen Provinz", Aisthesis Verlag, Bielefeld, 116 Seiten, 19,80 Euro.  

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