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StartseiteEuropa heuteDas Unbehagen der Katholiken24.03.2020

Marode Kirchen in FrankreichDas Unbehagen der Katholiken

Messen und Beerdigungen ohne Priester, kaputte Glocken und Bänke: Frankreichs Kirchen auf dem Land verfallen. Ein Das nutzen vor allem rechte und rechtsextreme Politiker aus, um Wähler an sich zu binden.

Von Birgit Kaspar

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Außenansicht der Kirche in Belloc (Deutschlandradio / Birgit Kaspar)
Die Kirche im Dorf Belloc stammt aus dem Jahr 1828 (Deutschlandradio / Birgit Kaspar)
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Maguy Brunet dreht den 20 Zentimeter langen, eisernen Schlüssel im Schloss der einfachen, grau gestrichenen Holztür und ruckelt an ihr, bis sie sich öffnet. "Voilà l’église de Belloc." In dem kalten, leicht feuchten Kirchenschiff stehen rund zwei Dutzend Holzbänke. Die Wände sind hellblau und weiß gestrichen, vielerorts blättert die Farbe ab, mitunter sogar der Putz.

"Feuchtigkeit ist ein Problem. Die Kirche ist vernachlässigt, seit hier keine Messen mehr abgehalten werden, wird sie auch nicht mehr instand gesetzt. Sie bräuchte eine Renovierung."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Laizität in Frankreich - Verschleierte Debatte".

Die Kirche aus dem Jahre 1828 in dem kleinen Dorf Belloc mit rund 50 Einwohnern gehört wie alle französischen Kirchen, die vor dem Laizitätsgesetz über die Trennung von Kirche und Staat von 1905 erbaut wurden, der Kommune. Die katholische Kirche nutzt sie, für das Gebäude ist jedoch der Bürgermeister zuständig. Doch die kleinen Gemeinden haben in der Regel wenig Geld. Aber das sei nicht alles, erklärt die 63-Jährige, in enger, schwarzer Hose, rotem Pullover, rotem Mantel, die Lippen passend geschminkt:

"Die Kommune kümmert sich nicht. Ich denke, etwas Geld für ein paar Maßnahmen wäre schon da. Aber es gibt Prioritäten und die Kirche gehört nicht dazu."

Messen und Beerdigungen finden ohne Priester statt

Selbst die katholische Kirche zeige wenig Interesse, sich in ländlichen Regionen zu engagieren. Und das, obwohl der Anteil der praktizierenden Gläubigen unter den Landwirten mit rund 21 Prozent nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts IFOP fast doppelt so hoch liegt wie der nationale Durchschnitt. Maguy Brunet streicht ihre dunkelbraunen Haare aus dem Gesicht und winkt ab:

"Hier gibt es so gut wie keine Messen mehr, denn ein Pfarrer ist für 150 Kirchen in der ganzen Gegend zuständig. Wenige Priester unterstützen ihn. Manchmal schicken sie uns Laien, meist Frauen."

Die Bellocoise, die in dieser Kirche getauft wurde und auch hier geheiratet hat, seufzt: "Wir fühlen uns im Stich gelassen. Wenn man noch nicht mal einen Priester oder Pfarrer für die Beerdigung hat, dann fühlt man sich wirklich verlassen, ich weiß nicht … es ist merkwürdig."

Der Altarraum in der Kirche von Belloc (Deutschlandradio / Birgit Kaspar)Der Altarraum in der Kirche von Belloc müsste dringend restauriert werden (Deutschlandradio / Birgit Kaspar)

Mit einem Besen fegt sie dicke Staubflocken und ein paar Blätter zusammen. Sie ist die einzige, die sich noch um die Kirche kümmert: "Ich versuche, sie einigermaßen sauber zu halten und wenn es ausnahmsweise mal eine Messe gibt, dann schmücke ich die Kirche mit Blumen. Meine Mutter hat das vor mir gemacht und ich hoffe, meine Enkelin wird das später übernehmen. Es ist eine Familientradition."

Das bedeute auch, Kerzen zu kaufen. Oder die Glocken zu läuten. Wenn jemand im Dorf gestorben sei, auch manchmal sonntags, oder wenn sie Lust darauf habe. Die zierliche, elegante Rentnerin geht zu den zwei blauen Seilen im hinteren Bereich der Kirche und zieht daran.

Katholiken auf dem Land fühlen sich an den Rand gedrängt

Sie läutet den Angelus und den Ruf zur Sonntagsmesse. Wie früher, als sie noch zelebriert wurde. Auch diese beiden Glocken müssten unbedingt repariert werden. "Das alles stimmt mich traurig. Ja, wir Katholiken auf dem Land sind irgendwie Waisen geworden. Und deshalb auch wenig motiviert. So ist es."

Es ist ein kollektives Unbehagen, das Gefühl vom Zentrum der Gesellschaft an ihren Rand gedrängt worden zu sein, das viele Katholiken prägt – besonders auf dem Land. Ein Unbehagen, das vor allem rechte und rechtsextreme Politiker ausnutzen, um sie als Wähler an sich zu binden.

Er sei Gaullist und außerdem Christ, betonte der Republikaner Francois Fillon während des Wahlkampfes 2017 in den Hauptnachrichten auf TF1 – und löste damit heftige Debatten aus. Sollten nicht gerade Politiker im laizistischen Frankreich in Religionsfragen strikte Neutralität wahren? Doch auch andere wie Nicolas Sarkozy und nicht zuletzt Marine Le Pen unterstreichen gern ihre eigenen und die christlichen Wurzeln Frankreichs. Oft gepaart mit anti-islamistischer Rhetorik und der Forderung nach einem strikten Respekt der Laizität.

Vergangenheit wird den Mäusen überlassen

Maguy Brunet sieht solche Äußerungen als Wählerfang.  Doch die Wahlparolen scheinen nicht ohne Wirkung zu bleiben. Der Soziologe Yann Raison du Cleuzion nennt es ein Paradox: "In der französischen Gesellschaft geht die Zahl der praktizierenden Katholiken zurück und gleichzeitig scheint der Katholizismus in den vergangenen Jahren in der Politik eine immer zentralere Rolle zu spielen, zumindest bei den Rechten."

Dem Sender Radio Chrétienne Francophone sagte er, die Katholiken würden in Frankeich aufgrund der Geschichte niemals eine religiöse Minderheit wie jede andere sein.

Verstaubte heilige Schriften liegen in der Sakristei der Kirche von Belloc am Boden. Die ganze Vergangenheit werde den Mäusen überlassen, sagt Maguy Brunet traurig. Sie geht langsam zurück zur Kirchentür und hält einen Moment inne. Ob Gläubige am Ende doch glücklicher sind als Atheisten, fragt sie sich. Dann schließt sie die kleine Kirche wieder ab.

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