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StartseiteTag für TagMit Doppelmoral gegen sexuelle Freiheit08.09.2016

MarokkoMit Doppelmoral gegen sexuelle Freiheit

Seit zwei Wochen gibt es in Marokko kaum ein anderes Thema: Zwei Top-Repräsentanten der islamistischen Bewegung für Einheit und Reform wurden angeblich in flagranti beim Ehebruch erwischt. Das Delikate daran: Die Bewegung ist der religiöse Arm der Regierungspartei. Ein Skandal, und das vier Wochen vor der Parlamentswahl.

Von Jens Borchers

Eine aparte, schöne junge Frau mit hochgestecktem Pferdeschwanz hält eine Rede auf einer glamourösen Veranstaltung. (dpa / EFE / Alberto Morante)
Die Schauspielerin Loubna Abidar, die in dem Film "Much loved" eine Prostituierte spielt, wurde in Casablanca tätlich angegriffen und lebt seither in Paris. Von dort kommentiert sie die Doppelmoral ihres Landes. (dpa / EFE / Alberto Morante)
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Fatima Nejjar ist abgestürzt. Bis vor kurzem war die 53jährige Witwe eine religiöse und moralische Instanz in Marokko. Nejjar ermahnte junge Menschen bei Vortragsveranstaltungen immer wieder: "Widersteht der Versuchung und dem Laster!"

"Wenn eine Frau und ein Mann aufeinandertreffen", sagte Nejjar immer wieder, "dann ist immer der Teufel dabei."

Jetzt tappte Fatima Nejjar zusammen mit einem Bruder im Geiste in eine teuflische Falle: Die Polizei erwischte sie mit dem verheirateten Omar Benhammad in flagranti frühmorgens am Strand. Die Beamten wollen die beiden in einem Auto in eindeutiger sexueller Position vorgefunden haben. Zwei Punkte sind heikel an dieser Affäre:

Erstens müssen die beiden vor Gericht: Außerehelicher Sex wird in Marokko mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft. Zweitens zählten sie zur Führungsriege der islamistischen Bewegung für Einheit und Reform. Die tritt im Namen der Religion für höchste Moral und Reinheit ein und schmiss die beiden sofort raus.

Politischer Skandal

Aber auch politisch ist der Skandal heikel. In vier Wochen muss Marokkos Regierungspartei PJD zur Parlamentswahl antreten. Die Bewegung für Reform und Einheit ist ihre religiöse Basis. Schon im vergangenen Jahr waren eine Ministerin und ein Minister der Regierungspartei PJD über eine außereheliche Affäre gestolpert. Beide verloren ihre Regierungsämter. Damals wie heute debattiert Marokko über sexuelle Freiheit und was die den Staat angehen sollte. Über Doppelmoral und Scheinheiligkeit.

Die Schauspielerin Loubna Abidar weiß darüber mehr, als ihr lieb ist. Abidar spielte die Hauptrolle in dem Kino-Film "Much Loved". Ein Film über Prostituierte in Marokkos Touristen-Hochburg Marrakech. Prostitution ist in Marokko verboten. Aber sehr verbreitet. Wegen ihrer Rolle in "Much Loved" wurde Loubna Abidar als "Hure" beschimpft:

"Sie behandeln mich als Hure – das stört mich nicht. Denn bei mir zu Hause rauchst du eine Zigarette – schon bist du eine Hure. Du ziehst ein Kleid an? – Hure. Du hast einen Freund? – Hure. Du bist anders als die Anderen? – Hure. Weil ich eine Hure gespielt habe, beschimpfen sie mich, das kenne ich. Aber viele Frauen in Marokko hören das jeden Tag auf der Straße. Oft."

Islamistische Doppelmoral

Das erbost die Schauspielerin. In ihrem Fall blieb es allerdings nicht bei Beschimpfungen. Als der Film "Much Loved" international Aufsehen erregte, wurde er in Marokko offiziell verboten. Begründung: Er schade dem Ruf des Landes. Wohlgemerkt: Der Film schade dem Ruf Marokkos. Nicht die grassierende Prostitution.

Wenig später wurde Loubna Abidar in Casablanca auf der Straße tätlich angegriffen. Sie floh nach Paris. Und kommentiert von dort aus immer wieder die Doppelmoral in ihrem Heimatland. Auf der einen Seite die offizielle, mit viel religiösem Eifer vertretene hohe Moral. Auf der anderen Seite die Affären, die Prostitution, die Korruption – all das, was geduldet ist, solange es im Verborgenen geschieht.

Wehe, wenn so etwas rauskommt, so wie jetzt im Fall der beiden in flagranti ertappten Islamisten. Fatima Nejjar ist als öffentliche Person erledigt. Ihr verheirateter Liebhaber, Omar Benhammad, wollte vor einigen Tagen in der Moschee beten. Benhammad wurde  von empörten Gläubigen bespuckt, beschimpft und vertrieben. Das berichtete ein marokkanischer Online-Dienst:

Überschrift: "Marokkaner dulden keine Heuchelei".

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