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StartseiteInterviewMarshallplan für Haiti14.01.2010

Marshallplan für Haiti

Botschafter hofft auf Hilfe aus Deutschland

Der Botschafter Haitis in Deutschland, Jean-Robert Saget, bedankt sich für die Spendenbereitschaft der Deutschen. "Langfristig oder mittelfristig gesehen muss es so eine Art Marshallplan für Haiti geben", sagte Saget.

Jean-Robert Saget im Gespräch mit Silvia Engels

Erdbeben in Haiti (AP)
Erdbeben in Haiti (AP)

Silvia Engels: Verzweifelte Menschen, Trümmerberge. Aus Haiti erreichen uns nach der Katastrophe Bilder, die denen nach anderen großen Erdbeben auf den ersten Blick ähneln. Doch in Haiti ist das Ganze wohl noch etwas schlimmer, denn der Karibikstaat war schon vor dieser Heimsuchung eines der ärmsten Länder der Welt. Die Infrastruktur und die Versorgung sind schon unter Normalumständen unterentwickelt, nun sind sie völlig zusammengebrochen, und auch deshalb stehen die Chancen für viele Verschüttete in Haiti schlecht.

Zugeschaltet in Frankfurt am Main ist uns nun Jean-Robert Saget. Guten Tag!

Jean Robert Saget: Guten Tag.

Engels: Welche Nachrichten haben Sie zurzeit aus Haiti?

Saget: Welche Nachrichten?

Engels: Ja, ganz genau.

Saget: Ich habe im Moment leider keine Neuigkeiten. Seit heute Morgen haben wir schon ein paar Informationen bekommen, aber ich habe festgestellt, dass die meisten von Ihren Kollegen auch diese Informationen schon haben. Das Neueste, was ich gehört habe, war, dass der Erzbischof von Port-au-Prince bei dieser Katastrophe gestorben ist. Auch der Chef der Blauhelme in Haiti, der Vertreter des Generalsekretärs der UNO, ist bei der ganzen Geschichte dort gestorben.

Die Zahl der Opfer hat sich ein bisschen vergrößert; sie wird jetzt geschätzt auf über 100.000. Ich kann das noch nicht bestätigen, weil ich bis jetzt keine Möglichkeit habe, mit den haitianischen Behörden zu sprechen, damit ich offizielle Angaben kriege. Da ich jetzt die ganze Zeit unterwegs bin, habe ich auch keine Möglichkeit, irgendwie in Haiti anzurufen. Das will ich jetzt heute Nachmittag machen, wenn ich wieder in Berlin bin.

Engels: Die Regierung - wir haben es gesehen - von Haiti hat ja Probleme, nach den Zerstörungen überhaupt handlungsfähig zu sein. Das deckt sich ja mit Ihren Erfahrungen. Kann im Moment die Regierung in Haiti überhaupt handeln?

Saget: Das ist auch so, dass viele Regierungsgebäude zusammengebrochen sind. Und ich gehe davon aus, dass viele Kollegen von den Kadern blockiert sind unter den Trümmern, und deshalb ist das natürlich sehr schwierig für die Regierung, jetzt so zu handeln, wie sie handeln sollte.

Außerdem ist es so, dass die Blauhelme selbst, die eigentlich helfen sollten, Probleme haben, weil: Viele von diesen Soldaten sind wahrscheinlich auch gestorben. Das ist eine sehr schwierige Situation. Wir versuchen, was wir können. Heute Nachmittag werde ich dann versuchen, mit den Kollegen telefonischen Kontakt zu haben, damit ich genaue Angaben bekommen kann.

Ich habe auch einen Termin mit dem Auswärtigen Amt, mit dem Krisenstab beim Auswärtigen Amt heute Nachmittag, und da hoffe ich auch, zusätzliche Informationen zu bekommen, denn das Auswärtige Amt hat über Funk Kontakt zu der deutschen Botschaft in Haiti und da gibt es vielleicht neuere Informationen für mich.

Engels: Funkkontakt sagen Sie. Das ist im Moment das Medium, das überhaupt funktioniert, denn die meisten Telefonleitungen sind ja gestört.

Saget: Ja, diese Leitungen sind gestört, aber ich kann mir vorstellen, es gibt so gewisse Telefonnummern, die man erreichen kann. Natürlich kenne ich die nicht und ich muss jetzt versuchen, sobald ich in Berlin bin, irgendwie dafür zu sorgen, dass ich auch die Telefonnummer kriege, wo ich mit meinem Ministerium Kontakt herstellen kann.

Engels: Herr Botschafter, Sie haben es angesprochen: Schon die Meldungen aus der Hauptstadt sind unübersichtlich und unklar. Haben Sie denn irgendwelche Erkenntnisse über den Stand der Katastrophe in den ländlichen Regionen?

Saget: Ich höre Sie sehr schlecht, weil ich am Flughafen bin und über Handy spreche. Können Sie bitte ein bisschen lauter sprechen?

Engels: Ich bemühe mich. Haben Sie irgendwelche Erkenntnisse über die Situation auf dem Land?

Saget: Ich weiß zum Beispiel aus meiner Heimatstadt - die ist etwa 80 Kilometer von Port-au-Prince entfernt, nördlich von Port-au-Prince -, da ist nichts passiert. Es gibt viel mehr Schäden im Süden, in Les Cayes - das ist die drittgrößte Stadt in Haiti - und Jacmel - das ist eine sehr schöne kleine Touristenstadt. Da gibt es wahrscheinlich irgendwelche Probleme, Folgen von diesem Erdbeben.

Aber da ist es natürlich nicht so wie in Haiti, weil das Epizentrum praktisch in der Nähe von Port-au-Prince ist und Port-au-Prince ist eine Stadt mit über zwei Millionen Einwohnern. Also kann ich mir vorstellen, dass dort sehr viele Leute betroffen sind. Es ist sehr schlimm, was dort passiert ist. Wir sind alle sehr schockiert. Die Information, die ich aus meiner Heimatstadt habe, dass dort nichts passiert ist, dass die Leute heil sind, sie sind nicht betroffen worden von diesem Erdbeben.

Engels: Das ist ja eine gute Nachricht in der großen Katastrophe. Was erwarten Sie von Deutschland in dieser Situation?

Saget: Ich höre Sie wirklich sehr schlecht.

Engels: Was erwarten Sie von Deutschland in dieser Situation?

Saget: Ich höre Sie sehr schlecht, weil ich hier am Flughafen bin.

Engels: Wir verstehen Sie sehr gut. - Wollen Sie noch etwas sagen, was Sie nun von Deutschland erwarten?

Saget: Die Spendenbereitschaft der Deutschen ist natürlich sehr gut, die haben sehr viel gemacht. Ich bin mit zwei Organisationen nach Frankfurt geflogen, mit denen wir zusammenarbeiten, mit Luftfahrt ohne Grenzen und Homedica, die Sendungen nach Haiti geschickt haben.

Wir haben jetzt so viele Sachen bekommen, dass wir denken, wir könnten vielleicht ein Flugzeug mieten, um nach Haiti zu fliegen mit Journalisten, um diese Sachen dorthin zu transportieren. Wir überlegen, ob das jetzt im Moment sinnvoll ist, weil: Wir haben letztes Mal mit diesen beiden Organisationen eine Sendung geschickt und erste Teams, die dort arbeiten werden, und von denen werden wir wissen, wie interessant das ist.

Die Bundesregierung hat schon zugesagt, etwa 1.500.000 Euro für diese Organisationen zur Verfügung zu stellen, die in Haiti tätig sind, aber ich weiß: Das ist natürlich ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir erwarten aber nicht von Deutschland, dass Deutschland die ganze Arbeit macht. Die anderen Länder, Amerika, Kanada, Frankreich, Spanien und viele Länder Lateinamerikas, die auch schon betroffen sind von dieser Sache, wollen auch mithelfen. Langfristig oder mittelfristig gesehen muss es so eine Art Marshallplan für Haiti geben, aber das ist natürlich ein Traum. Ob das irgendwann mal Wirklichkeit wird, das wollen wir alle hoffen.

Engels: Der Botschafter des Landes Haiti. Ja, wir haben Sie gut verstanden. Wir danken Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben, direkt vom Frankfurter Flughafen.

Saget: Wissen Sie, wir brauchen die Medien, weil ich glaube, jedes Mal, wenn die Leute das hören - die Deutschen sind sehr spendenfreundlich -, dann wird gespendet, und ich hoffe weiterhin auf die Unterstützung der Journalisten, damit wir die Leute erreichen können.

Engels: Vielen Dank für diese Informationen. - Wir sprachen mit dem Botschafter Haitis, Jean-Robert Saget. Die zum Teil schlechte Verständigungsmöglichkeit bitten wir, zu entschuldigen.

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