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StartseiteCorso"Wir sind in den 90ern politisiert worden"05.03.2016

Marten Ebsen von der Punk-Band Turbostaat "Wir sind in den 90ern politisiert worden"

Das Land "Abalonia" findet sich auf keiner Karte, es entsprang der Fantasie von Marten Ebsen, dem Songschreiber der Punkband Turbostaat. Was "Abalonia" für ein Land ist und ob es überhaupt exisitiert, beantwortet Marten Ebsen im Interview zur neuen Platte, mit der Turbostaat nun auf Tour geht.

Marten Ebsen im Gespräch mit Anja Buchmann

Marten Ebsen, Songschreiber und Gitarrist der Punk-Band Turbostaat, hier auf dem Highfield Festival 2014 am Störmthaler See, Großpösna, im August 2014 (imago / Future Image)
Marten Ebsen, Songschreiber und Gitarrist der Punk-Band Turbostaat: "Die Musik sollte etwas erzählerischer werden." (imago / Future Image)
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Bernd Lechler: Aus dem hohen Norden kommen sie, die Jungs der Punk-Band Turbostaat, wohnen aber inzwischen in Berlin. Vor 16 Jahren in Husum gegründet, haben sie mit ihrem sechsten Longplayer "Abalonia" ein Konzeptalbum geschaffen, das mit einer Mischung aus Mithüpf-Punk, Rock und sogar etwas Wave die Geschichte einer Flucht erzählt. Der Aufbruch zum imaginären Sehnsuchtsort Abalonia. Anja Buchmann hat mit dem Songschreiber der Band, Marten Ebsen, gesprochen und ihn auch zur Bedeutung von "Abalonia" befragt.

Marten Ebsen: Abalonia ist eigentlich nur ein Kunstwort, das wir benutzt haben, was jemand mal als "Dummy" für Texte benutzt hat und wir fanden das Wort gut und in erster Linie, dass es gar keine Bedeutung hat.

Anja Buchmann:  Also es steht nicht für ein Sehnsuchtsland – oder es stand zumindest ursprünglich nicht für ein Sehnsuchtsland, wo Menschen hin flüchten können?

Ebsen: Nee, es geht eigentlich darum, dass da nichts hinter steckt. Dieser Sehnsuchtsort ist nicht existent und es gibt keine Idee davon. Das ist, was ich daran gut fand, dass alle Fragen oder alle Möglichkeiten, wo man Antworten bekommt auf seine Fragen, Leerstellen sind in dieser Platte.

Buchmann:  Es geht um die Hauptfigur Semona, die sich aufmacht zu diesem Sehnsuchtsort Abalonia, noch jemanden kennen lernt, die werden ein Liebespaar und befinden sich quasi auf der Flucht. Erzählen Sie mal – worum geht es genau?

Ebsen: Im Grunde geht es um ein junges Mädchen, was es nicht so leicht hat in sein Leben, weil es nicht rein passt in die Gesellschaft und in ihre Stadt und mit ihrem Kumpel ausreißt aus dieser Stadt und abhaut.

Buchmann:  Warum passt sie nicht so ganz rein?

Das "klassische Mädchenbild" lässt kaum Raum

Ebsen: Was immer wieder verarbeitet wird in allen Texten von uns, das ist dass man nicht so ganz reinpasst in diese Gesellschaft. Es gibt Wege, die man begehen müsste und wenn man das nicht will, dann wird es schon schwierig. Und auch Plätze, die einem die Gesellschaft zuweist – zum Beispiel auch als Frau. Das fand ich gerade spannend, weil ich das auch an meiner Tochter sehe, wie wenig Raum da links und rechts von diesem klassischen Mädchenbild ist. Deswegen habe ich eine Frau dafür gewählt oder eine weibliche Hauptdarstellerin.

Buchmann:  Also an ihrer Tochter merken Sie, dass es zum Beispiel im Spielzeugladen oder im Klamottengeschäft, dass es jenseits von Prinzesschen, Rosa und Plüsch nicht so viele Alternativen gibt?

Ebsen: Naja, wenn man das jetzt auf Äußerlichkeiten bezieht, schon mal ja.

Buchmann:  Da steckt ja auch noch was hinter diesen Äußerlichkeiten?

Ebsen: Genau. Also viele Mädchen oder Frauen in meinem Umfeld haben ganz schön zu knabbern daran, dass es immer diese festen Wege gibt, die man gehen muss.

Buchmann:  Was kann man alles rein deuten in Abalonia? Ich hätte natürlich angesichts der viel diskutierten Flüchtlings-Themen auch in diese Richtung gedacht. Was war für Sie der Ausgangspunkt, diese Geschichte zu schreiben? Denn es war ja zunächst mal die Idee der Geschichte und dann die Musik.

Ebsen: Das ist so halb richtig. Aber mir ging es eigentlich eher darum, wir haben das erste Lied für die Platte geschrieben und waren der Meinung, dass man ein bisschen – und ich meine das jetzt nicht absolut –, ein bisschen erzählerischer werden wollte. Ich habe schon immer so geschrieben und auch die Musik sollte etwas erzählerischer werden, nicht einfach nur Strophe Refrain, Strophe, Refrain und fertig ist die Wurst, sondern mal andere Wege gehen. Und daraus ist die Idee entstanden, denn aus so einer Reise kann man viel machen. Jemand läuft rum, trifft Leute, da kann man ja jedes x-beliebige Thema oder jede x-beliebige Person treffen. Deswegen hab ich schon am Anfang in diese Richtung gedacht.

Buchmann:  Und es ging für Sie damals noch gar nicht so sehr um Flüchtlinge?

Ebsen: Flüchtlinge – nee, ja,…

Buchmann:  Oder ist das etwas, was man angesichts der ständig präsenten Thematik, oder ich in diesem Fall, da rein interpretiere – und Sie sagen: Kann man, muss man aber nicht?

"Punk-Ding und Antifa"

Ebsen: Nee, es spielt da schon mit rein und das habe ich auch diesem Menschen, der das Info geschrieben hat, gesagt. Es spielt da rein und wir kommen ja aus diesem Punk-Ding und Antifa. Wir sind mit dieser Fremdenfeindlichkeit in Deutschland Anfang der 90er großgeworden, da sind wir politisiert worden. Und das spielt schon ne große Rolle in unserem Leben und man ist da auch relativ hellhörig dann. Weil es eine Sache ist, mit der man sich nun schon seit Jahrzehnten befasst und dagegen engagiert.

Buchmann:  Alles ist besser als der Tod – singen Sie in "Ruperts Gruen". Was sagt uns das – das klingt ja sehr verzweifelt.

Ebsen: Ja, in dem ersten Lied wird sie ja quasi von einem wütenden Mob durch die Straßen gejagt und muss ja wegrennen. Und ihr Begleiter sagt zu ihr: Alles ist besser als der Tod, kommt wir gehen wir weg. Also die Entscheidung, sich nicht aufzureiben, sondern einfach weg zu rennen.

Buchmann:  Was sagt der Titel Ruperts Gruen, hat der irgendeine Bedeutung?

Ebsen: Das weiß ich nicht. Muss ich ehrlich sagen, ich hab mir das irgendwann aufgeschrieben und ich hab vergessen warum. Ich habe einen Notizblock in meinem Telefon und da schreib ich mir immer irgendwelche Liedertitel oder Ideen rein. Ohne Kommentar oder so, man ist ja auch faul. Und da stand das einfach drin, ich fand das gut.

Buchmann: Sie sagten selbst vorhin, dass es gerade bei diesem Album nicht mehr so lief, dass Sie einfach Strophe, Bridge, Refrain und dann einen netten 3-Minuten Track gemacht haben – sondern das ganze etwas aufwändiger gemacht haben mit Tempiwechsel etc. Das war Ihnen ein musikalisches Anliegen?

Ebsen: Das hat auch damit zu tun, dass die Limitierung einen dann auch erschöpft und man auch keine Ideen mehr hat. Und wenn man dann was ändert oder es sich vornimmt, dann sprudelt es wieder. Es ist ja auch so, dass da fünf Leute in einem Raum stehen und wir machen was zusammen und treffen in dem Moment auch Entscheidungen, wo es hin geht. Das ist dann auch kein Dogma nach stundenlangen Überlegungen, sondern manchmal einfach eine Reaktion.

Buchmann:  Das heißt, Sie bringen Songideen mit und die werden von der Band er-improvisiert und arrangiert im gemeinsamen Spiel?

"Es gibt keinen festen Weg bei uns"

Ebsen: Genau, man hat meistens dann so Strophe, Refrain, was man auch auf einer Wanderklampfe spielen könnte und davon gehen wir aus. Manchmal sind es aber auch kleine Ideen, die einer von uns mitbringt und daraus entsteht was. Wir haben auch Sachen erspielt, es gibt Sachen, die sind vorher erdacht – es gibt da keinen festen Weg bei uns.

Buchmann:  Würden Sie das Album auch als politisches Werk bezeichnen?

Ebsen: Politische Themen und Ideen spielen eine Rolle, sind aber nicht die Hauptattraktion. Ich bin auch nicht so ein kühler Kopf, der politisch dezidiert was darlegen könnte. Also ich schreibe einfach aus meiner eigenen Lage heraus.

Auch wenn Sie es nicht darauf anlegen, dass es eine konkrete Wirkung hat – kann Musik mit wie auch immer gearteten konkreten oder weitläufigen politischen Texten, kann die im Kleinen etwas bewirken, verändern?

Ebsen: Ich habe ja nur mich persönlich als Beispiel und dann würde ich ein dickes "ja" sagen. Weil für mich war nicht die Idee von linker Politik oder Punk vordergründig das Ding. Sondern das war ne Gruppe wie "Slime oder so, die "Deutschland muss sterben" gesungen hat und ich fand es fetzig und super und wir sind dazu rumgesprungen in unseren Zimmern. Diese Energie und Deutlichkeit haben mir sehr gefallen. Und später kamen dann die Sachen, die etwas mehr hinterfragt haben. Natürlich, es hat mich die ganze Zeit beeinflusst. Meistens mehr als ein politischer Artikel, den ich gelesen habe.

Buchmann:  Insofern könnte das mit Ihrer Musik bei anderen wiederum auch passieren?

Ebsen: Das mag sein, das weiß ich nicht. Es ist auf jeden Fall nicht ein Projekt, dass man das so macht, um Politik hinten rum zu verkaufen. Ich schreibe einfach nur meine Sicht der Dinge auf und schreibe Geschichten und da schwingt natürlich sowas mit.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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