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StartseiteBüchermarktAuf der Suche nach der Maschine im Denken30.11.2018

Martin Burckhardt: "Philosophie der Maschine"Auf der Suche nach der Maschine im Denken

Sind Maschinen zerstörerisch oder himmlische Verbesserungen unseres Lebens? Martin Burckhardt hält beide Positionen für Irrwege. Er will die Maschine neu verstehen. Dazu zeichnet er ihre Geschichte nach, zeigt ihre vielen Wandlungen auf - und kommt einem spannenden philosophischen Effekt auf die Spur.

Von Alexander Fischer

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Alte Portalkrane im Hamburger Hafen Museum vor der Sonne. (picture alliance / Imagebroker)
Kräne, Rechenschieber, Kriegsgerät, Turbinen und Computer - Maschinen sind das Gerüst unserer Welt (picture alliance / Imagebroker)
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"Ist es nicht so, als ob wir das Gefüge von Algorithmen und Theoremen, das das Gerüst der Welt bildet, einst aus uns selbst entworfen, dann vergessen haben, um es nun mühsam wieder zurückzuholen? Ist es nicht so, dass wir nur entdecken, was wir selbst erfunden haben?"

Diese Worte sagte der Medienphilosoph und Querdenker Vilém Flusser in den frühen 1990er Jahren. Der Kulturtheoretiker Martin Burckhardt macht sich in seinem Buch "Philosophie der Maschine" nun auf eben jene Suche: Nach dem, was gewissermaßen das Gerüst unserer Welt bildet, um das zu entdecken, was wir selbst erfunden haben - die Maschine. Eine Maschine ist dabei mehr als ein gerätehaftes Objekt, das wir durchbuchstabieren könnten. Wobei, selbst das können wir ja nicht mehr: Oder haben Sie eine detaillierte Ahnung wie ihr Smartphone funktioniert? Können Sie auf den Punkt genau sagen, was ein Computer für eine Funktion hat? Ich auch nicht. Die Maschine ist nicht nur eine komplizierte Angelegenheit, sondern unterdessen in Form von durch unsere Blutbahnen sausenden Nanobots winzig klein, mehr noch: sogar körperlos geworden; man könne, so Burckhardt, "von einer Invasion der Maschinen sprechen." Sie sind quasi überall. In uns, an uns, um uns herum.

Zwischen Himmel und Hölle

Die Maschine an sich zu verstehen ist ein umfängliches, recht kompliziertes Unterfangen aber, gelinde gesagt, virulent. Burckhardt, den vor Jahren "die Frage der Maschine heimgesucht hat", verspürte dabei "jene geistige Unruhe, für die man - um sie einzuhegen - die Disziplin der Philosophie erfunden hat." Daraus gebar er dieses Buch, mit dem er sich an das Verstehen der Rolle der Maschine in unserer Kultur wagt, mit klarer Vorstellung, wie es nicht gehen soll: mit anhimmelnder Geste oder ängstlichem Katastrophisieren, wie es oft der Fall ist, sondern aufklärerisch. Da könnte man die Philosophie als mehr als Beruhigungspille verstehen, nämlich als methodisches Vehikel. Aber - es gibt immer ein Aber -: Die Philosophie habe es schlicht bisher nicht geschafft, ein angemessenes Verstehen der Maschine zu entwickeln. Vielmehr blieb die Maschine, die zwar die "zentrale Vernunftmetapher" wurde, in der abendländischen Philosophie ein "blinder Fleck". Womit wir bei der Relevanz des vorliegenden Textes wären. Denn wenn wir die Philosophie so in den Kontext des Grübelns über die Maschine einführen, verschiebt sich das Problem vom grundsätzlichen Verstehen dessen, was eine Maschine ist, wie folgt: Es stellt sich die Frage, warum die Philosophie hier einen blinden Fleck hat und was dieser blinde Fleck eigentlich ist. So erhält das Buch einen aufklärerischen Auftrag, der den Inhalt strukturiert: Es geht darum, die Verstrickungen von Philosophie und Maschine aufzuzeigen; das lässt sich besorgen, indem man den verschiedenen "Metamorphosen der Maschine" in archäologischer Manier nachgeht, um die Maschine so in der Konsequenz besser, vielleicht sogar neu, im Zusammenhang des Denkens sehen zu können. Das schließlich bedeutet, dass Burckhardt keine ausbuchstabierte Philosophie der Maschine liefert, sondern vielmehr Vorarbeiten für eine solche; zuallererst ein Buch darüber also, was die Maschine mit dem Denken der Philosophie zu tun hat. Dabei wird sie letztlich gar zu ihrer Bedingung, die Maschine wird von Burckhardt als "ein Denken ohne Denker" entdeckt, das die Philosophie gar erst hervorbringe und seither in ihr als Gespenst herumspuke.

"Folglich ist die Philosophie der Maschine durchaus als eine Form der Gespensteraustreibung zu sehen - nur, dass diese Gespenster nicht im Aberglauben oder in der Volksfrömmigkeit zu Hause sind, sondern sich in der Philosophie, der Logik und der Mathematik, ja in den Institutionen unserer Gesellschaft selbst eingehaust haben."

Labyrinth der Maschinenmetamorphosen

Um diese Entdeckung zu machen und dem Gespenst Maschine beizukommen, muss Burckhardt es vermeiden, sich im, wie er sagt "Labyrinth der Philosophie", einem "Irrgarten der Begriffe", zu verirren und bloß wie ein Schulphilosoph die Ahnengalerie der Philosophiegeschichte abzuschreiten. Diese Abgrenzung von der Philosophie - wobei nicht immer klar ist, welche Philosophie das eigentlich sein soll - ist für ihn auch methodisch geboten, denn die Maschine schlägt ins Denken ein, "lange bevor sie von der Philosophie aufgegriffen wird" - sie ist gar das "Unbewusste der Philosophie". Diese Formulierung ist interessant. Denn sie impliziert, dass da etwas Unterdrücktes im Denken der Philosophie schlummert, das aber immer wieder anklopft. Burckhardt setzt sich so also in die Rolle des Psychoanalytikers philosophischen Denkens. Und da beginnt man ja üblicherweise im Dunkel der frühen Kindheit. Er rekonstruiert mit archäologischem Staubpinsel Wege der Maschine und ihrer vielgestaltigen Metamorphosen vom Anbeginn der abendländischen Kultur. Dort wurde sie zu Zeiten des mythos geboren und trat einen steilen Himmelsflug an, auf dem sie körperlos, unabschließbar und quasi göttlich-metaphysisch wird. Man mag also zunächst staunen, denn mit einer Standardvorstellung der Maschine, sei es ein Motor oder ein Computer, hat Burckhardts Begriff der Maschine nur noch wenig zu tun. Er nutzt einen weiten, abstrakten Begriff, der auf den ursprünglichen Wortsinn von Maschine im Altgriechischen zurückgeht: mechané, allgemein verstanden als Betrug an der Natur. Ist einem so der Halt des Standardsprachlichen genommen, sind es dann wahrlich nicht immer un-labyrinthische, leicht begehbare, aber mit viel fast nerdigem Wissen verzierte Wege, auf die uns Burckhardt über 425 nummerierte, zum Teil sentenzenhaft daherkommende und nicht immer sanft überleitende Abschnitte mitnimmt.

In der von ihm gezeichneten Evolution sind Universalmaschinen der roten Faden, also solche, die nicht eine klare Funktion haben, sondern vielfach eingesetzt werden können und potentiell in ihren Variationsmöglichkeiten "unabschließbar", immer erweiterbar sind. Es beginnt mit dem Alphabet, das sprachliche Laute in einen universal einsetzbaren Baukasten der unendlichen Kombination verwandelt. Weiter geht es zum Räderwerkautomaten des Mittelalters, der sich unter anderem in Mühlen wie auch Uhren manifestiert. Diesen entdeckt der Automaten-begeisterte "Prophet der Maschine", René Descartes, berauscht von der universalen Einsetzbarkeit dieser Maschine, um sie direkt zu verkennen und zur Grundlage seiner "maschinellen Metaphysik" zu machen. Am Schluss der Evolution steht unser Computer, der das Unabschließbare, das universal Einsetzbare optimiert und durch zahllose vorhandene und noch kommende Programme zu immer mehr fähig ist. Auf diesem Weg vieler Windungen werden Leserinnen und Leser an metallurgischen Verfahren, Götterstreitereien, spartanischem Militärwesen, pythagoreischer Esoterik, Atomen, der Gnosis, unbefleckter Empfängnis, Buchmaschinen, Staatsmaschinen, Geld, Elektrizität, Jacquards Webstuhl, Benthams Panoptikum, Triebwerken, Prinzipien der Booleschen Logik und vielem mehr vorbeigeführt.

Schnöde Materialität gegen glänzende Körperlosigkeit

Und wozu? Um uns ein Bewusstsein der Geschichtlichkeit der Maschine zu verschaffen. Wie hängen die ganzen Geschichtsstationen dann miteinander zusammen? Durch die ihnen gemeinsame Bewegung zu einer symbolischen Überwindung der schnöden materiellen Welt in Richtung eines ewigen, köperlosen Seins. Und warum ist das alles nochmal nötig? Weil die Maschine als Metapher verklärt, letztlich metaphysisch gemacht wurde. Damit wird verdunkelt, dass sie eigentlich künstlich ist, von uns Menschen geschaffen; sie ist nicht eine zweite Natur oder ein übergeordnetes Prinzip, sondern für Burckhardt ein Betrug an der Natur, etwas Listiges, das sich eingeschlichen hat. Sie souffliert "einerseits einer ausnüchternd-rationalen Weltbetrachtung", andererseits ist sie "Geburtshelferin religiöser Bedürfnisse". Letztlich spiegelt sie aber, das gilt es zu erkennen, einfach die Ordnung der Menschheit, den Menschen selbst. Die Philosophie jedoch nutzte das metaphorische, aber auch konzeptuelle Potential der jeweilig aktuellen Maschinen und verallgemeinerte die in ihr verkörperte Rationalität als Prinzip - und erfüllt damit auch ihre transzendenten, jenseitigen Sehnsüchte.

Die Entdeckung dieser Verhältnisse und des Status' der Maschine als Bedingung, als grundlegende Ausformung der philosophischen Begierde nach reinem Denken, ist für die Philosophie dann regelrecht gefährlich: Sie bedeute nämlich voraussichtlich ihr Ende - zumindest, so muss man hinzufügen, wenn sie sich als universale Wahrheiten generierende Disziplin versteht. Ähnlich verkündete es schon Martin Heidegger im Anblick der Technologie. Es galt für die Philosophie, den Drive, die Kraft der Maschine zu nutzen, aber diese selbst gut zu verstecken und in himmlische Sphären abzuschieben.

"Wie im Falle des Rumpelstilzchens, dessen Macht aus dem Inkognito rührt, muss das Wesen der Maschine dunkel bleiben. Denn ihr Geheimnis zu verraten, hieße, der sozialen Ordnung die Legitimation abzusprechen. Tatsächlich hält diese Dunkelheit bis heute an, insbesondere dort, wo es gelungen ist, die metaphysische Apparatur und mit ihr den Gott der Philosophen im Irrgarten der Begriffe zu verstecken. Der Vorzug dieser Strategie ist evident, denn kaltgestellt und unschädlich gemacht kann sich das Monster zum gefügigen Haustier verwandeln."

Die konkrete Maschine als Ding verschwand so beziehungsweise, wurde nur noch Ausformung des jeweils aufgerufenen metaphysischen Prinzips. Doch sei es eigentlich andersherum: Die Artefakte sind zuerst, die Phantasmen der Metaphysik entstehen aus ihnen - nicht umgekehrt. Zum Beispiel: Der menschgemachte Räderwerkautomat steht zuerst da und dann bastelt Descartes eine Metaphysik daraus, die er als weltbildendes Prinzip, aus dem der Räderwerkautomat eigentlich nur abgeleitet ist, verklärt. Aber der Räderwerkautomat ist schlicht Vorbild, nicht Ableitung.

This is the end, my friend

Burckhardts Kerngedanke, der von großen Wissensbeständen des Autors flankiert wird, ist innovativ, wenn man erstmal die Hürden der Alltagsvorstellungen überwunden hat. Er verhilft uns dazu, verdeckte Strukturen in unserem Denken, in unserer Gesellschaft, unseren Institutionen aufzudecken. Dabei allerdings tönt es manchmal fast verschwörungstheoretisch und apokalyptisch.   

Der Autor Martin Burckhardt und Buch "Philosophie der Maschine" (Cover: Matthes & Seitz Berlin / Portrait: privat)Martin Burckhardt sucht nach den Verbindungen zwischen der Metaphysik und der Maschine (Cover: Matthes & Seitz Berlin / Portrait: privat)

"Tatsächlich vermag sich keine Gewalt dieser Welt, à la longue zumindest, dieser Macht zu erwehren - nicht zuletzt deswegen, weil sie es mit einem kopflosen Herrscher, ja, einer Hydra zu tun bekäme. Warum eine Hydra? Weil die Ordnung der Maschine nicht nur der gesellschaftlichen Herrschaft souffliert, sondern sich als Begehrensordnung und Introjekt in den Kopf eines jeden Einzelnen setzt. Haben sich frühere Hochkulturen - wie China oder Japan - der Mechanisierung verweigern können, zeigt die noch kurze Geschichte der Digitalisierung, dass kein Fleck dieser Welt davon unberührt bleiben wird. Gewiss mögen die Herrschenden die Hoffnung hegen, diese Macht zähmen, einhegen oder neutralisieren zu können, dennoch entfaltet sie ihre Wirkung und je geringer der Alphabetisierungsgrad, desto ausgeprägter ihre Verzauberungskraft."

Es gibt zwei Endzeitszenarien: Die Welt, wie sie einmal war, wird nicht nur wegen des Klimawandels, sondern auch der Maschine, verenden. Die Kultur wird hier von Burckhardt zur "Engelmacherin" erklärt. Auch die Philosophie erfährt einen Abgesang. Nach Lektüre des gesamten Textes hat man aber den Eindruck, dass Totgesagte länger leben. Man kommt nicht recht umhin, all ihre Stärke, ihren Zugriff auf die Welt aus dem Buch herauszulesen - und nicht ihr dämmerndes Ende. Dabei wird die Philosophie zum Gegner im Outfit einer Religion der Vernunft. Aber in der Philosophie selbst bleibt es vielleicht schlicht beim Patt der Realisten und Antirealisten, also denen, die reiner Vernunft "huldigen" und Metaphysik zugeneigt sind und jenen, die sie ablehnen.

Leider: prophetisch und dunkel tönend

Der Titel des Buchs ist letztlich vielleicht etwas irreführend. Man erwartet eine Philosophie der Maschine, doch, dass sich dieser überhaupt "auf adäquate Weise" angenommen wird, sei nicht von großer Wahrscheinlichkeit, sagt Burckhardt selber. Man erwartet weiter, dass es um Maschinen geht, wie wir sie zumindest diffus vor Augen haben, doch hier wird einem Anderes angeboten. Der weite, unscharfe Maschinenbegriff bringt immer mal wieder Unklarheiten mit sich. Es ist beispielsweise nicht ganz einfach einzusehen, dass das Alphabet eine Maschine ist. Wenn man sich darauf einlässt und Maschine als "Betrug an der Natur" übersetzt, kommen einige interessante Einsichten. Doch bleibt man bei mancher Analogie mit einem Fragezeichen zurück, wenn zum Beispiel das Aleph-Zeichen, das den ihm zugrundeliegenden Stier unsichtbar werden lässt, mit einem Prozessor verglichen wird, der die Welt selber verschwinden ließe.

Manchmal mag man sich auch fragen, ob die Rede von der Rationalität an sich mehr Licht ins Dunkel bringen könne. Die Maschine gilt auch Burckhardt als ein Inbegriff des rationalen Prinzips. So kommt einem manchmal die Vermutung, dass es sich um eine verkappte Kulturgeschichte der Rationalität handeln könnte. Das Alphabet, die Räderwerkmaschine, der Computer - alles auch im Lichte einer sich immer weiter optimierenden Rationalität zu verstehen, die die Tendenz hat, die Welt im Bad der Systematisierung und Quantifizierung aufzuweichen und dann neu zu formen. Zumindest ein ausführlicheres In-Beziehung-Setzen von Maschine und Rationalität hätte hier zur Klarheit beitragen können.

Aber klar: Burckhardts Buch wendet sich gegen geläufige Konventionen des wissenschaftlichen Schreibens und das darf auch sein. So ist es ein Sachbuch geworden, das gar nicht mal immer so sachlich ist, sondern mitunter rhetorisch daherkommt. Wenn die Idee nun aber ist, Licht ins Dunkel zu bringen, dann bleiben das ein um das andere Mal Fragezeichen, wenn Burckhardt sichtbare Lust an Fremdwörtern sowie am Formulieren von Paradoxem hat, einmal gewonnene Einsichten im folgenden Abschnitt direkt wieder zurücknimmt, manchmal regelrecht sentenzenhaft in Einzeilern philosophiert und somit die Dinge selbst obskur macht. Diese Modellierung der Sprache hat einen Effekt, den sich der Autor mit seinem aufklärerischen Bestreben gar nicht wünschen kann: Es wirkt im landläufigen Sinne zum Teil metaphysisch, wie und über was da nachgedacht wird. Die Problematisierung der Erhebung der Maschine in die Sphäre des Göttlichen, des Metaphysischen zieht sich durch den Text - und doch ist das Buch selbst manchmal prophetisch aufgeladen und tönt bei allem Bestreben der Historizität dunkel metaphysisch.

So bleibt letztlich nach der Lektüre dieses bildungsdurchtränkten Textes das Phantastische, das der Maschine im Laufe unserer Denkgeschichte angedichtet wurde, trotz des aufklärerischen Anliegens weiter als etwas ölige Patina zurück.

Martin Burckhardt: "Philosophie der Maschine"
Matthes & Seitz, Berlin. 360 Seiten, 28 Euro

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