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StartseiteKalenderblattMarx und Freud zum Vorbild21.02.2007

Marx und Freud zum Vorbild

Vor 100 Jahren wurde W. H. Auden geboren

Der britische Schriftsteller Wystan Hugh Auden zählt zu den wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Er schrieb Lyrik, Essays, Theaterstücke und Opernlibretti. Sein wechselvolles Leben führte ihn durch Europa, in die USA und China. Er sympathisierte mit Kommunisten und wandte sich danach der Religion zu. Auden starb 1973 in Wien.

Von Jens Brüning

W.H. Auden, Christopher Isherwood und Cecil Day Lewis (v.l.n.r) im Jahr 1937 (AP Archiv)
W.H. Auden, Christopher Isherwood und Cecil Day Lewis (v.l.n.r) im Jahr 1937 (AP Archiv)

"Der jüngste von drei Brüdern, war ich geistig frühreif, körperlich zurückgeblieben, kurzsichtig, unsportlich, sehr unordentlich und schmutzig. Kurz: ein schwieriges Kind und ein typischer kleiner Highbrow."

Diese kritische Selbstaussage ist eines der wenigen autobiografischen Zeugnisse, die Wystan Hugh Auden hinterließ. Sein Vater war Professor der Medizin im mittelenglischen York. Kaum an der Universität, war Auden Wortführer der jungen britischen Dichter. Die Gruppe, zu der Stephen Spender und Christopher Isherwood zählten, gab sich radikal, nahm sich die Lehren von Karl Marx und Sigmund Freud zum Vorbild und erklärte die Dichtkunst zur Avantgarde gesellschaftlicher Revolution.

"Suppose the lions all get up and go and all the brooks and soldiers run away, will time say nothing, but I told you so. If I could tell you I would let you know."

Die strenge Form dieser Villanelle zu Allerweltsthemen beherrschte Auden ebenso wie die Sonettform oder freie Metren. Er galt als brillanter Handwerker. Seine Themen reichen von Liebeslyrik bis zu Kunst- und Naturbetrachtungen, Totenklagen, Shakespeare-Variationen und Technik und Ökonomie. Auden ging es um das schöne Gedicht, den gelungenen lyrischen scoop, wie man viel später - parodistisch gewendet - aus seinem Libretto zu Werner Henzes Oper "Elegie für junge Liebende" lernen konnte:

"Wie kann ich's brauchen für mich? Und abstrahieren in Jamben und Reim?" Und mit der Zeit verzerrt sich das Bild von Gut und Schlecht, von Falsch und Wahr. Bleibt nur, was dient und nicht dient dem Gesang."

Ende der 20er Jahre war Berlin das Zentrum der kulturellen Avantgarde Europas. 1928 folgte Auden seinem engen Freund Christopher Isherwood in die deutsche Hauptstadt, sympathisierte mit den deutschen Kommunisten und engagierte sich gegen den aufkommenden Nationalsozialismus.

"Ich konnte kein Deutsch und ich kannte kaum etwas an deutscher Literatur. Aber schließlich war das bei allen meinen Bekannten so. Vielleicht hatte ich auch eine unbewusste Vorliebe für Deutschland."

Auden blieb nur ein Jahr, dann zog er nach Schottland und arbeitete als Lehrer. 1935 heiratete er Erika Mann, die älteste Tochter des Nobelpreisträgers Thomas Mann, um ihr, die gerade von den Nationalsozialisten ausgebürgert worden war, die britische Staatsbürgerschaft zu verschaffen. Auden beteiligte sich 1937 auf Seiten der Republikaner am Spanischen Bürgerkrieg. Mit Isherwood reiste er 1938 nach China und ging im Frühjahr 1939 nach New York. Dort lernte er Chester Kallman kennen, mit dem er fortan zusammen lebte und arbeitete.

"The winds must come from somewhere when they blow. There must be reasons why the leaves decay. Time will say nothing, but I told you so."

Wystan Hugh Auden war in den USA wegen seiner politischen und privaten Vorlieben Objekt der geheimdienstlichen Ausforschung durch FBI und CIA. Er hatte sich allerdings bereits dem anglikanischen Christentum zugewandt und sein politisches und soziales Engagement aufgegeben.

Auden schrieb fünf Theaterstücke, teilweise gemeinsam mit Christopher Isherwood. Er schuf Brecht-Übersetzungen für amerikanische Bühnen und Gedichte mit kulturhistorisch weit ausgreifenden Reflexionen, wie etwa "Das Zeitalter der Angst", aber auch Gelegenheitslyrik zum Tod von Weggefährten. Über seine Wirksamkeit machte er sich keine Illusionen.

"Der ungekrönte Gesetzgeber dieser Welt? Diese Bezeichnung mag auf die Geheimpolizei zutreffen, nicht auf den Dichter."

Wystan Hugh Auden, der seit 1946 amerikanischer Staatsbürger war, lehrte auch an amerikanischen Colleges. Er war in den 50er Jahren oft in Europa. Seit 1958 besaß er ein Sommerhaus in Österreich. In seinem Gedicht "Pfingstsonntag in Kirchstetten" heißt es:

"Nach der Messe - obwohl ein Diener von Canterbury - wird man mich gehörig grüßgotten, um Spenden bitten für Caritas, werd' ich - obwohl nur Zugereister - heimgehen, auf eigenem Boden zu Mittag essen."

In Österreich scheint Wystan Hugh Auden eine Art Ruhepunkt gefunden zu haben. Er starb im September 1973 in Wien.

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