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StartseiteBüchermarktDie Pandemie aus der Vergangenheit22.02.2021

Mary Shelley: "Der letzte Mensch"Die Pandemie aus der Vergangenheit

In "Frankenstein" erzählte Mary Shelley von der Erschaffung eines künstlichen Menschen, der sich als unglückliches Monster entpuppt. Einige Jahre später unternahm sie ein anderes Experiment der literarischen Phantasie. Sie malte sich aus, wie der Untergang der Menschheit aussehen könnte.

Von Eberhard Falcke

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Portrait der britischen Schriftstellerin Mary Wollstonecraft Shelley (1797-1851). Gemälde von Richard Rothwell (1800-1868), um 1840. National Portrait Gallery London und Buchcover: Mary Shelley: „Der letzte Mensch“ (Portrait: IMAGO / Leemage, Buchcover: Philipp Reclam Junior Verlag)
Mary Shelley hat sich in eine Zukunft versetzt, die auch für uns noch nicht eingetroffen ist (Portrait: IMAGO / Leemage, Buchcover: Philipp Reclam Junior Verlag)
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Wer diesen Roman aufschlägt, bekommt es mit weltbewegenden Gestalten und Ereignissen zu tun: mit Haupt- und Staatsaktionen der englischen Geschichte, mit prominenten Geistern der romantischen Epoche, mit dem griechischen Befreiungskampf gegen die osmanische Herrschaft. Und als wäre das noch nicht genug, bricht auch noch die Pest aus. Am Ende steht nichts Geringeres als der Untergang der Menschheit.

Der letzte Mensch berichtet

Das alles hat Mary Shelley in ihren Roman "Der letzte Mensch" gepackt, all das muss ihr Titelheld durchleiden, um schließlich einsam durch die Ruinen der Welt zu irren, bis er in Rom am verwaisten Tisch eines Schriftstellers zur Feder greift:

"Ich werde schreiben und in dieser ältesten Stadt, diesem »einzigen Denkmal der Welt", eine Aufzeichnung dieser Dinge hinterlassen. Zuerst dachte ich daran, nur von der Pest zu schreiben, vom Tod und von der letztlichen Verwüstung; aber ich verweilte doch zärtlich in meinen frühen Jahren
und berichtete mit heiligem Eifer von den Tugenden meiner Gefährten."

Lionel Verney heißt dieser Ich-Erzähler und seine "frühen Jahre" werden im Ersten Band des dreiteiligen Romans abgehandelt. Verbittert lebt Verney als verwilderter Outlaw in den Wäldern nahe Windsor. Er kann es dem britischen Königshaus nicht verzeihen, dass sein leichtlebiger Vater dort in Ungnade gefallen ist. Als er jedoch den idealistischen Thronfolger Adrian kennenlernt, wird er von seinem Groll bekehrt. Adrian kritisiert den Adelsstand, er verzichtet auf die Krone und setzt sich im Namen der Gleichheit aller Menschen für republikanische Grundsätze ein. Und dann kommt noch ein weiterer Protagonist ins Spiel, dessen Stolz, Ehrgeiz und Energie keine Grenzen kennen:

"Zu dieser Zeit kehrte Lord Raymond aus Griechenland zurück. Keine zwei Personen könnten gegensätzlicher sein als Adrian und er. Adrian lehnte die engstirnigen Ansichten des Politikers ab, Raymond wiederum verachtete die wohltätigen Visionen des Philanthropen zutiefst."

Dennoch entwickelt sich zwischen allen Beteiligten ein enges Beziehungsgeflecht. Lord Raymond heiratet Verneys Schwester Perdita, Verney heiratet die Königstocher Idris, während zwischen Verney und Adrian eine innige Freundschaft entsteht. In dieser Konstellation treten sie alle gemeinsam mit den bald hinzu kommenden Kindern den Weg in eine schwarze Zukunft an, in das ganze anfängliche Glück von endlosen Schrecken, Tränen und Klagen verdrängt wird.

Die Freiheit, die Hoffnungen – schnell sind sie dahin

Schon der glorreiche Sieg, den Raymond auf der Seite der Griechen im Befreiungskampf gegen die Türken erringt, verkehrt sich schlagartig in eine Katastrophe. Raymond stirbt durch eine Sprengfalle, seine Frau Perdita ertränkt sich auf der Rückfahrt nach England vor Kummer im Mittelmeer. Und in Konstantinopel lauert ein neuer Gegner, gegen den auch der größte Kämpfermut nichts ausrichten kann: die Pest. Shelley schreibt:

"Die Disziplin war verloren; die Armee löste sich auf. Sie stahlen sich zuerst paarweise davon, dann in größeren Gruppen, bis ganze Bataillone, ungehindert von den Offizieren, den Weg nach Mazedonien suchten."

Als Datum dieses Geschehens nennt der Roman das Jahr 2092. Das heißt, es muss nun endlich gesagt werden: Mary Shelleys "Der letzte Mensch", der 1826 erschien, spielt in einer fernen Zukunft am Ende des 21. Jahrhunderts.

Ein Zukunftsroman ohne Zukunft

Manchen gilt der Roman als die erste Dystopie der Literaturgeschichte. Dennoch ist es ganz offenkundig, dass die angesprochenen Themen und Ereignisse aufs engste mit der Entstehungszeit des Romans verbunden sind. Die Autorin machte kein Geheimnis daraus, dass der idealistische Adrian und der vitalistische Raymond nach den Vorbildern ihres Ehemannes Percy Bysshe Shelley und ihres Freundes Lord Byron gezeichnet sind. Überhaupt lässt die Welt des Romans, abgesehen vom Katastrophengeschehen, viel eher an Mary Shelleys Gegenwart denken als an eine zweieinhalb Jahrhunderte entfernte Zukunft.

Zweifellos war die Verlegung der Handlung in eine ferne künftige Zeit primär ein Kunstgriff, um für die radikale Phantasie vom Ende der Menschheit die notwendige fiktionale Bewegungsfreiheit zu gewinnen.Es ist kaum möglich, nicht darüber zu spekulieren, in welch eigentümlicher Verfassung sich die Autorin befunden haben mag, als sie diesen epischen Zeugenbericht über die letzten Tage der Menschheit niederschrieb.

Mary Shelleys Horizonte hatten sich Anfang der 1820er Jahre verdunkelt, nicht zuletzt durch den Tod ihrer Dichtergefährten Shelley und Byron, mit denen sie eine poetische Gemeinschaft der "Erwählten" gebildet hatte. Das mag sie dazu veranlasst haben, eine große Dystopie der Verluste zu entwerfen. Ihr Roman spielt ausführlich und in allen Aspekten den Gedanken durch, wie es aussehen könnte, wenn weder Könige noch Feldherren, weder Parlamente noch die Wissenschaft Mittel fänden, die Menschheit vor einer globalen Katastrophe zu bewahren: "Ach! die Errungenschaften der Menschheit aufzuzählen zeigt, was wir verloren haben, wie überaus großartig der Mensch war. Nun ist alles vorbei."

Die thematische Spannweite des Romans ist erstaunlich, die düstere Entschlossenheit, mit der hier die Vision vom Weltende ausgemalt wird, ist erschreckend, die emotionale Dramatik der Handlung, die sich immer wieder aufs Neue überbietet, wirkt zugleich aufwühlend und virtuos inszeniert.

Die Pandemie kennt keine Grenzen

Die Darstellung der Pest und ihrer entsetzlichen Folgen lässt an Detailreichtum und Anschaulichkeit nichts zu wünschen übrig. Reihenweise werden die Menschen ihrer Liebsten beraubt. Panische Fluchtbewegungen erstrecken sich über ganz Europa. Auch Mary Shelley wusste schon, wie leicht Notstände den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerreißen können. Überhaupt wird dem heutigen pandemieerfahrenen Blick hier manches bekannt vorkommen.

"Nach dem allgemeinen Aberglauben barg meine Kleidung, meine Person, für mich und andere tödliche Gefahr. Sollte ich zum Schloss zurückkehren, zu meiner Frau und meinen Kindern, mit diesem Makel an mir? Es war nicht sicher, ob ich infiziert wäre"

Mary Shelleys "Der letzte Mensch" ist ein düster glänzender Roman, aber kein leichter Lesestoff. Da ballen sich in einem Satz oftmals Handlung, Betrachtung, Figurenzeichnung, emotionaler Ausdruck und Gedankenflüge konzentriert zusammen. Trotzdem ist es der Übersetzerin Irina Philippi bewundernswert gelungen, diese vielschichtige Aussagestruktur ohne Holpern und Stolpern flüssig zu übertragen. Wer es am nötigen Interesse für die kulturellen und historischen Verhältnisse, unter denen das Buch entstand, nicht fehlen lässt, der wird reich belohnt.

Mary Shelley: "Der letzte Mensch"
Phillip Reclam Junior Verlag, Ditzingen/Stuttgart. 590 Seiten, 26 Euro.

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