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StartseiteKalenderblattMassaker in Vietnam31.03.2006

Massaker in Vietnam

Vor 35 Jahren: US-Oberleutnant wegen Blutbad in My Lai verurteilt

Während des Vietnamkriegs stürmte im März 1968 eine kleine Einheit amerikanischer Soldaten unter Führung des Leutnants William Calley das Dorf My Lai. Auf der Suche nach kommunistischen Vietcong trafen sie aber nur auf Frauen, Kinder und alte Männer. Die GIs richteten ein Blutbad an und erschossen mehr als 500 Vietnamesen. Vier Soldaten mussten sich schließlich vor Gericht verantworten. Vor 35 Jahren wurde jedoch nur der befehlshabende Offizier Calley verurteilt.

Von Otto Langels

US-Soldaten bei der Landung in Da Nang in Südvietnam. (AP Archiv)
US-Soldaten bei der Landung in Da Nang in Südvietnam. (AP Archiv)

"Mit rotem Gesicht und traurigen Augen nahm er den Schuldspruch entgegen, mit dem er gerechnet hatte und den er zutiefst als ungerecht empfindet."

Ein Reporter beschrieb die Reaktion von Leutnant William Calley, als ihn ein amerikanisches Militärgericht am 31. März 1971 zu lebenslanger Haft verurteilte. Als einziger US-Soldat wurde er für ein Verbrechen bestraft, das drei Jahre zuvor in Vietnam stattgefunden hatte.

Am Morgen des 16. März 1968 rückte eine Kompanie unter William Calley gegen das Dorf My Lai vor. In dem Ort nahe der nordvietnamesischen Grenze sollte sich ein kommunistisches Vietcong-Bataillon aufhalten. Aber nur alte Männer, Frauen und Kinder waren dort.

Trotzdem zündeten die Soldaten die Häuser an, töteten das Vieh und trieben die Einwohner zusammen. Leutnant Calley befahl, alle zu erschießen. Nur wenige Soldaten weigerten sich mitzumachen. Der GI Fred Widmer erinnerte sich später:

"Am schlimmsten war dieser Junge mit dem abgeschossenen, noch halb dran hängenden Arm und mit einem Blick, als ob er fragte, was habe ich getan, was ist verkehrt. Ich habe den Jungen erschossen, ich habe ihn umgebracht."

Nach ein paar Stunden war alles vorbei. 500 Südvietnamesen waren dem Massenmord zum Opfer gefallen, nur wenige Dorfbewohner hatten das Massaker überlebt, darunter Ha Thi Quy:

"Als die Amerikaner kamen, war mein Mann auf dem Reisfeld bei den Kühen, ich war mit meinem Kind zu Hause. Plötzlich schossen sie wie wild um sich. Ich wurde angeschossen, mein Kind war dabei. Die Kugel steckte in meinem Oberschenkel, und ich verlor für kurze Zeit das Bewusstsein. Sie zerrten mich weiter. Es tat weh. Ich sagte zu meinem Kind, fleh um dein Leben, sonst schießen sie dich tot. Er bettelte um sein Leben, doch ohne Erfolg. Sie erschossen ihn. Es war so grausam."

Ein Sohn von Ha Thi Quy wurde getötet, der zweite verlor Bein, Arm und ein Auge. Sie selbst überlebte schwer verletzt in einem Graben.

Einige Dorfbewohner rettete der Pilot Hugh Thompson. Er landete mit seinem Hubschrauber in der Nähe von My Lai, drohte, auf Calleys Männer zu schießen, und brachte ein Dutzend Vietnamesen in Sicherheit.

Thompson: "Als ich meine Besatzung und den Bordschützen anwies, auf sie zu schießen, wenn sie wieder auf Zivilisten feuern, wusste ich nicht, was ich empfunden hätte, wäre das wirklich passiert. Aber ich habe an diesem Tag nicht zweimal überlegt."

Nach dem Massaker versuchte die US-Armee, das Kriegsverbrechen zu vertuschen, bis anderthalb Jahre später erste Zeitungsberichte über den Massenmord in Südvietnam erschienen. Die amerikanische Öffentlichkeit war schockiert. Ein Militärausschuss sah sich gezwungen, zu ermitteln und vernahm unter anderem den Kompaniechef von Leutnant Calley, Captain Ernest Medina:

"Die Befehle, die ich meiner Kompanie weiter gegeben habe, waren Befehle, die ich erhalten habe. Sie lauteten, das Dorf zu zerstören, es abzubrennen und die Viehherden zu töten. Ich gab keinen Befehl für eine Massenexekution oder den Befehl, Frauen und Kinder zu erschießen."

Ende 1969 eröffnete ein Militärgericht das Verfahren gegen William Calley. Aus Solidarität mit dem Angeklagten ließen einige Bundesstaaten die Flaggen vor öffentlichen Gebäuden auf Halbmast setzen. Ein Kongress-Abgeordneter aus Louisiana erklärte, die Vietnamesen hätten bekommen, was sie verdienten. Mehrere Gouverneure, darunter der spätere Präsident Jimmy Carter, riefen zu Sympathiebekundungen für Calley auf.

Aber das Gericht verurteilte ihn wegen vorsätzlicher Tötung von 22 Zivilisten und versuchten Mordes an einem zweijährigen Kind zu lebenslanger Haft. Nach dem Urteil erklärte Calley, er habe eigentlich nicht gewusst, wofür er und seine Kameraden gekämpft hätten.

Von seiner Haftstrafe verbrachte Calley nur drei Tage im Gefängnis. Danach stand er unter Hausarrest, bis ihn US-Präsident Nixon 1974 begnadigte.

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