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StartseiteThemaWas bringt ein Immunitätsausweis?26.06.2020

Maßnahmen in der CoronakriseWas bringt ein Immunitätsausweis?

Ein Immunitätsausweis soll bescheinigen, dass jemand eine COVID-19-Erkrankung überstanden hat und nun - wahrscheinlich - immun ist. Ein solcher Pass brächte Vorteile, etwa beim Reisen, der Jobsuche oder beim Altenheimbesuch. Doch das Konzept steckt voller Fallstricke. Ein Überblick.

11.06.2020, Schleswig-Holstein, Westerland/Sylt: Ein gebrauchter Mundschutz mit Resten von Lippenstift liegt am Strand vor der Strandpromenade von Westerland auf Sylt. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Günther besuchte am Donnerstag die Nordseeinsel um sich ein Bild von der aktuellen Lage auf der Insel zu machen. (zu dpa «»Sehr diszipliniert« - Sylt gut vorbereitet für Saison») Foto: Christian Charisius/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / Christian Charisius)
Ein Dokument über eine überstandene Corona-Erkrankung könnte zu mehr Reisefreiheit führen (picture alliance / Christian Charisius)
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In der Coronakrise ist die Hoffnung auf die baldige Rückkehr zur Normalität groß. Viele Menschen wünschen sich ihren Alltag zurück – ohne Einschränkungen beim Reisen, der Arbeit oder bei Stadion- und Konzertbesuchen. Wie schnell sich das Virus jedoch weiterhin verbreiten kann, hat nicht zuletzt der Ausbruch in Gütersloh mit über 1.000 Fällen gezeigt. In diesem Zusammenhang ist die Diskussion um die Einführung eines Immunitätsausweises neu entbrannt.

Was versteht man unter einem Immunitätsausweis und was soll er bewirken?

Ein Immunitätsausweis ist eine Immunitätsbescheinigung, die Betroffene nach einer überstandenen Infektion mit dem Coronavirus erhalten könnten. Die Menschen werden getestet und das Ergebnis dokumentiert – wie bei einer überstandenen Masern-Infektion, die im Impfausweis registriert werden kann. 

Der Immunitätsausweis könnte somit den bereits getesteten Menschen ein Stück mehr Freiheit auch im regionalen Lockdown bescheren. Wer eine verbriefte Immunität gegen SARS-CoV-2 hätte, könnte wieder normal Altenheime besuchen oder reisen: Inzwischen verlangen mehrere Bundesländer und Staaten negative Tests für die Einreise. Verlockend scheint die Idee auch für Pflegepersonal, Ärzte oder Lehrer, die ihren Beruf wieder etwas befreiter ausüben könnten.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Wie steht die Politik zu dem Thema?

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte sich schon im Mai für eine Immunitäts-Dokumentation ähnlich eines Impfausweises in digitaler Form ausgesprochen. Damals gab es allerdings massiven Widerstand – nicht nur von der Opposition, sondern auch vom Koalitionspartner SPD. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber (SPD) warnte, dass es um sensible Gesundheitsdaten gehe. Ein Immunitätsausweis dürfe beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt nicht zur Voraussetzung für eine Beschäftigung gemacht werden. Spahn strich den Passus aus dem Mitte Mai beschlossenen zweiten Pandemiegesetz. Dennoch hält er an der Idee fest und hat den Ethikrat um eine Stellungnahme gebeten.

Mittlerweile hat sich die Perspektive ein wenig verschoben. Vor dem Hintergrund der erneuten Einschränkungen in zwei Landkreisen in Nordrhein-Westfalen sind auch aus der SPD neue Einschätzungen zu hören. Wie bei jedem anderen medizinischen Testbefund habe man auch bei einem Corona-Test einen Anspruch auf die Dokumentation des Ergebnisses, sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Bärbel Bas der neuen Osnabrücker Zeitung. Allerdings warnt sie davor, dass es keine Diskriminierung aufgrund des Immunitätsstatus geben solle – und dass eine Immunität nach wie vor nicht nachgewiesen werden könne.

Welche Kritik gibt es?

Zweifel an dauerhafter Immunität

Es geht in der Debatte vor allem um die Frage, ob es eine Immunität nach einer überstandenen Infektion überhaupt geben kann – wie es zum Beispiel bei den Masern der Fall ist. Es gibt inzwischen zwar Antikörpertests, die eine aktuelle Beurteilung der Patienten erlauben. Aber in der Wissenschaft ist inzwischen eine lebhafte Debatte darüber entbrannt, ob und wenn ja, wie lange Antikörper vor einer erneuten Infektion schützen.

Zwei Frauen sind zu sehen, eine mit, eine ohne Mund-Nasen-Schutz (picture alliance/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt) (picture alliance/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt)Immunität - Wie lange bleiben Infizierte geschützt?
Ob diese Genesenen Monate, Jahre oder nur Wochen vor einer erneuten Ansteckung geschützt sind, ist noch unklar. Trotzdem lassen sich schon Konsequenzen aus den bisherigen Erkenntnissen ziehen.

Manche der Antikörpertests sind zudem an sich unzuverlässig und könnten Menschen in falscher Sicherheit wiegen. Die Weltgesundheitsorganisation fordert, die Antikörpertests auf ihre Zuverlässigkeit hin zu prüfen. Es deutet sich zumindest an, dass es keine dauerhafte Immunität gegen COVID-19 gibt: Eine Studie des Lübecker Gesundheitsamts ermittelte, dass nur 70 Prozent der Infizierten Antikörper gebildet hatten, 30 Prozent hingegen nicht.

Eine Studie in China mit nur 74 Teilnehmern sorgte trotz der geringen Stichprobe international für Aufmerksamkeit. Denn die in der Fachzeitschrift "Nature Medicine" veröffentlichte Studie kommt zu dem Schluss, dass Patienten mit einem milden Infektionsverlauf eine deutlich geringere Immunität aufweisen als Erkrankte mit schweren Verläufen. Die Autoren der Studie weisen auf die Risiken von Immunitätsausweisen hin.

Diskussion um Einführung der Impfpflicht

Kommt ein Immunitätsausweis, kommt auch die Impfpflicht, befürchten Impfgegner. Diese Debatte  ist allerdings Zukunftsmusik: Frühestens im kommenden Frühjahr könnte ein Impfstoff auf den Markt kommen, der auch eine dauerhafte Wirkung hätte. Dann müsste entschieden werden, ob eine Impfung gegen COVID-19 in den Impfausweis eingetragen wird.

Eine Spritze steckt in einem Fläschchen mit der Aufschrift "Coronavirus-Impfstoff" und  (picture alliance/ZUMA Press/Igor Golovniov) (picture alliance/ZUMA Press/Igor Golovniov)Warum es so lang dauert, einen Corona-Impfstoff zu entwickeln
Noch gibt es gegen das Coronavirus keinen Impfstoff. Die Entwicklung läuft weltweit, erste klinische Studien sind bereits gestartet. Doch trotz der intensiven Forschung dürfte es noch dauern, bis ein Impfstoff auf den Markt kommt. Wir erklären, woran das liegt.

Ethische und moralische Befürchtungen

Durch die Einführung solcher Ausweise darf es nicht zu Diskriminierungen, Stimatisierung und einer Zweiklassengesellschaft kommen. Zudem gibt es derzeit nicht genug Antikörpertests, um in Ländern wie Deutschland oder den USA einen Großteil der Bevölkerung zu untersuchen. Datenschützer gehen sogar noch weiter und fürchten, dass das der Einstieg in eine umfassende Registrierung des Gesundheitszustands der Menschen sein könnte. Mit diesen Themen beschäftigt sich der Ethikrat, von dessen Votum viel abhängt.

Zudem warnt unter anderem der Soziologe Armin Nassehi im Dlf vor einem Missbrauch. "Es könnte einen Anreiz geben, sich zu infizieren als junger gesunder Mensch, um diesen Ausweis zu bekommen und Vorteile zu haben", sagte er im Deutschlandfunk. Zudem könnte es verfassungsrechtlich bedenklich sein, "wenn man Menschen je nachdem, ob sie Antikörper haben oder nicht, bestimmte Rechte zuweist, bestimmte Veranstaltungen zu besuchen, einen Arbeitsplatz zu haben oder ähnliches."

Porträt von Armin Nassehi. (Picture Alliance / Ulrich Baumgarten) (Picture Alliance / Ulrich Baumgarten)Soziologe Armin Nassehi: "Prämiert wird, wer sich nicht an die Regeln hält"
Der Soziologe Armin Nassehi hat sich gegen einen Immunitätsausweis ausgesprochen. "Es könnte einen Anreiz für junge, gesunde Menschen geben, sich zu infizieren, um diesenAusweis zu bekommen und Vorteile zu haben", sagte er im Dlf.

Gibt es Erfahrungen aus dem Ausland?

Ja, zum Beispiel Chile hat Immunitätspässe eingeführt. Dort nennt man das "Ausgangs-Karten", erklärt Molekularbiologin Natalie Kofler von der Harvard Medical School im Dlf. "Sie stellen es praktisch Menschen aus, die die Krankheit überstanden haben. Die können sich dann frei bewegen. Estland will Menschen mit Immunitätspässen bei der Rückkehr zum Arbeitsmarkt helfen." Auch die britische Regierung prüft die Idee.

Kofler geht davon aus, dass Immunitätsausweise gerade in einem Gesundheitssystem wie dem der USA zu Problemen führen könnten. Dort hängt die Versorgung stark vom Einkommen und der Arbeitsstelle ab. Die Immunitätspässe würden somit bestehende Ungleichheiten vergrößern.

Ein Tänzer springt in roter Kleidung in einem Pflegeheim auf einer Wiese. (imago-images / ) (imago-images / )Immunitätspässe - Bahn frei für Überlebende?
Ausweise, die bescheinigen, dass jemand COVID-19 überstanden hat, sollen Freiheit ermöglichen. Doch sie bringen ethische Probleme mit sich, wie das Beispiel New Orleans zeigt. Dort gab es so etwas schon einmal.

Natalie Kofler sieht eine historische Parallele zum 19. Jahrhundert, als in New Orleans das Gelbfieber grassierte. Menschen, die tief in der Stadt verwurzelt waren und dadurch bereits eine Gelbfieber-Infektion überlebt hatten, genossen besondere Privilegien – denn sie galten als immun. Damals ging es so weit, dass irische Immigranten aktiv versuchten, sich mit Gelbfieber anzustecken, um den begehrten Status zu erreichen.

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