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Startseite@mediasresDie beschränkte Weltsicht von Journalisten29.11.2018

Matthias DellDie beschränkte Weltsicht von Journalisten

Ein Kamerateam porträtiert den Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby und fragt vor allem nach seiner Hautfarbe - ein gutes Beispiel, wie unreflektiert Journalisten manchmal recherchieren, findet unser Kolumnist Matthias Dell.

Von Matthias Dell

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Schäuble lächelt ins Plenum, links von ihm und hinter ihm zwei weitere Personen. (Wolfgang Kumm / dpa)
Der Abgeordnete Karamba Diaby (rechts) sitzt für die SPD im Bundestag. (Wolfgang Kumm / dpa)
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Journalistinnen sind es gewohnt, alles Mögliche einordnen, bewerten, beurteilen zu müssen. Sie finden Sachen raus und sie wissen über Sachen Bescheid, und selbst wenn sie manchmal nicht so gut Bescheid wissen, wie sie sollten, haben sie eine Meinung. Sie kritisieren die Kanzlerin, Fußballtrainer und Theaterstücke. Dagegen ist auch nichts zu sagen, denn aus diesem Wechselspiel kommt ja die Idee von der sogenannten vierten Gewalt - dass eine freie, gründlich arbeitende Presse eine Funktion hat, ein Korrektiv sein soll in einer Demokratie.

Das Komische ist, dass es Journalisten umgekehrt zum Teil schwer fällt, selbst beurteilt oder kritisiert zu werden. Natürlich kriegen die wenigsten gern gesagt, was sie besser machen könnten. Aber man könnte ja so naiv sein zu glauben, wer austeilt, müsste doch auch einstecken können.

Journalisten poltern mit Vollgas dagegen an

Damit meine ich natürlich nicht das aggressive Lügenpresse-Gebrüll. Das hat ja mit Kritik nichts zu tun. Ich denke eher an Kollegen, nicht selten Männer, nicht selten ältere Männern, die für gewisse Entwicklungen der Gegenwart kein Interesse mehr aufbringen, die sich von bestimmten Diskursen angegriffen fühlen, ohne das wirklich zu reflektieren, um dann mit Vollgas dagegen anzupoltern. Erwähnen Sie vor solchen Leuten da einmal das Wort "Gender" oder "Sexismus", nur so und zum Spaß, und ab geht die Luzi.

Vielleicht sollten sich also auch Journalisten den Dokumentarfilm "Aggregat" anschauen, der heute in die Kinos kommt. Denn dieser Film macht auch, was diese Sendung, diese Kolumne versucht: Medienkritik. Und zwar ganz ohne zu poltern.

Marie Wilke, die Regisseurin des Films, schaut einfach nur zu und hört hin, und das eben auch, wenn Journalisten ihre Arbeit machen. Gezeigt wird unter anderem, wie MDR-Reporter an einem Magazinbeitrag arbeiten, über die Bildauswahl und den Text reden, der dazu passen muss; wie in Konferenzen bei der "Bild"-Zeitung diskutiert wird und wie bei der "taz".

Dauernd die Frage nach der Hautfarbe

Meine liebste Stelle in dem Film ist die über ein Kamerateam vom ZDF, das den SPD-Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby portraitieren will - weil man daran sehen kann, wie beschränkt Journalisten mitunter auf die Welt schauen, ohne es zu merken. Diaby ist im Senegal geboren und kam Mitte der achtziger Jahre als Student nach Halle, wo im Übrigen schon im 18. Jahrhundert der Philosoph und Rechtswissenschaftler Anton Wilhelm Ano aus Guinea die Universität besuchte. Für den ZDF-Journalisten ist das alles aber nicht zu fassen, er will von Diaby immer nur wissen, wie es sein kann, dass er als schwarzer Mann deutsche Politik macht.

Auf Nachfrage würde der Fernsehjournalist vermutlich sagen, dass er dauernd diese Fragen stellen muss nach der Hautfarbe von Karamba Diaby, weil das die Leute doch interessiert. Und dass er es nicht böse meint, es ist doch nur so ungewöhnlich: Ein schwarzer Mann macht deutsche Politik. Manchmal ist es schon krass, dieses 21. Jahrhundert – wer hätte das vor 40 Jahren gedacht?

Der Film sagt viel über die Medien und Demokratie

Das Lustige ist, dass die Leute, mit denen der Fernsehjournalist dann spricht, die Menschen, die im Wahlkreis von Diaby leben, mit dessen Äußeren gar kein Problem haben. Sie kennen ihn und schätzen ihn, auch, weil er sich kümmert, wie einer sagt.

Natürlich sind die sechs, sieben Minuten, die in Marie Wilkes Dokumentarfilm gelandet, sind ein Zusammenschnitt – sie bilden nicht die gesamten Dreharbeiten ab. Wenn aber in den paar Minuten immer nur auf die äußerliche Differenz von Diaby zu weißen Deutschen abgehoben wird, dann sagt dieses Kapitel von "Aggregat" eben schon etwas aus: wie voreingenommen man als Journalist auf die Welt schauen kann, wenn man die eigenen Rassismen nicht hinterfragt - oder wenigstens darum weiß.

Man kann viel verstehen über die Medien und Demokratie, wenn man sich "Aggregat" anschaut. Dagegen muss an dieser Stelle hier heute leider offen bleiben: die spannende Frage, wie der ZDF-Journalist reagieren würde, wenn man ihm sagen würde, er schaue ein wenig einseitig, nämlich hautfarbenfixiert, auf Karamba Diaby. Ginge die Luzi ab?

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