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StartseiteDie neue PlatteMaurice Ravel - glasklar und überaus präzise gespielt26.12.2010

Maurice Ravel - glasklar und überaus präzise gespielt

Pierre-Laurent Aimard spielt das Konzert für Klavier und Orchester G-dur

Wenn Sie fürs Erste einmal genug haben von weihnachtlich-festlichem Trompetenglanz, von wiegendem Sechsachteltakt, vom Klingelingeling der Glöckchen und von mit viel Nachhall vernebeltem Kinderchorgesäusel, dann sind Sie bei der heutigen Ausgabe der Neuen Platte richtig.

Von Ludwig Rink

Ravels Konzert für Klavier und Orchester G-dur. (Stock.XCHNG / Stefan Kuemmel)
Ravels Konzert für Klavier und Orchester G-dur. (Stock.XCHNG / Stefan Kuemmel)
<p>Denn Musik von Maurice Ravel steht auf dem Programm, die beiden Klavierkonzerte, glasklar und überaus präzise gespielt von Pierre-Laurent Aimard und dem Cleveland Orchestra unter der Leitung von Pierre Boulez.<br /><li><strong>Maurice Ravel<br />Aus: Konzert für Klavier und Orchester G-dur, 1. Satz</strong><br />Track 2<br />Pierre-Laurent Aimard, Klavier<br />The Cleveland Orchestra<br />Leitung: Pierre Boulez<br />Deutsche Grammophon (LC 00173) 477 8770<br /><br />Geld ist nicht alles, aber alles ist einfacher mit Geld. Das galt auch für den Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein, den Pianisten Paul Wittgenstein, der im ersten Weltkrieg den rechten Arm verloren hatte, ein gerade für einen ausübenden Musiker niederschmetterndes Schicksal. Doch Paul Wittgenstein war zäh und gab nicht auf: Mit unermüdlicher Energie trainierte er die verbliebene linke Hand und erreichte mit dieser ein unglaubliches Maß an Beweglichkeit und Virtuosität. <br /><br />Und bei der Lösung der Frage, was er nun spielen solle, half ihm der finanzielle Wohlstand seiner überaus kunstsinnigen Familie: Er erteilte Kompositionsaufträge, u.a. an Sergej Prokofjew, Benjamin Britten, Paul Hindemith, Erich Wolfgang Korngold, Richard Strauss und an Maurice Ravel. <br />Und bei Ravel, der in diesen frühen 1930er-Jahren gleichzeitig noch an einem völlig andersgearteten Klavierkonzert arbeitet, gerät das Konzert für die linke Hand zu einer überaus kraftvollen, geradezu bekenntnishaften Musik. Zunächst geht es ihm darum, mit großer Klangfülle den Eindruck eines für zwei Hände geschriebenen Klavierparts zu erzeugen, wodurch dieses Konzert dem oft imposant auftrumpfenden Stil romantischer Klavierkonzerte nahekommt. <br /><br />Diese Vorspiegelung der Illusion eines zweihändigen Klavierspiels ist aber nur eine Seite des Werkes. Die andere zeigt einen Komponisten, der, offensichtlich tief berührt von dem Schicksal des Pianisten, die ihm sonst nachgesagte vornehme Zurückhaltung hintanstellt und ein Bild schafft, das unheimliche Düsternis ebenso umfasst wie gleißendes, farbenprächtiges Licht, das hier in wehmütiger Melancholie verharrt und bald darauf zu wilder, trotzig aufbrausender Dramatik findet. <br />Stellenweise hat diese Musik etwas Marschartiges, Bedrohliches: Erinnerung vielleicht noch an den ersten Weltkrieg oder auch schon Vorahnung neuen heraufziehenden Unheils. Erstaunlich beim folgenden Ausschnitt auch, wie Ravel dem durchgängigen Rhythmus immer wieder neue Aspekte und Stimmungen abgewinnt und – sein Meisterwerk "Bolero" lässt grüßen – mit feiner Hand für immer wieder neue Klangwirkungen sorgt.<br /><br /><br /><li><strong>Maurice Ravel<br />Aus: Konzert für Klavier (linke Hand) und Orchester</strong><br />Track 1<br />Pierre-Laurent Aimard, Klavier<br />The Cleveland Orchestra<br />Leitung: Pierre Boulez<br />Deutsche Grammophon (LC 00173) 477 8770<br /><br />Soweit ein Ausschnitt aus dem Klavierkonzert für die linke Hand von Maurice Ravel.<br />Ähnlich wie sein Landsmann Claude Debussy hat auch Maurice Ravel um die traditionellen Gattungen der klassischen Musik eher einen Bogen gemacht. Es gibt keine Sinfonien von ihm, nur ein einziges Streichquartett und nur wenige Stücke mit dem Titel "Sonate". <br /><br />Und auch seine beiden gleichzeitig entstandenen Klavierkonzerte halten sich nicht an das überlieferte Formschema: Das eine für die linke Hand ist einsätzig angelegt, das andere in G-dur folgt zwar der dreisätzigen Anlage nach dem in der Klassik üblichen Wechsel von schnellem ersten, langsamem zweiten und wieder schnellem dritten Satz; es jedoch mit den Maßstäben des Sonatenhauptsatzes analysieren zu wollen, dürfte ein aussichtsloses Unterfangen werden. <br />Zunächst wollte Ravel es übrigens "Divertissement" nennen, denn wichtig war ihm hier das Spielerische, Aufgelockerte, Brillante, nicht so sehr dagegen Entwicklung, Tiefe und dramatische Effekte. So verbinden die Ecksätze in verblüffender Stimmigkeit Jazz-Elemente, motorische Rhythmik, Lyrisches und französische Eleganz und Klarheit, während der langsame Mittelsatz mit einer seltsam archaischen Melodik aufwartet und in seiner Schlichtheit an die über weite Strecken absichtlich spannungsarm gestaltete Musik eines Erik Satie denken lässt. <br /><br />Dieser Mittelsatz, den Sie gleich ausschnittweise hören, eröffnet dem Pianisten beste Möglichkeiten, die Farbigkeit seines Klavierklangs zu demonstrieren. Es ist eine Art Nocturne, vielleicht auch die Erzählung eines Traums in verschiedenen Wach-Stadien, und von Variation zu Variation entwickelt das Soloklavier seine lang gewundenen, ein wenig entrückten Klanggirlanden, entführt uns in einen Zustand schwerelosen Schwebens und scheinbar unendlichen Dahinfließens ...<br /><br /><li><strong>Maurice Ravel<br />Aus: Konzert für Klavier und Orchester G-dur, 2. Satz</strong><br />Track 3<br />Pierre-Laurent Aimard, Klavier<br />The Cleveland Orchestra<br />Leitung: Pierre Boulez<br />Deutsche Grammophon (LC 00173) 477 8770<br /><br />Ein Ausschnitt aus dem 2. Satz des Klavierkonzerts für beide Hände von Maurice Ravel mit Pierre-Laurent Aimard und dem Cleveland Orchestra unter der Leitung von Pierre Boulez. Bei beiden, Aimard und Boulez, bildet die Neue Musik einen besonderen Schwerpunkt der Arbeit. Ausgehend von ihr haben beide, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten, nach und nach sozusagen rückwärts auch vieles aus dem älteren Repertoire eingespielt. <br /><br />So steht der aus Lyon stammende Aimard, der an der Kölner Musikhochschule unterrichtet, inzwischen nicht nur für beispielhafte Aufnahmen von Werken eines Boulez, Stockhausen oder Ligeti, sondern es gelang ihm auch, den Klavierkonzerten Mozarts, Beethovens oder Dvoraks in viel beachteten Konzerten und Schallplatteneinspielungen neue Seiten abzugewinnen. Oberstes Ziel dabei, das beweist auch diese Neuaufnahme der Ravel-Klavierkonzerte, ist die Offenlegung der kompositorischen Strukturen und ein besonderes Streben nach Klarheit. <br /><br />Der Musik von Ravel bekommt dies wegen der Unterschiedlichkeit der hier verwendeten Zutaten besonders gut. Dabei ist es wichtig – so erläutert es Pierre Boulez im Beiheft – die Vielzahl der stilistischen Komponenten zu einem Stil zu binden, sie nicht einfach nacheinander erscheinen oder von einer Klimazone zur nächsten wechseln zu lassen ... Interpretation besteht hier darin, die Einheit des in sich total Verschiedenen zu manifestieren." <br /><br />Erst dann also ergibt sich, so wie in dieser Neuaufnahme, eine hochintelligente Unterhaltung auch im Sinne eines "Gesprächs" zwischen den Instrumenten, rauschhaft, leicht, verspielt, witzig, ja frech in den Ecksätzen; gesanglich, rätselhaft und mit großem Ausdruck im Adagio, insgesamt feinsinnig verknüpft und glänzend instrumentiert. Pierre-Laurent Aimards Part beim Schluss-Satz ist ein vier Minuten dauernder, fast unaufhörlicher Strom von Sechszehntel-Noten, ein wild gewordenes Perpetuum mobile in einem außer Rand und Band geratenen Musik-Zirkus.<br /><br /><li><strong>Maurice Ravel<br />Aus: Konzert für Klavier und Orchester G-dur, 3. Satz</strong><br />Track 4<br />Pierre-Laurent Aimard, Klavier<br />The Cleveland Orchestra<br />Leitung: Pierre Boulez<br />Deutsche Grammophon (LC 00173) 477 8770<br /><br />Die neue Platte – heute mit den beiden Klavierkonzerten von Maurice Ravel in einer Neuaufnahme durch Pierre-Laurent Aimard und das Cleveland Orchestra unter der Leitung von Pierre Boulez, erschienen bei der Deutschen Grammophon. Damit verabschiedet sich im Studio Ludwig Rink.</p>

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