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StartseiteKultur heuteKafkas Vokabelheft 07.08.2019

Max-Brod-Nachlass in IsraelKafkas Vokabelheft

Jahrelang wurde vor Gericht um den Nachlass des Schriftstellers, Kafka-Freundes und Verlegers Max Brod gestritten, dann wurde er Israel zugesprochen. Ein Teil wurde jetzt in Jerusalem präsentiert - darunter ein Skizzenbuch Kafkas und seine Hebräisch-Übungen.

Von Tim Aßmann

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Schriftsteller Franz Kafka vor dem Haus der Familie; dem Oppelt Haus am Altstädter Ring in Prag. Tschechien. Photographie. 1922. (picture alliance / IMAGNO/Votava)
Franz Kafka vor dem Haus der Familie, dem Oppelt-Haus in Prag (1922) (picture alliance / IMAGNO/Votava)
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Stefan Litt war dabei, als sich Mitte Juli Bankschließfächer in Zürich öffneten. Für Litt, Archivar in der israelischen Nationalbibliothek, ein Moment, auf den er Jahre gewartet hatte.

"Man sieht diese Safes, große Boxen, Aluminiumboxen, die da rausgezogen werden und die sind verplombt gewesen, aufgrund dessen, dass sie 2010 eben gerichtlich eingesehen wurden. Die wurden dann mit einer Schere geöffnet, durch eine Rechtsanwältin von der Bank - und wenn man dann den Deckel öffnet und man sieht endlich das, wovon man lange wusste aber es nie hat zu Gesicht bekommen können, ist das schon ein sehr bewegender Moment."

Unveröffentlichtes Zeichenheft

Mehr als elf Jahre juristisches Ringen um den Nachlass des Schriftstellers, Kafka-Freundes und Verlegers Max Brod gingen in diesem Moment in dem Schließfachraum zu Ende. Mitgebracht aus der Schweiz hat Stephan Litt 60 Mappen mit Dokumenten. Rund 90 Prozent des Nachlasses ist direkt Max Brod zuzuordnen – weniger als zehn Prozent sind Handschriften und Zeichnungen von Kafka. Bisher unveröffentlicht ist ein Skizzenbuch mit Zeichnungen.

"Figuren, menschliche Figuren vor Allem, die also offensichtlich manchmal in fröhlichen Situationen sind, manchmal in leicht depressiven Situationen, also das sind auch die bekannten Bilder, die wir von Kafka schon kennen. Die sind da ganz ähnlich."

Bisher unveröffentlichte Zeichnungen Kafkas (Deutschlandradio / Tim Aßmann)Bisher unveröffentlichte Zeichnungen Kafkas (Deutschlandradio / Tim Aßmann)

Vokabelheft mit hebräischen Wörtern

Stephan Litt erhofft sich von den Zeichnungen neue Erkenntnisse über den Menschen Franz Kafka. Mit im Nachlass von Max Brod waren auch insgesamt drei unterschiedliche Manuskriptfassungen von Kafkas Erzählung "Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande". Die mit A,B,C gekennzeichneten Fassungen erlauben Rückschlüsse auf die Arbeitsweise des Schriftstellers, zeigen wie er den Text immer weiter runter kürzte. Unter den Dokumenten sind auch Hebräisch-Übungen Kafkas, der in Prag Unterricht nahm.

"Es gibt Vokabelhefte, wo er wirklich seitenweise einfach Wörter nieder schreibt, um sie zu lernen. Es gibt aber jetzt eben, das ist die Neuigkeit für uns, auch Hefte, wo er tatsächlich zusammenhängende Sätze in Folge schreibt und sogar einen kleinen Narrativ in der Lage ist, zu Papier zu bringen."

Hebräisch-Übungen Kafkas (Deutschlandradio / Tim Aßmann)Hebräisch-Übungen Kafkas (Deutschlandradio / Tim Aßmann)

Rechtsstreit um Max-Brod-Nachlass

Nach dem Tuberkulose-Tod Kafkas 1924 ging sein Nachlass an den Freund Max Brod, der die Unterlagen nicht vernichtete, wie Kafka es verlangt hatte, sondern sie aufbewahrte und die Werke schließlich veröffentlichte. 1939 wanderte Brod ins spätere Israel aus und den Kafka-Nachlass nahm er mit. Max Brod starb 1968 und seine ehemalige Sekretärin und Lebensgefährtin Esther Hoffe verkaufte einen Teil der Kafka-Texte, unter Anderem das Manuskript des Welterfolges "Der Prozess". Den Rest des Max-Brod-Nachlasses verwahrte sie in Safes in der Schweiz und in Israel sowie ihrer Privatwohnung in Tel Aviv. Die israelische Nationalbibliothek erhob Anspruch auf den Nachlass. Max Brod habe gewollt, dass die Dokumente einmal der Bibliothek gehören sollten, sagte deren Vorsitzender Direktor, David Blumberg nun anlässlich der Präsentation in Jerusalem.

"Wir dürfen nicht vergessen, dass der Nachlass, bevor er in den Besitz der Nationalbibliothek überging, fünfzig Jahre lang in Israel lagerte, durch Brod in Tel Aviv.  Wir haben also nicht etwas von irgendwoher nach Israel gebracht. Max Brod sah diese Texte als Teil des, wenn Sie so wollen, jüdischen Beitrags zur Weltkultur. Wir sind stolz, dass dies unser Platz im Rad der Geschichte ist."

Kafka-Unterlagen jetzt möglichst schnell digitalisieren

Die Nachfahren von Esther Hoffe erkannten den Anspruch nicht an und verloren den folgenden Rechtsstreit schließlich 2016. Israels oberstes Gericht sprach die Dokumente der Nationalbibliothek zu. Auch das Deutsche Literaturarchiv in Marbach hatte sich Hoffnungen gemacht. Nach dem Urteil dauerte es noch rund drei Jahre bis zur Schließfachöffnung in Zürich. Zu dem nun präsentierten Gesamt-Nachlass von Max Brod gehören auch noch Dokumente, die in Israel lagerten und mehrere tausend Seiten, die gestohlen wurden und in Deutschland wieder auftauchten. Das Bundeskriminalamt übergab diese Funde vor einigen Monaten dem Staat Israel. Nun sichtet Archivar Stephan Litt in Jerusalem den Nachlass.

"Man merkt, dass man gerade Teil der Geschichte ist und ein großer Prozess in mehrfacher Hinsicht zu Ende gegangen ist. Und wir sind natürlich überaus glücklich und sehr befriedigt, dass die Sachen letztendlich wieder vereint sind."

Den Kafka-Teil des Nachlasses will die israelische Nationalbibliothek nun möglichst schnell digitalisieren und, so die Hoffnung, noch vor dem Ende des Jahres online stellen.

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