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StartseiteForschung aktuellNikos Logothetis: "Meine Forschung wurde zerstört, ich war verzweifelt."03.02.2020

Max-Planck-Direktor geht nach ChinaNikos Logothetis: "Meine Forschung wurde zerstört, ich war verzweifelt."

Seit Videos von Versuchsaffen aus dem Labor von Nikos Logothetis veröffentlicht wurden, kämpft der Hirnforscher am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik um seinen Ruf. Nun hat Logothetis angekündigt, künftig in China zu forschen. In Deutschland fehlt ihm die Rückendeckung für seine Arbeit.

Lennart Pyritz im Gespräch mit Ralf Krauter

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Nikos Logothetis, griechischer Biologe und Neurowissenschaftler (dpa/Marijan Murat)
Nikos Logothetis, griechischer Biologe und Neurowissenschaftler, will nach jahrelangem Streit um Affen-Versuche in China weiterforschen. (dpa/Marijan Murat)
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Der Hirnforscher Nikos Logothetis, Direktor am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen, wurde sogar als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt; die Fachzeitschrift Nature nannte ihn einmal den "Maestro of minds". Doch 2014 sorgte ein TV-Beitrag mit Filmsequenzen von Versuchsaffen aus seinem Labor für Aufruhr. Heimlich aufgenommen von einem Tierschutz-Aktivisten und mit dramatisch montierten Szenen der Versuchstiere, lösten die Bilder öffentliche und juristische Konflikte aus. Der Hirnforscher musste um seinen Ruf kämpfen. Jetzt hat der Fall wieder Beachtung gefunden, weil Logothetis für weitere Forschungen nach China gehen möchte. Lennart Pyritz zu den Hintergründen im Gespräch mit Ralf Krauter.

Ralf Krauter: Wenn wir noch einmal kurz auf die Anfänge der Geschichte ab 2014 blicken: Wie haben die Beteiligten damals reagiert?

Lennart Pyritz: Nachdem diese heimlich aufgenommenen Bilder der Versuchsaffen ausgestrahlt wurden, gab es reißerische Medienbeiträge, Demonstrationen, sogar Todesdrohungen gegen die Forscher. Es gibt auch die Geschichte, dass ein Friseur sich geweigert hat, Nikos Logothetis die Haare zu schneiden. Auf der anderen Seite wird der Max-Planck-Direktor von Kollegen als verantwortungsbewusst beschrieben, als einer, der hohe ethische Standards für Eingriffe bei Primaten angelegt hat.

Nikos Logothetis selbst hat anfangs wohl eher ungläubig auf diese Skandalisierung geblickt. Seine Versuche waren von der Ethikkommission genehmigt. Für ihn war klar, dass diese illegalen Aufnahmen ein verzerrtes Bild seiner Forschung lieferten. Es ging dann aber immer weiter. 2018 beantragte die Staatsanwaltschaft Strafbefehle wegen des Vorwurfs der Tiermisshandlung. Dabei ging es um drei Affen, die mutmaßlich zu spät eingeschläfert worden seien. Das Verfahren wurde aber nach einigen Monaten eingestellt, Logothetis und zwei Mitarbeiter haben einen Geldbetrag gezahlt, sind aber nicht vorbestraft.

Klage über fehlenden Rückhalt durch den Arbeitgeber

Ralf Krauter: Nikos Logothetis geriet damals massiv unter öffentlichen Druck. Wie hat sein Arbeitgeber reagiert? Hat sich die Max-Planck-Gesellschaft schützend vor ihn gestellt?

Lennart Pyritz: Aus der Sicht von Nikos Logothetis nicht dezidiert genug. Der hätte sich von der MPG-Leitungsebene in München mehr Unterstützung gewünscht, als er in die Kritik geraten ist. 2015 zog er Konsequenzen und gab bekannt, dass er keine Versuche mehr mit Affen, sondern nur noch mit Nagetieren durchführen möchte. Ausschlaggebend für ihn waren dabei weniger die Drohungen und Beleidigungen von Tierversuchsgegnern als fehlender Rückhalt. Die Max-Planck-Gesellschaft hält dagegen, dass sie Logothetis sehr wohl unterstützt habe: Mit Personenschutz, Rechtsberatung und einem Krisenmanager. Und dass sie mehrfach öffentlich erklärt habe, auch künftig Forschung mit Affen betreiben zu wollen.

Nachdem der Strafbefehl bekannt wurde, hat die Max-Planck-Gesellschaft Logothetis außerdem für die Dauer des Verfahrens einen Teil der Leitungsfunktionen entzogen. Und zwar die, die mit Tierversuchen zu tun hatten. Das kann man als vertrauensbildende Maßnahme nach so einem Verdacht bewerten. Mitarbeitende des Max-Planck-Instituts in Tübingen und auch internationale Fachgesellschaften haben es aber eher als eine Art Vorverurteilung kritisiert. Die Max-Planck-Gesellschaft hat daraufhin wiederum in einem offenen Brief auch auf organisatorische Mängel in Logothetis' Abteilung verwiesen. Da sind immer wieder gegensätzliche Sichtweisen aufeinander geprallt.

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Aufbau eines neuen Hirnforschungszentrums in Shanghai

Ralf Krauter: Nikos Logothetis will künftig in China weiter forschen. Ist das eine Reaktion auf all das, was da seinerzeit schief gelaufen ist?

Lennart Pyritz: Die Fachzeitschrift Science berichtet, dass in Shanghai gerade ein neues Forschungszentrum entsteht, das International Center for Primate Brain Research. Da soll Logothetis offenbar Co-Direktor werden. Ende 2020 oder Anfang 2021 plant er demnach dorthin zu wechseln – zusammen mit vielen seiner Mitarbeitenden aus Tübingen. Die Chinesische Akademie der Wissenschaften hat sich auf eine Anfrage des Deutschlandfunks bisher nicht zu dieser Personalie geäußert. Laut FAZ kann Logothetis in China mit deutlich mehr Tieren forschen als in Tübingen. Er selbst sagt, dass er dort die gleichen Standards anlegen will, die er auch in Deutschland etabliert habe.

Ralf Krauter: Du hattest per E-Mail mehrfach Kontakt mit Nikos Logothetis. Was hat er über seine Beweggründe verraten?

Lennart Pyritz: Dem ist das offenbar schon alles sehr nahe gegangen. In einer Mail schreibt er: 'Meine Forschung wurde zerstört, ich war verzweifelt, habe Herzprobleme, Schlafstörungen und Depressionen bekommen. Um wieder ein normaler Mensch zu werden, bleibt mir keine andere Wahl, als Tübingen zu verlassen.' Er freue sich nun, dass ihm in China eine neue Perspektive gegeben werde. Und er schreibt auch, dass sich China derzeit auf einem eindrücklichen wissenschaftlich-technischen Weg befinde und nachdrücklich die Grundlagenforschung unterstütze; so wie es früher auch in Deutschland der Fall gewesen sei.

Entscheidungsträger sollten Forschende besser unterstützen

Ralf Krauter: Da klingt aber auch raus, das Deutschland als Forschungsstandort aus seiner Sicht an Attraktivität eingebüßt hat?

Lennart Pyritz: So sieht es Logothetis zumindest. In einer Mail schreibt er: Was derzeit in Mitteleuropa passiere, sei katastrophal. Er verweist darauf, dass es seiner Erfahrung nach Jahrzehnte braucht, um bestimmte Erfahrungen und Kenntnisse aus der Grundlagenforschung zu "rekultivieren", wenn sie einmal verloren sind.

Er nennt auch Instanzen, die seiner Ansicht nach entscheiden müssen, ob Grundlagenforschung, insbesondere Hirnforschung für den Menschen von entscheidender Bedeutung ist oder nicht. Nämlich: Präsidenten von Forschungsgesellschaften und Universitäten, Klinikdirektoren und natürlich Politiker. Und ich zitiere noch einmal: 'Wenn die Entscheidungsträger dieser Meinung sind, haben sie die Verantwortung voll und ganz dafür einzustehen, und ihre Forscher zu schützen und zu unterstützen. In meinem Fall komme ich leider zu dem Schluss, dass dies nicht geschehen ist.'

Begrenzte berufliche Perspektive für 69-jährigen Forscher

Ralf Krauter: Da klingt viel Frust raus. Wie schätzt denn die Max-Planck-Zentrale in München diese neue Wendung im Fall Logothetis ein?

Lennart Pyritz: Die kann den Hype um die Wechselabsichten von Nikos Logothetis nicht nachvollziehen. Das ist der erste Satz, den mir Christina Beck geschrieben hat, die Pressesprecherin der Max-Planck-Gesellschaft. Die MPG hat Nikos Logothetis Vertrag als Direktor am MPI für biologische Kybernetik schon zwei Mal über das Emeritierungsalter von 65 Jahren hinaus verlängert. Mehr geht nicht, 2022 würde er emeritiert. In dieser Phase der Karriere sind MPI-Forscher immer angehalten, ihren Mitarbeiterstamm zu verkleinern, damit sich das Institut nach ihrem Weggang neu ausrichten kann. Vor diesem Hintergrund schreibt Christina Beck, 'Herr Logothetis hätte in den verbleibenden Jahren und auch als Emeritus keine Abteilung dieser Größe mehr gehabt; viele seiner Mitarbeiter hätten sich neu orientiert.' Das klingt nach ohnehin begrenzter beruflicher Perspektive in Tübingen. Logothetis wiederum sagt, die Aussicht auf eine verkleinerte Arbeitsgruppe nach seiner Emeritierung sei nicht der Grund für den Wechsel nach China.

China investiert viel Geld in die Forschung

Ralf Krauter: Lässt sich an diesem Punkt so etwas wie ein Fazit ziehen?

Lennart Pyritz: Ich würde sagen, der Fall wirft eher grundsätzliche Fragen auf. Zum Beispiel: Wie umgehen, mit Drohungen und Einschüchterungen, mit Shitstorms gegenüber Forschenden, die eine sachliche oder auch juristische Auseinandersetzung überlagern? Solche Fragen der Diskussionskultur stellen sich natürlich auch in anderen Bereichen wie etwa der Politik.

Eine zweite Frage wäre: Wie kann der wissenschaftliche Nutzen von Tierversuchen - insbesondere mit Affen - transparent gemacht werden. Wo gibt es aus Forschungsperspektive Alternativen und wo eben nicht? In dem Zusammenhang kann man vielleicht die Initiative "Tierversuche verstehen" erwähnen, die den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit fördern soll. Dahinter stehen neben der Max-Planck-Gesellschaft Organisationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft und die Leibniz-Gemeinschaft.

Und schließlich wirft der Fall Logothetis auch die Frage auf, ob in Zukunft mehr Forschende aus Europa nach China wechseln werden, weil sie dort bessere Arbeitsperspektiven sehen. Soviel ist klar: Bezogen auf die Investitionen in Forschung hat China mittlerweile zum Spitzenreiter USA aufgeschlossen. Das hat die Fachzeitschrift Nature gerade berichtet. Inwieweit die chinesische Forschungslandschaft in punkto Ethikstandards und Forschungsfreiheit mit der Europäischen vergleichbar ist, ist dann noch eine andere Frage.

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