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StartseiteGesichter EuropasEin ungewöhnlicher Politiker11.11.2017

Mazedonien nach dem Machtwechsel (4/5)Ein ungewöhnlicher Politiker

Monatelang sind sie in Mazedonien auf die Straße gegangen, um gegen Wahlfälschung und Korruption zu demonstrieren. Am Ende mit Erfolg. Seit Mai ist eine neue Regierung im Amt. Doch Zdravko Saveski misstraut auch ihr. Er hat kurzerhand eine eigene Partei mitgegründet.

Von Leila Knüppel

Zdravko Savesk hat in Mazedonien die neue linke Partei "Levica" gegründet (Deutschlandradio/ Leila Knüppel)
Während der Proteste gegen die ehemalige Regierung in Mazedonien ging Zdravko Saveski auf die Straße, nun hat er sich entschieden, selbst Politik zu machen, mit der neuen linken Partei "Levica" (Deutschlandradio/ Leila Knüppel)
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"Menschen mögen keine Parteien, hier in Mazedonien. Seit unserer Unabhängigkeit war jede Partei, jeder Politiker korrupt und hat nur gelogen. Die Bürger denken, wenn du eine Partei gründest, ist das nur der Versuch, den Menschen ihr Geld zu stehlen."

Sehr hager in seinem dunkelblauen Pulli, darüber eine dünne dunkle Jacke, sitzt Zdravko Saveski auf einer Bank in Skopje und erklärt, warum er sich trotzdem entschieden hat, die linke Partei "Levica" mit zu gründen. 2016, als er schon monatelang gegen die Korruption und Wahlfälschung der damaligen national-konservativen Partei Nikola Gruevskis demonstriert hatte – und deswegen sogar unter Hausarrest gestellt wurde.

"Während der Proteste haben wir gemerkt: Egal, wie groß die Proteste sind oder wie gemäßigt die Forderungen waren, die Regierung hat sich nicht für die Demonstrierenden interessiert, nicht zugehört. Deswegen haben wir eine Partei gegründet. Nur Proteste, das ist keine gute Strategie." 

Mazedoniens langjähriger Ministerpräsident Nikola Gruevski in blauem Anzug, hinter ihm eine Frau und mehrere Fotografen. (AFP/ROBERT ATANASOVSKI)Mazedoniens langjähriger Ministerpräsident Nikola Gruevski bei der Stimmabgabe in einem Wahllokal in Skopje 2016. Die Wahl führte zu einem Regierungswechsel. (AFP/ROBERT ATANASOVSKI)

Armuts- und Korruptionsbekämpfung sind Hauptthemen

Immer wieder wird Zdravko Saveski unterbrochen. Dem Mann, der sich nun dazugesellt hat, bereitet es sichtlich Vergnügen, einem ins Haar zu greifen, in den Arm zu zwacken und das Gesicht ganz dicht an das des Gegenübers zu schieben. Den kenne jeder hier in Skopje, sagt Zdravko. Er sei berühmt, eher berüchtigt. Dann setzt der Partei-Vorsitzende noch einmal an:

"Wir denken, die einzige Möglichkeit, die Korruption in der Politik Mazedoniens zu bekämpfen, ist es, eine Partei zu gründen und normale Bürger dazu zu bringen, an den Entscheidungsprozessen teilzunehmen und…"

Nun kommt ein Kind, das eine Kartonpappe auf dem Boden ausbreitet, sich drauflegt und den Passanten seine Hand entgegenstreckt. Zdravko gibt dem bettelnden Mädchen einige Denar. Dabei ist er vermutlich selbst nicht allzu gut bei Kasse. Dann zeigt er auf eine goldene Skulptur direkt neben dem Kind.

"Die Skulptur eines Bettlers. Sie wurde in derselben Zeit aufgestellt, als sie die Sozialhilfe gestrichen haben. Also haben sie wortwörtlich den Armen Geld weggenommen, um ihnen hier ein Denkmal zu setzen."

Die soziale Ungerechtigkeit, schlechte Arbeitsbedingungen, geringe Löhne und das korrupte politische System – das sind Themen, die Levica angehen möchte. Bei den Parlamentswahlen 2016, den Neuwahlen, die die Protestierenden erzwungen hatten, ist die Partei zum ersten Mal angetreten.

Ein Prozent haben sie geholt, erzählt Zdravko. Entmutigen lässt er sich davon trotzdem nicht. Bei den Protesten habe er schon anderes mitgemacht: 

"Hausarrest, für 50 Tage. Weil sie wussten, dass ich einer der aktiveren Organisatoren der Proteste war, haben sie gedacht, wenn sie mich unter Hausarrest stellen, dann würden die anderen eingeschüchtert und die Proteste würden kleiner werden. Aber die Wut war so groß, dass die Leute die Angst vor der Regierung überwunden haben. Und die Angst vor der ehemaligen Regierung war sehr groß."

Wahlkampf ohne Mittel

Zdravko steht auf, um rechtzeitig zum Parteitreffen zu kommen. Schließlich wolle seine Partei heute eigentlich in die heiße Wahlkampfphase treten, für die Lokalwahlen in Skopje und in anderen Bezirken. 

Einige Straßen weiter haben sie ein Büro angemietet. Vor der Tür des etwas heruntergekommenen Mietshauses warten schon zwei Männer. Ein älterer Herr mit freundlichem Lächeln und wenigen Zähnen. Und ein Student. Alle hier arbeiten ehrenamtlich mit. Bezahlte Mitarbeiter kann sich die Partei nicht leisten.

Drinnen sitzen schon etwa ein Duzend Mitglieder an einem großen Tisch und beratschlagen, wie sie den Wahlkampf angehen möchten. Denn es sieht ganz so aus, als könnte sich der Straßenwahlkampf weiter verzögern. Das Geld für den Druck der Flyer war ohnehin schon knapp und nun weigert sich die Druckerei, einen Auftrag der neuen Partei anzunehmen.

Mit Geld aushelfen kann niemand: Die meisten Parteimitglieder hätten keine Arbeit oder nur sehr schlecht bezahlte, erzählt ein junger Mathematik-Student.

"Irgendetwas muss geändert werden"

Während die jüngeren Parteimitglieder versuchen, einen klapprigen Wahlkampftisch probeweise schon einmal aufzubauen, geht Zdravko kurz raus, ins regnerische Dunkel, um eine Zigarette zu rauchen. Auch er hat seinen Job verloren:

"Ich war Professor, wir haben eine Gewerkschaft gegründet und einen Streik organisiert. Der Streik war erfolgreich, aber in der Folge bin ich dann entlassen worden."

Warum er sich trotz der vielen Rückschläge nun noch verbissener in die politische Arbeit stürzt? Man müsse eben Opfer bringen, sagt Zdravko.

"Hier in Mazedonien ist es seit einem Vierteljahrhundert immer nur abwärts gegangen, die Leute sind ärmer geworden. Und irgendetwas muss daran geändert werden. Deswegen habe ich mich entschieden, mich politisch zu engagieren." 

Drinnen steht immerhin schon der Wahlkampftisch. Nur auf die Tischplatte stützen, das sollten die Parteimitglieder dann doch lieber vermeiden. Richtig stabil sieht er jedenfalls nicht aus.

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