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StartseiteDeutschland heute"Wir haben das Feuer eingekesselt"03.07.2019

Mecklenburg-Vorpommern"Wir haben das Feuer eingekesselt"

Nach vier Tagen Großbrand habe die Feuerwehr nun eine "Schlinge" um das Feuer in dem munitionsbelasteten Ex-Militärgebiet bei Lübtheen gelegt, sagte Landrat Stefan Sternberg im Dlf. Eine Entwarnung sei das aber noch nicht. Es fehle an Einsatzkräften und technischer Ausstattung.

Stefan Sternberg im Gespräch mit Ute Meyer

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03.07.2019, Mecklenburg-Vorpommern, Jessenitz: Ein Hubschrauber der Bundeswehr wirft Löschwasser über dem brennenden Waldgebiet ab. Die Lage im Waldbrandgebiet auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern hat sich erstmals seit Ausbruch des Feuers leicht entspannt. Erste Bewohner konnten in ihre vorsorglich geräumten Häuser zurückkehren. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit (Jens Büttner / picture alliance)
Laut Einsatzkoordinator Sternberg sind über 3.000 Kräfte rund um Lübtheen im Einsatz (Jens Büttner / picture alliance)
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Mecklenburg-Vorpommern Es brennt weiter bei Lübtheen

Ute Meyer: Wir haben das Feuer das erste Mal im Griff, heißt es heute Vormittag aus Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern, wo seit Sonntag der größte Waldbrand in der Nachkriegsgeschichte des Bundeslandes wütet. Vier Ortschaften mussten geräumt werden, 1.200 Hektar Wald brennen auf einem ehemaligen Manövergebiet der Bundeswehr. Heute nun können erste Anwohner des Waldgebietes in ihre Häuser zurück.

Ich hatte vor der Sendung Gelegenheit, über Handy mit Stefan Sternberg zu sprechen, dem Landrat des betroffenen Kreises Ludwigslust-Parchim. Er ist der Chef des Einsatzstabes und koodiniert die Löscharbeiten. Meine erste Frage an ihn war, was er gerade tut:

Stefan Sternberg: Ja, wir sind gerade dabei, in sehr großer Runde hier noch mal die Flüge der Bundeswehr, der Bundespolizei und der Landespolizei hier zu koordinieren, weil wir die Maschinen noch mal aufgestockt haben.

Meyer: Das heißt, Sie sind im Lagezentrum?

Sternberg: Genau, ich sitze hier im Lagezentrum und wir koordinieren gerade noch mal die Löscheinsätze praktisch unserer Fliegerstaffel hier.

"Wir haben die Orte gesichert"

Meyer: Es gibt eine erste Entwarnung. Wie haben die Einsatzkräfte das geschafft, dass nach Tagen des Großbrandes diese erste Entwarnung gegeben werden konnte?

Sternberg: Also eine Entwarnung ist es nicht, es ist das erste Mal die Situation, dass wir das Feuer eingekesselt haben, also wir haben eine Schlinge drum gelegt. Ob diese Schlinge hält, das wissen wir zurzeit noch nicht, im Moment hält sie. Darum sind diese Flieger für uns, also die Hubschrauber, für uns unglaublich wichtig, besonders der Merlin 2 der Landespolizei spielt hier eine große Rolle für uns, weil er mit Wärmebildtechnik ausgestattet ist und damit uns immer live hier ins Lagezentrum überträgt, wo sich die Feuersituation hin bewegt.

Und der große Erfolg, also trotz allem, den wir bisher hier geschafft haben, nämlich erstens, dass wir die Orte gesichert haben, wir sind weiter von den Orten weggerückt, wir haben jetzt auch erste Evakuierungen aufgehoben, im Laufe des Tages können einige in ihre Häuser zurück, das kommt aus der guten Zusammenarbeit hier wirklich aller Partner, Landespolizei, Bundespolizei, Bundeswehr, ein ganz wichtiger Partner im Moment hier für uns, die alle hier unter meiner Einsatzleitung das sehr, sehr gut machen und toll koordinieren.

Schwierige Löschbedingungen für zivile Feuerwehr

Meyer: Trotzdem hat es ja doch einige Tage gedauert. Woran hat es da gehakt, Herr Sternberg?

Sternberg: Na ja, als 2013 die Bundeswehr dieses Gelände hier verlassen hat und das Gelände dann an eine andere Bundesbehörde übergeben hat, ist auch die damalige Berufsfeuerwehr hier abgezogen worden, die natürlich hier am Standort ganz andere Löschtechnik hatte wie eine normale, kleine, ländliche Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern oder in ganz Deutschland.

Das heißt, dass wir gänzlich hier in der Region überhaupt nicht mit so einem, ich sage mal, fast 100 Jahre genutzten Truppenübungsplatz umgehen können und wir haben die Technik dafür nicht. Dieses Gelände war immer militärische Sperrzone, wir dürfen auch heute eigentlich nicht in dieses Gelände, es ist ein Kategorie-4-Gebiet, das heißt, im Brandfall auf 1.000 Meter nicht nähern, sowohl aus der Luft wie auch von Landesseite, und das ist schon ein Riesenproblem.

Und es hat gedauert, weil wir einfach hier durch die so schnelle Ausdehnung des Feuers, die vielen Explosionen, die wir in den Feuerstellen auch gehört haben, also im Brandherd gehört haben, natürlich erst mal hier alle Kräfte koordinieren mussten und auch gucken mussten durch den ständig wechselnden Wind, der erschwerend dazu kam und das Feuer immer wieder auch angefacht hat in alle möglichen Richtungen, wie wir die Gesamtsituation hier koordinieren.

Es ist eigentlich, auch wenn vier Tage sich lange anhören, mit dem, was wir hier bewegen, sind vier Tage nicht viel. Wir bewegen hier die letzten vier Tage die ersten zwei Tage 2.000 Menschen pro Tag im Vier-Schicht-System und seit heute über 3.000 Menschen pro Tag im Vier-Schicht-System.

"Die Bundeswehr stürmt vor, und wir fahren hinterher"

Meyer: Ich will Ihre Anstrengung auch gar nicht infrage stellen, Herr Sternberg, ich stelle allerdings fest an Ihren Ausführungen: Es gibt einen Mangel bei der Feuerwehr, Sie sind, was Feuerwehrkräfte angeht, nicht mehr so gut ausgestattet, und es mangelt vielleicht ein bisschen an Transparenz in ehemaligen Sperrgebieten des Militärs der Bundeswehr?

Sternberg: Also es fehlen die Feuerwehrkameradinnen und -kameraden, die früher hier als Berufsfeuerwehr das hauptamtlich gemacht haben, das ist richtig, ehrenamtliche Kameraden haben wir hier in der Region viele, sehr engagiert, aber wir haben eben nicht die technische Ausstattung. Und zum Beispiel ein gepanzerter Unimog, das wären wirklich Lösungen, die wir brauchen, um zum Beispiel wenigstens überhaupt ins Gelände zu fahren, wo es nicht brennt, um zu erkunden. Alles das haben wir nicht.

Meyer: Wenn die Löschkräfte jetzt weiterarbeiten, und sie haben ja noch viel zu tun, wie gefährlich ist der Einsatz für sie?

Sternberg: Also es gibt eine Sache, die wir hier ausgegeben haben: Die 1.000 Meter zum Brandgebiet werden eingehalten durch alle Kräfte, damit niemandem was passiert. Und, toi, toi, toi, die letzten vier Tage ist keiner unserer Kameraden hier zu Schaden gekommen, wir haben das alles gut im Blick, und darum jetzt die Bundeswehr eben mit schwerer gepanzerter Technik, die können näher heran mit der gepanzerten Technik, und so kriegen wir in guter Abstimmung das hin. Ich beschreibe das mal bildlich: Die Bundeswehr stürmt vor, und wir fahren hinterher sozusagen.

Weitere Evakuierungen nicht auszuschließen

Meyer: Und wann dürfen die letzten Bewohner der evakuierten Dörfer damit rechnen, in ihre Häuser zurückzukehren?

Sternberg: Das sehen Sie mir nach, wir bewerten die Lage immer im Sechs-Stunden-Rhythmus in großer Runde, also es ist in jeder Lagebesprechung Thema und das kann ich abschließend noch nicht sagen. Ich behalte mir sogar vor, weitere Evakuierungen vorzunehmen. Wenn sich das Feuer in andere Richtungen ausdehnt und vielleicht diese Riegel, wo wir es heute Morgen praktisch drin gefangen haben, doch überspringen, könnte es immer noch wieder passieren, dass wir weitere Evakuierungen durchführen müssen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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