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StartseiteKultur heuteUrbild der Ambivalenz16.09.2016

"Medea.Matrix" bei der RuhrtriennaleUrbild der Ambivalenz

Medea ist eine der rätselhaftesten Figuren der griechischen Mythologie. Sie ist Priesterin und Zauberin, Liebende und Hassende, Mutter und Kindsmörderin. Regisseurin Susanne Kennedy versucht mit ihrem Stück "Medea.Matrix", das bei der Ruhrtriennale Uraufführung hatte, diese Ambivalenzen darzustellen.

Von Karin Fischer

Die österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr 2015 beim Filmfest Hamburg (picture alliance / dpa / Georg Wendt)
Die österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr spielt die Medea in Kennedys Stück "Medea.Matrix". (picture alliance / dpa / Georg Wendt)
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Ruhrtriennale "Medea" als Stück über Emanzipation

Die kleine Halle ist vollgestellt: mit Leinwänden sogar in den Rundbögen der Fenster, auf denen dschungelartig der Wald wabert, massenhaft Bienen zu sehen sind oder eine Gruppe wilder Hunde beim Zerfleischen einer Beute. Ein Podest, einer aztekischen Kultstätte ähnlich, bildet den Vordergrund der Bühne, daneben ein weißer Totempfahl, der nicht zufällig eine eher weibliche Form hat und als zusätzliche Projektionsfläche dient: für Bilder von Fruchtbarkeitsgöttinnen, Marienfiguren, Justitia mit dem Schwert.

Nackte Frauen im Großformat

Zuerst aber wird der Zuschauer, begleitet von kunstvoll raunender Geräuschkulisse, hinter diesen Ritualort geleitet, wo neun ältere Frauen, alle gleich kostümiert wie bäuerliche Matrjoschka-Puppen, Plastikschüsseln mit je einem Ei in Händen halten. Sie tragen langen Zopf und Maske und Schürzen, auf denen berühmte Werke der Kunstgeschichte zu sehen sind, nackte Frauen im Großformat. Um sie herum sind Ähren und Feldfrüchte drapiert.

Dieser Abend hat also keine Angst vor Symbolik. Es geht um Fruchtbarkeit; den Tod; das Kreatürliche. Ständig wechselnde animierte Videos – eine Schlange, ein Krokodil, eine computeranimierte Frau mit Babybauch – oder Bilder zerstörter Natur werden überschrieben mit Texten aus der Literatur, der Medizin oder aus Internet-Foren. Die Frau ist die Gebärende, aber ihr Körper nach wie vor Problemzone, beladen mit misogynen Projektionen, oder Unwissenheit:

"Ich nehme seit ein paar Monaten die Pille und habe mit meinem Mann auch Sex ohne Kondom. Ich nehme die Pille natürlich regelmäßig."

Die Frau als Loch

Von Bibel bis Befruchtung, von Gebärmutterschleimhaut bis Geburt, von Kultur bis Kaiserschnitt reichen die Text- und Bildfetzen. Die erratische Gruppe der Frauen bildet dabei den Chor aus verfremdeten Computerstimmen. Wieder einmal kommt alles zur Sprache: die Pathologisierung der Frau durch die Jahrhunderte; die Fremdheit des eigenen Körpers, die Frau als Loch, das ihre "Seinsweise" definiert; oder als Verlassene, deren Mann sich eine Jüngere genommen hat.

Birgit Minichmayr, die Klasse-Schauspielerin mit dem unverwechselbaren Sound, nimmt sich für diesen Abend extrem zurück, indem sie sich – nur mit schwarzem Höschen und Brustband bekleidet - zum steifen Sprachrohr der Texte von Euripides, Nietzsche, Sartre und anderen machen lässt.

"Ach weh mir, wär ich doch tot nur sonst. Ich dreimal doch lieber in Schlachten stehn als gebären einmal nur. Für dieses Unrecht meinen Mann zu züchtigen, so lass sie tot sein. Sie sollen froh nicht leben, die mein Herz gekränkt."

Als Hohepriesterin einer Veranstaltung, die die kulturgeschichtlichen Zuschreibungen an Medea ebenso ausstellt wie dekonstruiert, wirkt ihre Rolle intensiver als alles sie umstellende Material. Trotzdem kommt einem ihr extrem distanziertes Sprechen wie eine Vergeudung vor. Auf den Leinwänden sehen wir inzwischen Kampfflieger, Feuer und Rauch, oder Wasser und ein Kleinkind. Medea als die Mutter, die Leben schenkt und es auch wieder nimmt, ist kulturgeschichtlich eine Anomalie, hier in Duisburg aber ein Phänomen, das bildgewaltig umstellt und doch um Längen verfehlt wird.

Bildgewaltig, doch um Längen verfehlt

Statt Assoziationen zu wecken, gibt die Aufführung solche nur vor; statt Gefühle zu erzeugen, werden diese durch kryptische Zeichen und wabernden Sound zerfasert. Die Idee des Gesamtkunstwerks, die dieser theatralen Installation zugrunde liegt, verliert sich in dunkel dräuender Bilderflut. Am Ende ist alles nur kunstgewerbliches Bemühen. Keine Einsichten, keine Erfahrung, nirgends. Viel Ratlosigkeit aufseiten des Publikums. Susanne Kennedy wird mit dem Team Dercon an die Volksbühne nach Berlin gehen. Schon möglich, dass so etwas in der Hauptstadt als chic gelten könnte. Im ehrlichen Ruhrgebiet wirkt es wie Chichi.

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