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StartseiteMarkt und Medien"Medien haben die politischen Grundsatzfragen vernachlässigt"05.05.2007

"Medien haben die politischen Grundsatzfragen vernachlässigt"

Kritik an den Medien im französischen Wahlkampf

" "Die Medien haben die Macht, den Wahlkampf zu entpolitisieren und in eine Art VIP-Event zu verwandeln. Und zwar haben wir die People-Berichterstattung fürs einfache Volk. Und die VIP-News für die Reichen: etwa die Porträts im Nouvel Observateur und in Le Monde. "

Von Christine Siebert

Sozialistin Ségolène Royal und der konservative Nicolas Sarkozy schütteln sich vor dem Fernsehduell zur Stichwakl um das Präsidentenamt die Hände. (AP)
Sozialistin Ségolène Royal und der konservative Nicolas Sarkozy schütteln sich vor dem Fernsehduell zur Stichwakl um das Präsidentenamt die Hände. (AP)
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Sarkozy gegen Royal

Zeitschriften und Zeitungen enthüllen ihre Traumata und Kindheitsblessuren, Ängste, Sehnsüchte und Schwächen. Die "maximale" Entpolitisierung beobachtet Henri Maler jedoch in 13-Uhr-Nachrichten des Privatsenders TF1, dem "Journal von Jean Pierre Pernaut".

"Jean Pierre Pernaut sah sich gezwungen, über den Wahlkampf zu berichten! In den letzten fünf Jahren war es ihm gelungen, die Politik absolut außen vor zu lassen. Jetzt kam er an der Kampagne nicht vorbei: also hat er 12 Porträts gemacht, in denen es darum ging, womit sich die Kandidaten beschäftigen, wenn sie keine Politik machen."

Zu brav, entrüstet sich Henri Maler. Er wehrt sich entschieden gegen die These der allmächtigen Medien, die ein Großteil seiner Landsleute vertritt, so auch die Teilnehmer der Diskussionsrunde im "Haus der Vereine" einer kommunistischen Vorstadt:

Über eines herrscht jedoch Konsens in der Debattenrunde: die Medien berichten an den wirklichen Themen vorbei.

"Ja, das Ganze ist eine Farce. Der ganze Medien-Wahlkampf. Und kein Politiker hat die Medien je kritisiert, das beweist doch, was die Medien für eine Macht haben.

Die Medien wollen die Leute von der Politik wegbringen. Sie sollen nicht an all die grundsätzlichen Probleme erinnert werden: Die Politiker wollen die Probleme doch gar nicht lösen!"

Und die Medien wollen ihr Publikum bei der Stange halten. An politischen Lösungsvorschlägen scheiden sich die Geister, und ein Teil der Hörer oder Zuschauer könnten wegzappen.

Also wird die Wahlkampagne als spannendes Spektakel inszeniert, als eine Art sportlicher Wettkampf. Henri Maler:

"Jede Kampagne besteht auf der einen Seite aus Strategie und "Spiel": taktische Positionierung, Allianzen, Schläge aus dem Hinterhalt… Das war schon immer so, nicht erst seit TF1 privatisiert wurde.
Und auf der anderen Seite ist das Wahlprogramm, politische Entscheidungen, Lösungsansätze usw.
In dieser Kampagne wurden Monate lang Pferdchen übers Spielbrett geschoben: Die Medien haben das Gewicht ganz entscheidend auf das strategische "Spiel" verlagert und die politischen Grundsatzfragen vernachlässigt."

Mittagsnachrichten auf RTL: Annäherungen zwischen Mitte und links, erpresserische Drohungen von rechts …
Diese strategischen Themen füllen die Nachrichten auf allen Sendern, ob privat oder öffentlich-rechtlich.

Zum Wettkampf-Spektakel gehört natürlich auch die Flut an Meinungsumfragen. Noch einmal Henri Maler:

"Aus Konkurrenzgründen muss jeder seine Umfrage haben, sonst würde er nackt dastehen. Wenn die Massenmedien sagen würden: Ein Wahlkampf kann ja wohl nicht hauptsächlich daraus bestehen, Umfrageergebnisse vorzuzeigen und sie zu kommentieren, dann hätten wir ein, zwei Meinungsumfragen zwei Wochen vor den Wahlen, und damit basta. Stattdessen veröffentlichen sie jeden Tag neue Umfragen und verbergen so, um was es eigentlich in diesem Wahlkampf geht: die Programme der Kandidaten, ihre Vorschläge, soziale und politische Fragen, die eigentlich auf der Tagesordnung stehen müssten."

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