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Startseite@mediasresDie Fairness aufgegeben28.09.2020

Medien in den USADie Fairness aufgegeben

Enthüllungen der "New York Times" über seine Steuerzahlungen setzen US-Präsident Trump derzeit unter Druck. Doch grundsätzlich sei es für Medien in den USA "billiger, zu hetzen", als durch investigative Recherche aufzudecken, sagte der Journalist Stephan Lamby im Deutschlandfunk.

Stephan Lamby im Gespräch mit Michael Borgers

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US-Präsident Trump steht vor einer Menschentraube von Journalisten auf einer Straße im Garten des Weißen Hauses. Die Reporter filmen und halten ihm Mikrofone entgegen. (imago/ Stefani Reynolds)
US-Präsident Trump wird meist von Journalistinnen und Journalisten umlagert (imago/ Stefani Reynolds)
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Michael Borgers: Die "New York Times" hat herausgefunden, dass Trump über Jahre kaum bis gar keine Steuern gezahlt haben soll. Für den republikanischen Politiker sind das "Fake News" und ein weiterer Anlass, seine Sicht auf die Medien zu präsentieren, seine negative Sicht. Die gespaltenen USA – ein Thema, mit dem sich auch der Journalist Stephan Lamby beschäftigt hat. Gemeinsam mit dem ehemaligen "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer hat er ein Buch geschrieben, das heute (28.09.2020) erschienen ist: "Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe". Und darüber sprechen wir jetzt, Hallo Herr Lamby.

Stephan Lamby: Hallo Herr Borgers, ich grüße Sie.

Borgers: Die aktuelle Recherche der "New York Times" – in ihrem Buch taucht sie nicht auf. Dennoch: wie würden Sie diese Arbeit bewerten? Ist das eine journalistische Sensation, ein Scoop. oder doch nur, wie Trump es darstellt, ein weiterer Versuch, ihn zu Fall zu bringen, also ein journalistischer Aktionismus?

Lamby: Es ist schon beides. Es ist ein Scoop, weil: Trump hat ja jahrelang versucht, genau das zu verhindern, dass seine Steuerverhältnisse öffentlich werden mit allen möglichen Tricks. Und dass es jetzt doch möglich ist, wird ihn mächtig wurmen. Und natürlich ist es auch der Versuch, Trump zu Fall zu bringen, denn viele amerikanische Kolleginnen und Kollegen haben genau das vor. Es wurmt sie, dass Trump 2016 zum Präsidenten gewählt wurde. Sie haben ja auch dazu beigetragen, weil sie ihn damals unverhältnismäßig groß gemacht haben, und jetzt nehmen sie natürlich jede Gelegenheit wahr, gegen Trump zu schießen.

Donald Trump im Regen auf dem Weg zur "Marine One" vor dem weissen Haus in Washington, auf dem Weg nach Dallas, Texas. 2020. (Getty / Drew Angerer) (Getty / Drew Angerer)Zeitungsbericht - US-Präsident soll jahrelang keine Steuern gezahlt haben
Die "New York Times" berichtet, dass Donald Trump jahrelang keine Einkommensteuer auf Bundesebene bezahlt haben soll. Den US-Präsidenten, der sich bisher weigerte, seine Steuererklärungen offenzulegen, hat der Bericht unvorbereitet getroffen.

Gewalt auf den Straßen - angeheizt vom Präsidenten

Borgers: In Ihrem Buch sprechen Sie von einem neuen Bürgerkrieg, der mit den Waffen der Mediengesellschaft ausgetragen wird. Die Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür. Erleben wir aber am Ende nicht einfach eine alte ideologische Auseinandersetzung, die nur in neuen, jetzt digitalen Medien ausgetragen wird?

Lamby: Naja, wir haben sowas ähnliches schon mal erlebt in den Nixon-Jahren. Sie erinnern sich an Watergate. Da hat Richard Nixon, der damalige amerikanische Präsident, kollektiv Journalistinnen und Journalisten als Feinde bezeichnet. Genau das tut Trump jetzt wieder. Damals war die Atmosphäre zwischen Politik und Medien, wo es ja eine klare Distanz geben muss, aber doch enorm aufgeladen. Und diese Methode hat Donald Trump vom ersten Tag seiner Präsidentschaft an übernommen. Und das mit dem Bürgerkrieg ist natürlich eine Metapher, aber mittlerweile, wenn Sie sich das Geschehen in vielen amerikanischen Gemeinden anschauen, hat das ja wirklich bürgerkriegsähnliche Zustände, weil es gewaltsame Auseinandersetzungen gibt, es gibt Schlägertrupps und es bleiben Leute leider tot auf der Straße liegen. Also so fern sind wir von einem realen Bürgerkrieg nicht. Natürlich nicht in diesem dramatischen klassischen Sinne, aber hier und da flammt physische Gewalt auf den Straßen auf - und das wird angeheizt unter anderem durch die Tweets und die Aussagen von dem amtierenden Präsidenten Donald Trump.

Borgers: … und die Arbeit der Medien – dem sind Sie ja in Ihrem Buch auch nachgegangen. Können Sie sagen, wann die Medien ihren Kompass verloren haben?

Lamby: Ja, da gab es eine Entwicklung Mitte/Ende der 80er-Jahre. Bis zum Jahr 1987 hatten Rundfunkanstalten – also Hörfunk wie Fernsehen – die sogenannte "fairness doctrine" zu respektieren. Das war also ein Gesetz, das Moderatoreninnen und Moderatoren dazu verpflichtete, bei politisch kontroversen Themen auch immer die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Und in den Jahren der Deregulierung hat man das aufgegeben, und dann begannen Talk-Radio-Moderatoren ihr Werk. Sie konnten nämlich einseitig kommentieren und hatten dann auch die Möglichkeit, unwidersprochen Verschwörungstheorien zu veröffentlichen. Das waren vor allem ultrakonservative Moderatoren. Dieses Modell wurde dann Jahre später von "Fox News" übernommen, und es ist natürlich auch leichter und im gewissen Sinne auch billiger, zu hetzen, zu kommentieren, als durch investigative Recherche aufzudecken. Und diese Entwicklungen, die da 1987/88 etwa ihren Anfang nahmen, die sehen wir in voller Blüte heute, so dass da nicht nur Republikaner und Demokraten gegeneinanderstehen, sondern auch "Fox News" und "CNN". Das ist wirklich mit Händen zu greifen im Moment.

Auflagen der seriösen Zeitungen machen Hoffnung

Borgers: Eine kurze Einschätzung zum Schluss noch: Sie schreiben in ihrem Buch, für viele Amerikaner spielen Fakten kaum mehr eine Rolle. Welche Chancen haben denn überhaupt noch seriöse Medien, die genau darauf setzen, Fakten zu recherchieren und zu präsentieren? Haben Sie Hoffnung für eine bessere Zukunft?

Lamby: Naja, Hoffnung macht die Entwicklung der Auflagen von seriösen Zeitungen, wie "New York Times"und "Washington Post". Denen ist das Ganze ja nicht schlecht bekommen auch im digitalen Bereich. Damit konnte man so vor fünf, sechs Jahren nicht unbedingt rechnen. Aber unabhängig jetzt von dem amtierenden Präsidenten Donald Trump ist das natürlich ein Strukturwandel, der da zu beobachten ist, und der wird weitergehen, egal wer da im Weißen Haus künftig sein wird.

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Borgers: Einschätzungen waren das von Stephan Lamby. Er und Klaus Brinkbäumer haben ein Buch geschrieben: "Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe" – heute erschienen im Beck-Verlag. Ihre gleichnamige TV-Doku läuft Ende Oktober im Ersten.

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