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StartseiteInterviewPeer Steinbrück rechnet ab22.11.2013

MedienkritikPeer Steinbrück rechnet ab

Peer Steinbrück hat die Bundestagswahl verloren und macht auch die Medien dafür verantwortlich. Klagen der Verlierer seien nichts Neues, meint der Journalist Nikolaus Brender. Auffällig im Wahlkampf sei allerdings gewesen, dass man die Kanzlerin mit deutlich mehr Respekt behandelt habe als ihren Herausforderer.

Nikolaus Brender im Gespräch mit Dirk Müller

Peer Steinbrück im Porträt, schlägt sich mit der Hand auf die Stirn (AFP / Patrik Stollarz)
Peer Steinbrück rechnet mit den Medien ab (AFP / Patrik Stollarz)
Weiterführende Information

Der Akrobat Peer Steinbrück im Wahlkampf (Andruck 28.10.2013)

Nolte: Der Dissens ist an die Ränder gewandert (Interview mit Paul Nolte)

Dirk Müller: Jetzt ist sie da, die angekündigte Medienschelte von Peer Steinbrück, vom Ex-SPD-Kanzlerkandidaten, der einst als Finanzminister und dann als Ex-Finanzminister hohes Ansehen genoss. Doch dann kam die Nominierung als Nummer eins der SPD für die Bundestagswahlen. Plötzlich war er der Pannen-Peer, da waren Vortragshonorare, Stinkefinger, Fahrradketten, Unterbezahlung und Tränen. In der aktuellen Ausgabe der "Zeit" geht Peer Steinbrück mit der Berichterstattung, mit den Medien ins Gericht. Vieles wird banalisiert, vieles wird skandalisiert. Damit hat er in der Form nicht gerechnet. Das sagte er. Einige Auszüge aus diesem Interview:

"Ich habe nicht gedacht, dass ein Teil der Medien bereit sein könnte, sich an einer solchen Entpolitisierung zu beteiligen und stattdessen Nebensächlichkeiten hochzujatzen. Ich dachte, die Fragen, reden wir über Politik, Herr Steinbrück? Ja, hätte ich gesagt, wir reden über Politik und nicht über meinen Weingeschmack. – Was heißt das für die Bewerbung und Auslese in unserer Demokratie, wenn Frauen und Männer nicht mehr in die Politik gehen wollen, weil sie das sich und ihren Familien nicht zumuten mögen. Mit der Frage müssen sich die Medien beschäftigen."

Müller: Antworten von Peer Steinbrück im Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit". – Peer Steinbrück und die Medien, seine Schelte, darüber reden wir jetzt mit dem Journalisten Klaus Brender, früher ZDF-Chefredakteur, jetzt Moderator bei n-tv. Guten Morgen!

Nikolaus Brender: Wir wollen mal bei der Wahrheit bleiben: Nikolaus Brender.

Müller: Nikolaus Brender! Entschuldigung! Hatte ich mir auch richtig aufgeschrieben. Ich werde nie wieder diese Vorsilbe vergessen! Versprochen!

Brender: Ja das hoffe ich doch. Sonst kriegen Sie von mir gleich ein Steinbrück-Zitat als Antwort.

Müller: Bitte! Bringen Sie gleich eins!

"Steinbrück musste damit rechnen"

Brender: Ja, okay. – Er selbst hat ja, Sie haben es in Ihren Beispielen gesagt: Er sagte, es geht nicht um meinen Weingeschmack, und gleichzeitig nimmt er aber die Beispiele des fünf Euro Pinot Grigio. Also er wirft es doch selbst durcheinander, er muss doch damit rechnen. Ich will mal von vorneweg sagen: Diese Klage des Verlierers der Bundestagswahl, das ist ja gar nichts Neues. Gerhard Schröder hatte 2005 sich schon als Opfer der Medienkampagne gesehen und Stoiber sah sich 2002 eben auch von den Medien guillotiniert, er hätte durch die Medien die Wahlen verloren und nicht durch sich selbst. Also das ist nichts Neues.

Müller: Jeder Verlierer ist sauer auf die Medien?

Brender: Nicht jeder. Steinmeier hatte sich dort sehr zurückgehalten. Das liegt dann schon im Charakter der Kandidaten, die in sich wenig Fehler sehen, aber umso mehr auch nicht in den eigenen Parteien oder Parteizentralen, sondern mehr in den Medien. Das ist in der Tat nichts Neues. Strauß – erinnern Sie sich damals, die Schmeißfliegen und Ähnliches. Das gehört zum Geschäft.

Müller: Reden wir über Peer Steinbrück, Nikolaus Brender. Ist er dann doch die beleidigte Leberwurst?

Brender: An seiner Kritik gibt es ja Wahres und es gibt Falsches. Zum einen muss er selbst doch eingestehen, es war der schlechteste Wahlkampf, den die SPD seit Scharping auf die Beine gestellt hat. Da war er selbst dran Schuld und die SPD-Zentrale. Die haben doch, er und die Zentrale hat für die Serienproduktion der Pannen gesorgt und nicht die Presse, und er ist im Grunde auch selbst daran Schuld, dass man mehr über Stilfragen diskutiert hatte als über inhaltliche Fragen, und auch da hatten Sie ja die Beispiele gebracht. Über Stinkefinger kann man unterschiedlicher Meinung sein. Ich fand's nicht so schlimm. Aber das wird jetzt diskutiert.

Über das Thema Kanzlergehalt in einem Wahlkampf zu sprechen, wo er selbst mit Nebenverdiensten in der Diskussion steht, auch das ist eine Stilfrage. Da kann man sagen, im Grunde hat er ja recht, hat er auch, aber nicht, im Wahlkampf das zu bringen. Und die Clowns, das ist auch so eine Geschichte. Dass er jetzt sagt, er wäre ein Mann der harten Kante, der klaren Aussprache, das stimmt. Aber wenn ein amtierender Staatspräsident, nämlich Napolitano, ein Abendessen mit ihm absagt, weil er nach einem Wahlkampf dort Beteiligte – da kann man unterschiedlicher Meinung sein – Clowns nennt, dann muss man sich schon fragen, ob er der richtige Mann für das Kanzleramt ist. Und das jetzt nur den Medien in die Schuhe zu schieben, das finde ich ein bisschen billig.

Medien stürzen sich auf bestimmte Themen

Müller: Betrachten wir das doch einmal aus der Sicht der Medien beziehungsweise jetzt aus Sicht des gescholtenen Kandidaten damals. Es hat Stasi-Vorwürfe gegeben von zwei Zeitungen in den letzten zwei, drei Wochen. Das hat Peer Steinbrück jetzt in der "Zeit" auch wieder thematisiert. Vorwürfe, die offenbar ja vollkommen haltlos waren. Er muss sich damit auseinandersetzen. Muss er stark genug sein, muss er souverän und professionell genug sein, das einfach auszuhalten und wegzuwischen?

Brender: Ich finde, da hat er recht. Solche Vorwürfe, genauso der Vorwurf mit der Putzfrau, das im Wahlkampf so hochzuziehen und hochzugeigen, ist unseriös. Sozusagen einen Stein der Verdächtigungen ins Wasser zu werfen und dann zu warten, wie die gesamte Medienwelt darauf surft, das finde ich von den Zeitungen, die das gemacht haben, nicht seriös. Da hat er absolut recht. In einem solchen Fall hätte man wirklich verantwortungsbewusst handeln müssen und sagen müssen, ich prüfe das so lange durch, bis ich ein Ergebnis habe, und ich recherchiere so lange, bis es wirklich dann auch zum Abdruck bereit ist. Das hatte man nicht gemacht. Man hat ihn im Grunde natürlich auch versucht, mit solchen Themen in die Widersprüchlichkeit zu setzen, die er ja auch im politischen Geschäft selbst gestellt hat. Das war unseriös und ich finde, da hatte er recht.

Grenze zwischen Politischem und Banalem verwischt

Müller: Herr Brender, schauen wir auf ein weiteres Zitat. Er sagte, es gibt einen Journalismus, der im Wettbewerb um Klicks, um Quote, um Auflage banalisiert, alles personalisiert und vieles skandalisiert. Kann man das bestreiten?

Brender: Das kann man gar nicht bestreiten. Es gibt diesen Journalismus, aber nicht die Mehrheit der Journalisten und der Zeitungen pflegen einen solchen Journalismus.

Müller: War das jemals anders?

Brender: Ja, es war schon anders. Ich glaube, dass Wahlkämpfe - auch der Strauß-Wahlkampf war ein sehr emotionaler, auch von den Zeitungen und Zeitschriften beziehungsweise im Fernsehen auch sehr emotional geführt. Aber die Inhalte waren auf der einen Seite der Stil von Franz-Josef Strauß, ja, aber es waren sehr die politischen Dinge, die dort im Vordergrund standen. Das waren teilweise ideologische Auseinandersetzungen, aber es waren zumindest politische Dinge. Da, finde ich, hat Steinbrück absolut recht. Es sind Banalitäten neben die wichtigen Punkte des Wahlkampfprogramms gestellt worden und insofern sind die Grenzen verwischt worden. Das war kein guter Journalismus. Die Leute konnten aus dem, wie Medien berichtet haben, sich sicherlich kein besonders gutes Bild über die Kandidaten beziehungsweise die Kanzlerin machen.

Müller: Schauen wir noch auf eine Steinbrück-Beschwerde in der "Zeit". Er sagte, da gibt es einen Journalisten, der sich anmaßt, über meinen Charakter urteilen zu können. Darf das kein Journalist?

Brender: Da, finde ich, liegt er nicht richtig. Warum nicht? – Wer ins Kanzleramt kommt, muss doch auch seinen Charakter zur Wahl stellen. Und nun gab es zwei Charaktere: Es war sein Charakter, der sehr klar und deutlich aussprach, was Sache ist, und der Charakter der Kanzlerin, die alles vertuschte, und zwischen diesen beiden Charakteren haben die Leute entscheiden müssen. Sie haben sich für die Kanzlerin entschieden, weil sie eher dem eigenen psychologischen Befinden entsprach. Natürlich muss man über den Charakter eines Kanzlers reden. Da wird ja nun kein Roboter zum Kanzler gewählt, sondern eine Persönlichkeit, eine Charakterpersönlichkeit, und deswegen ist es durchaus richtig, dass Journalisten darüber befinden.

Müller: Ist das inzwischen Realität beziehungsweise auch die wahrgenommene Wirklichkeit immer mehr geworden im Vergleich zu den Jahren, die Sie auch erlebt haben, in den 60er-, 70er-, 80er-Jahren, dass beispielsweise solche Etikette wie Putzfrau, Vorträge, Pino Grigio – wir haben das eben alles ja noch einmal in der Zusammenfassung gehört -, dass das zu dieser vermeintlichen Charakterbildung beiträgt, dass das eventuell, gerade was die Mehrheitsverhältnisse anbetrifft, viel, viel mehr zur Wahlentscheidung beiträgt als die politischen Inhalte?

"Die Medien haben Surfcharakter gewonnen"

Der frühere ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender (AP)Der frühere ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender (AP)Brender: Nun haben sich die Medien völlig verändert. In der damaligen Zeit gab es lineare Medien. Das waren die Zeitungen oder das Fernsehen und Radio. Heute gibt es keinen Redaktionsschluss. Wenn irgendetwas, eine Verdächtigung oder eine Tatsache öffentlich wird, wird es sofort im Internet veröffentlicht. Und dort ist es auch kein Pingpong-Spiel mehr, sondern ein wirres Spiel von durcheinanderlaufenden Bällen oder fliegenden Bällen, wo keiner mehr so richtig weiß, woher der einzelne Ball kommt. Die Medien haben Surfcharakter gewonnen und insofern ist das Ergebnis beziehungsweise der Widerhall auch kleiner Dinge so groß, dass sie ins Absurde geraten. – Ich will eines sagen noch mal als Beispiel.

Müller: Wir müssen ein bisschen auf die Zeit achten, bitte.

Brender: Ja, nur eines. Ich meine, man muss den Medien wirklich vorwerfen, dass sie nicht in der gleichen Respektlosigkeit auch die Kanzlerin angemacht haben, eine Kanzlerin, die sich kontinuierlich und konsequent einer Auseinandersetzung widersetzte, sich abduckte, dort waren die Medien, alle Medien sehr zurückhaltend, sehr vorsichtig und haben sie eher mit Samthandschuhen angefasst. Und insofern gab es ein Gefälle des Respekts zwischen dem Kanzlerkandidaten und der Kanzlerin.

Müller: Bei uns heute Morgen im Deutschlandfunk der Journalist Nikolaus Brender, früherer ZDF-Chefredakteur. Danke für das Gespräch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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