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StartseiteInterviewMedienwissenschaftler: Flächendeckende Einnahmenkrise bei der Tageszeitung14.11.2012

Medienwissenschaftler: Flächendeckende Einnahmenkrise bei der Tageszeitung

Frankfurter Rundschau meldet Insolvenz an

"Die schwerwiegendsten Fehler sind sicherlich in der Vergangenheit gemacht worden", sagt Horst Röper, Medienwissenschaftler und Direktor des Formatt-Instituts, über die Insolvenz der Frankfurter Rundschau. Der Markt für überregionale Tageszeitungen sei begrenzt. "Aber auch den regionalen und lokalen Abozeitungen geht es ja nicht etwa glänzend."

Horst Röper im Gespräch mit Doris Simon

Karlheinz Kroke, Geschäftsführer der Frankfurter Rundschau, gibt am 13.11.2012 in Frankfurt am Main vor dem Redaktionsgebäude die Insolvenz der Zeitung bekannt. (picture-alliance/ dpa / Frank Rumpenhorst)
Karlheinz Kroke, Geschäftsführer der Frankfurter Rundschau, gibt am 13.11.2012 in Frankfurt am Main vor dem Redaktionsgebäude die Insolvenz der Zeitung bekannt. (picture-alliance/ dpa / Frank Rumpenhorst)
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Frankfurter Rundschau meldet Insolvenz an

Jasper Barenberg: Meine Kollegin Doris Simon hat darüber mit dem Medienwissenschaftler Horst Röper gesprochen und den Direktor des Formatt-Instituts in Dortmund gefragt, warum andere Zeitungen mit einer Auflage von rund 120.000 Exemplaren auskommen, die Frankfurter Rundschau offenkundig aber nicht.

Horst Röper: Nun vor allem, weil die Frankfurter Rundschau schon seit Langem den Spagat macht zwischen einer Regionalzeitung, also der Verbreitung in Frankfurt und dem Umland, wo sie ja noch relativ stark ist. Und eben sich vermarkten will als überregionale Titel, und diese Vermarktung überregional kostet viel Geld, bringt aber sehr wenig. Das ist die besondere Situation, wie sie FR hat. Und daran leidet sie halt.

Doris Simon: Und das lässt sich auch nicht umstellen, dass man daraus eine Regionalzeitung macht?

Röper: Ich glaube, das verbietet sogar die Satzung der Gerold-Stiftung. Die Gerold-Stiftung ist ja der frühere Haupteigner der FR gewesen, heute nur noch mit zehn Prozent daran beteiligt. Aber der Stifter und Gründer der Frankfurter Rundschau hatte eben damals festgeschrieben, die FR ist eine überregionale Zeitung. Und damit tut man sich schwer.

Simon: Die FR ist ja traditionell linksliberal, auch sehr westdeutsch in ihrer Haltung. Zieht das heute zu wenig?

Röper: Nein. Ich glaube nicht, dass es diese Marktposition ist, sondern über Jahrzehnte war das ja sogar ein Alleinstellungsmerkmal für die Frankfurter Rundschau. Im Konzert der überregionalen Tageszeitungen war sie ja die einzige linksliberale Stimme. Und das hat ihr sicherlich bei den Abonnenten sogar gut getan. Aber die Situation heute ist eine andere: Die FR hat sich im Markt anders aufgestellt, sie hat immer wieder versucht, auch durch gewagte Änderungen, also beispielsweise das Format zu ändern in diese Tabloidform, in diese kleine Form, sich neu zu positionieren. Auch das ist offenbar bei den Lesern nicht angekommen, und insofern gibt es anhaltende Schwierigkeiten, die durchaus größer sind als bei anderen Zeitungen.

Simon: Bei der Frankfurter Rundschau – ich sagte es eingangs – ist ja in den letzten Jahren sehr stark gespart worden, sehr stark kooperiert worden. Hat das Ihrer Meinung nach den Niedergang befördert, oder war der davon gänzlich unberührt?

Röper: Na ich glaube nicht unbedingt befördert, aber sicherlich hat das auch nicht geholfen, zumal am Markt Frankfurt, wenn denn bekannt wird, dass ein Teil der Zeitung inzwischen gar nicht mehr in Frankfurt erstellt wird, sondern in Berlin. Andererseits gab es aber womöglich für diese betriebswirtschaftliche Entwicklung gar keine Alternative. Das heißt, die Zeitung musste hier dringend sparen, denn sie hatte ja nun mal erklägliche Minusbeträge aufzuweisen. Und bei diesen Sparaktionen ist eben auch die Redaktion zunehmend in den Blickpunkt geraten und hat dann eben solche Kooperationsversuche mit Berlin gestartet, die natürlich Kosten gespart haben, sicherlich, aber für das Image der Zeitung auch nicht gut waren.

Simon: Jenseits dieser Umstellung des Formats, hat die letzte Geschäftsleitung, der letzte Besitzer DuMont Schauberg, eigentlich noch eigene gravierende Fehler gemacht. Oder war bei der Frankfurter Rundschau in den letzten Jahren einfach alles zu, sagen wir, verkorkst, um das Blatt noch mal in die schwarzen Zahlen zu bringen?

Röper: Die schwerwiegendsten Fehler sind sicherlich in der Vergangenheit gemacht worden. Gleichwohl waren ja hier auch nicht alle Transaktionen, die vom neuen Mehrheitseigner dann durchgeführt worden sind, glücklich. Aber die Frankfurter Rundschau ist zum Beispiel eben nicht, wie andere Zeitungsverlage das längst sind, multimedial aufgestellt, also natürlich mit eigenem Internet, das gibt es auch bei der FR, aber mit Beteiligung an Anzeigenblättern, mit eigenen Anzeigenblättern. Also, hier ist in der Vergangenheit vieles versäumt worden, was zumindest zeitweilig viel Geld gebracht hat und den Verlag, das Unternehmen hätte stabilisieren können. Die horrenden Verluste, die jedes Jahr angefallen sind, konnten eben letztlich nicht abgetragen werden.

Simon: Bei überregionalen Tageszeitungen ist zurzeit viel Aufregung. Es gibt hier Gerüchte, dass am 21. November der Aufsichtsrat von Gruner + Jahr auch das Aus für die Financial Times Deutschland, die rosarote Finanzzeitung, beschließen könnte. Die hat ja in ihren ganzen zehn Jahren noch nie Geld verdient, ist also ein anderer Fall als die FR. Bleibt die Frage, ob denn der überregionale deutsche Markt mit drei großen Zeitungen, der Süddeutschen, der FAZ, der traditionell Not leidenden Welt, wirklich gesättigt ist?

Röper: Ja, ich fürchte ja. Sicherlich werden wir keine Neugründung mehr erleben. Die Gründung der Financial Times Deutschland war ja schon eine rare Ausnahme. Wir haben das ansonsten über Jahrzehnte nicht erlebt. Vor rund 25 Jahren ist damals die TAZ gegründet worden als kleine Zeitung. Ansonsten gibt es solche Neugründungen von Zeitungen nicht. Wenn nun hier Lücken entstehen, etwa durch die Einstellung der FR oder auch der Financial Times, wird es sicherlich keine neuen Angebote geben, das ist ganz klar. Den anderen überregionalen Zeitungen geht es aber erfreulicherweise recht gut, also inzwischen auch sogar der Welt, die ja auch über viele Jahre gedarbt hat, aber über ein Sparprogramm, das Springer für das Blatt ersonnen hat, ja jetzt im Markt ganz gut dasteht.

Simon: Ist Deutschland eigentlich nach wie vor über sehr viele Jahrzehnte ein Regionalmarkt immer noch geblieben oder ist es einfach die Wandlung dieses ganzen Zeitungsmarktes, was auch mit dem Internet zusammenhängt, was wir jetzt erleben?

Röper: Deutschland ist das typische Land für die regionale Abonnementzeitung. Den Boulevardzeitungen, den wenigen, die wir in Deutschland haben, neben der überregionalen Bild, geht es ja auch nicht gut. Aber wir haben halt überwiegend die lokale, regionale Abozeitung, das ist hier marktprägend. Für die Überregionalen bleibt da wenig Raum, das ist eben anders als beispielsweise in Frankreich oder in Großbritannien, also traditionell zentralistischen Staaten. Da überwiegt eben die Großstadtpresse. Das ist hier in der Bundesrepublik anders, aber auch den regionalen und lokalen Abozeitungen geht es ja nicht etwa glänzend, sondern auch die erleiden eben die Konkurrenz des Internets, vor allen Dingen den Wegbruch von traditionellen Werbekunden im Immobilienbereich, im Stellenmarkt oder natürlich auch beim Autoverkauf, gebraucht oder neu. Und insofern haben wir es flächendeckend schon mit einer Einnahmekrise bei den Tageszeitungen zu tun.

Barenberg: Der Medienwissenschaftler Horst Röper im Gespräch mit meiner Kollegin Doris Simon über den Insolvenzantrag der Frankfurter Rundschau und die Situation auf dem deutschen Zeitungsmarkt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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