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StartseiteInterviewMedien mitverantwortlich für Trumps "Aufmerksamkeitserfolg"06.11.2020

Medienwissenschaftler PörksenMedien mitverantwortlich für Trumps "Aufmerksamkeitserfolg"

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen mahnt journalistische Medien zur kritischen Selbstprüfung. Sie müssten sich fragen, welchen Anteil sie beim "Aufmerksamkeitserfolg eines so offensichtlich überforderten Präsidenten" hatten, sagte Pörksen im Dlf.

Bernhard Pörksen im Gespräch mit Philipp May

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Donald Trump vor Mikrofonen am Weißen Haus in Washington D.C., USA (imago / Eibner Pressefoto)
Medien müssen ihre Rolle beim Aufstieg Donald Trumps kritisch hinterfragen, findet Bernhard Pörksen (imago / Eibner Pressefoto)
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Bei den US-Präsidentschaftswahlen deuteten am Freitag (6. November 2020) Auszählungsergebnisse auf eine Niederlage von US-Präsident Donald Trumps gegen seinen Herausforderer Joe Biden hin. Der Präsident, der sich schon früh zum Wahlsieger erklärt hatte, wiederholte dazu wieder seinen Vorwurf, die Ergebnisse seien gefälscht.

US-Präsident Donald Trump bei einem seiner Statements. (Consolidated News Photos) (Consolidated News Photos)Trump wiederholt Vorwurf des Wahlbetrugs
US-Präsident Donald Trump sieht sich als Sieger, zahlreiche Stimmen gegen ihn seien illegal, sagte er in einer Rede. Beweise dafür lieferte er aber nicht. Ranghohe Republikaner gehen inzwischen auf Distanz zum Präsidenten, sein Vorgehen sei gefährlich.

Ein "Rückzugsgefecht" Trumps, ein zum Scheitern verurteilter Versuch, das Wahlergebnis umzudeuten und die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen, nennt das der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Und ein Ergebnis dessen, was Pörksen als hyperpolarisierte Öffentlichkeit beschreibt: Die Kombattanten lebten in unterschiedlichen Realitätssphären.

Eine Mitverantwortung dafür sieht Pörksen bei Teilen der Medien. Diese hätten sich zu lange auf eine "verstörende Symbiose Schmutz gegen Sendezeit" mit Trump eingelassen. Neben Fox News, Breitbart und "rechten Wutportalen" sind dem Medienwissenschaftler zufolge auch klassische journalistische Medien für Trumps "Aufmerksamkeitserfolg" verantwortlich.

Diese wären einem "falsch verstandenen Neutralitätsideal gefolgt" und hätten "in einer Art Fairness-Parteilichkeit so getan, als müsse man auch jemandem, der vollkommen irrwitzige Behauptungen aufstellt, immer irgendwie noch Sendezeit geben und als sei das gleichsam Ausweis des journalistischen Objektivitätsbemühens".

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Das Interview im Wortlaut:

Philipp May: Bidens Führung wird immer deutlicher, auch wenn noch nichts entschieden ist. Aber der Kampf geht sowieso weiter, vor Gericht und in der Öffentlichkeit. Bernhard Pörksen ist Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen und schaut auch genau auf das, was in den USA gerade passiert. Herr Pörksen, kann Donald Trump diesen Kampf um die öffentliche Meinung gewinnen?

Bernhard Pörksen: Aus meiner Sicht nicht. Wir erleben ja etwas Interessantes. Im Moment drückt sich gewissermaßen die Realität des Wahlergebnisses durch und man sieht die unterschiedlichsten Reaktionen: einen immer erratischer und merkwürdiger agierenden Präsidenten, der eigentlich die Mentalität eines despotischen und nicht mehr eines demokratischen Politikers offenbart und jedes Wahlergebnis, das ihm nicht passt, sofort als Ergebnis eines Betruges deklariert. Man sieht die schweigende Mehrheit der Republikaner, die sich abwartend verhält.  Man erlebt die Gewaltdrohungen, die von einem Steve Bannon kommen. Aber im Kern würde ich sagen: Dieser Kampf um Deutungshoheit – und es ist ja ein solcher – ist nicht zu gewinnen.

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"Realitätszensur durch Rauschen, durch permanente Verwirrung"

Was wir jetzt sehen, was wir jetzt im Moment erleben, ist noch einmal die Propagandamethode des Präsidenten in Reinkultur, eigentlich Realitätszensur durch Rauschen, durch permanente Verwirrung, durch die Produktion von Desinformation und Nonsens News. Es geht schlicht und einfach darum, durch die bloße Behauptung Wunschwirklichkeiten zu schaffen und Tatsachen erst herzustellen und sich in einem Moment als Sieger zu inthronisieren, in dem das überhaupt nicht möglich ist. Das ist die einigermaßen verrückte Situation, die wir jetzt erleben.

May: Wobei man sagen muss: Diese Strategie von Donald Trump, die ist ja im Prinzip bekannt. Das macht er jetzt nicht erst seit einer Woche. Und dennoch scheint sie im Moment nicht zu verfangen. Selbst Fox News, eigentlich ja der Haus- und Hofsender von Donald Trump, verhält sich erstaunlich reserviert gegenüber ihm. Wie erklären Sie sich das?

Pörksen: Wir haben ja gesehen, dass diese Wahl auch ein Stück eine Abstimmung war und ist über das Realitätsprinzip selbst. Nun hat man die Wahlergebnisse und wie will man die dann noch umdeuten. Was Fox News im Moment macht, und zwar nur in Teilen tut – man muss ja sagen, dass ein Sean Hannity und andere ihm ergebene Moderatoren nach wie vor die Linie halten der völligen Trump-Orientierung -, was Fox News im Moment macht: Man nimmt Abschied von einer Totalunterstützung des Präsidenten. Fox News ist ja über diese Jahre der Präsidentschaft hinweg unter den Bedingungen des freien Marktes, profitierend von der Deregulierung des Medienmarktes, zu einem Art Präsidentensender, zu einem Staatsfernsehen unter den Bedingungen des freien Marktes geworden. Nun nimmt man vorsichtig, zaghaft noch Abschied von dieser Rolle und von dieser Position, weil man vielleicht nicht mit in den Abgrund gerissen werden will.

Aber ich würde davor warnen. Manche Journalisten singen jetzt gewissermaßen eine Art journalistisches Loblied auf Fox News. Davor würde ich unbedingt warnen. Das trifft so nicht zu, wenn man sich anschaut, wie einzelne Moderatoren, die sehr viel Publikum ziehen, nach wie vor entlang dieses Betrugsnarrativs argumentieren.

"Schweigen der Republikaner nicht unbedingt ein gutes Zeichen"

May: Sie haben vor ein paar Wochen einen Artikel in der "Zeit" über Fox News geschrieben. "Wut Schlägt Wahrheit" war der Titel. Diesmal könnte es doch tatsächlich anders herum sein, dass die Wahrheit die Wut schlägt.

Pörksen: Ja, dass die Realität des Wahlergebnisses sich irgendwann so durchdrückt, dass auch die Letzten das verstehen. Wir haben ja jetzt die Situation, dass es im Grunde genommen auch bei Trump so eine Art Rückzugsgefecht sein kann. Ich habe mich viel mit sektiererischer Kommunikation beschäftigt. Es erinnert ein bisschen an einen Anführer eines Kultes, der die Tatsache, dass er eine Niederlage erlitten hat, noch zum Betrug der Gegenseite und zur Bosheit der Gegenseite umdeuten will, um dann gesichtswahrend da herauszukommen.

Der Supreme Court, das höchste Gericht der USA. (picture alliance/dpa/Yegor Aleyev/TASS) (picture alliance/dpa/Yegor Aleyev/TASS)"Kein rechtlicher Anknüpfungspunkt für die Klagen"
Es gebe keine Anhaltspunkte, die die Klagen von US-Präsident Donald Trump stützen würden, sagte der Staatsrechtler Alexander Thiele im Dlf. Trump wolle damit vermutlich die Auszählungen verlangsamen. Denn sollte am 12. Dezember kein Ergebnis feststehen, könne Trump vermutlich durch einen Gerichtsentscheid im Amt bleiben.

Was sich klar auflöst ist diese verstörende Symbiose mit einem Teil der Medienwelt, die er eingegangen ist. Das war ja ein Nutzen auf Gegenseitigkeit, Aggressivität gegen Publizität oder Schmutz gegen Sendezeit, und diese verstörende Symbiose löst sich jetzt auf – vielleicht auch, weil man sieht, dass es tatsächlich eine Schicksalswahl ist, ohne falschen Pathos gesagt, eine Schicksalswahl, die wir hier beobachten. Es steht ja auch das demokratische Verfahren der Wahl und der Anerkennung des Wahlergebnisses durch dieses Vorgehen des Präsidenten selbst auf dem Spiel.

May: Sie haben es gerade gesagt: Man kann es dann ja auch positiv drehen. Der demokratische Kompass, das Gefühl für Rechtsstaatlichkeit der Amerikaner ist möglicherweise doch deutlich stabiler, als es viele vorab befürchtet haben?

Pörksen: Wir sehen nach wie vor, wenn wir auf Twitter gehen – da kommt man ja mit dem Löschen kaum hinterher -, dass diejenigen, die von Wahlfälschung sprechen, nach wie vor ihr Publikum finden. Aus meiner Sicht ist diese jetzige Wahl und das Vorgehen des Präsidenten und auch die Akzeptanz in den Kreisen seiner Anhänger oder auch das Schweigen der Republikaner noch nicht unbedingt so ein gutes Zeichen. Wir sehen hier aus meiner Sicht den Schritt von der Polarisierung – da streitet man noch und ringt gewissermaßen um das, was stimmt – hin zur Hyperpolarisierung. Hier leben die Kombattanten gleichsam, die miteinander streiten, in unterschiedlichen Realitätssphären und die Frage ist jetzt, wann wird gewissermaßen die Realität dieses Wahlergebnisses auch im Trump-Lager und im engeren Kreis akzeptiert.

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"Diese Präsidentschaft begann mit einer Lüge"

May: Wird das jemals akzeptiert? Es könnte ja auch sein, sagen schon viele, dass das Trump-Team da gerade schon so etwas wie eine Dolchstoß-Legende von der geklauten Wahl vorbereitet, mit der Trump sich dann möglicherweise vier Jahre lang im Spiel hält.

Pörksen: Ja, das ist durchaus plausibel entlang der Propagandamethoden des Präsidenten, die wir beobachten können. Denken Sie vier Jahre zurück: die Inaugurationsfeier. Diese Präsidentschaft begann ja mit einer Lüge, es sei die größte Feier gewesen, sehr viel mehr Publikum als bei Obama. Der Begriff der alternativen Fakten wurde dann von einer seiner Beraterinnen und Sprecherinnen ins Spiel gebracht.

May: Kellyanne Conway.

Pörksen: Absolut! Und wir erleben jetzt gewissermaßen eine womöglich zu Ende gehende Präsidentschaft, die wieder mit einer Lüge und der Inszenierung von Vorwürfen sich schließt und zu Ende geht.

Vielleicht ein letztes Wort auch persönlich gesprochen. Ich persönlich erlebe es wie Trump-Erschöpfung in weiten Teilen der Öffentlichkeit. Man möchte diese Form des Aufmerksamkeits-Terrorismus schlicht und einfach nicht mehr akzeptieren und hinnehmen.

May: Aber es könnte ja sein, dass diese Trump-Erschöpfung sich dann auch irgendwann wieder legt, wenn man sich ein bisschen erholt hat und der Samen gesetzt ist für eine Wiederauferstehung.

Pörksen: Ja, und das ist etwas, worüber auch die Medien neu nachdenken müssen. Denn wir können eines mit Gewissheit sagen: Trump wäre niemals so weit gekommen, wenn nicht parteiische Medien ihn gepuscht hätten – denken Sie an Fox News, denken Sie an Breitbart, denken Sie an rechte Wutportale -, wenn aber auch nicht klassische Journalisten einem falsch verstandenen Neutralitätsideal gefolgt wären und in so einer Art Fairness-Parteilichkeit so getan haben, als müsste man auch jemand, der vollkommen irrwitzige Behauptungen aufstellt, immer auch irgendwie noch Sendezeit geben und als sei das gleichsam Ausweis des journalistischen Objektivitätsbemühens. Hier, hoffe ich, setzt eine Phase der Selbstreflexion im Medienbetrieb ein und ein Nachdenken darüber, was ist eigentlich der Anteil bei der Herstellung dieses Aufmerksamkeitserfolges eines so offenkundig – denken Sie an die Pandemie, die Corona-Krise –, eines so offenkundig überforderten Präsidenten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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