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StartseiteForschung aktuellHoher Blutdruck lässt Russen früher sterben27.05.2019

MedizinHoher Blutdruck lässt Russen früher sterben

Je nachdem, wo in der Arktis man wohnt, unterscheidet sich die Lebenserwartung gravierend. Ein Forscherteam hat jetzt die Verbreitung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen unter Russen und Norwegern miteinander verglichen und stellt seine Ergebnisse auf der Arctic Science Summit Week in Archangelsk vor.

Von Monika Seynsche

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Eine Landärztin mißt den Blutdruck einer älteren Frau (imago images / ITAR-TASS)
In Russland sterben wesentlich mehr Menschen an Herz-Kreislauf-Erkankungen als in Norwegen (imago images / ITAR-TASS)
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Viele Fragen, aber keine Antworten

Es gibt kaum ein anderes Land auf der Welt, in dem so viele Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben, wie in Russland. Der Mediziner Alexander Kudryavtsev sieht die Todesfälle jeden Tag bei seiner Arbeit an der Northern State Medical University in Archangelsk. Aber er arbeitet nicht nur in Russland, sondern auch in Norwegen. Dort ist er Professor für Gesundheitswissenschaften an der Arktischen Universität in Tromsø und erlebt eine völlig andere Situation.

"Auf einen Norweger, der an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung stirbt, kommen neun Russen, die an der gleichen Krankheit sterben – und das in derselben Altersgruppe. Wir haben entschieden, dass wir die Gründe für diesen gewaltigen Unterschied untersuchen müssen."

Vergleich von Russen und Norwegern

Zwischen 2015 und 2018 befragten und untersuchten die Mediziner fast 5.000 Einwohner von Archangelsk und Nowosibirsk zwischen 35 und 69 Jahren. Sie nahmen Blutproben, maßen Cholesterinwerte, berechneten den Body-Mass-Index und sammelten Angaben zum Rauchverhalten und Lebensstil der Studienteilnehmer. Dabei orientierten sie sich beim Design ihrer Untersuchung an der sogenannten Tromsø-Studie. Dort werden seit 1974 in regelmäßigen Abständen Daten über Herz-Kreislauf- und andere Erkrankungen der Bewohner erhoben. 2015/2016 nahmen mehr als 21.000 Einwohner der Stadt an dieser Studie teil.

"Die Daten zu einer ganzen Reihe von Parametern, die mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung stehen oder Risikofaktoren darstellen, haben wir in Archangelsk und Tromsø entweder auf die gleiche oder eine sehr ähnliche Weise erhoben."

Zu hoher Blutdruck wichtigster Risikofaktor

Dadurch lassen sich beide Studien aus der Arktis vergleichen und liefern eindeutige Ergebnisse: Unter den männlichen Einwohnern von Archangelsk und Nowosibirsk gibt es mehr als doppelt so viele Raucher wie unter Männern in Tromsø. Bei den Frauen dagegen finden sich die größten Unterschiede beim Gewicht. Während in Tromsø 22 Prozent stark übergewichtig sind, sind es in den beiden russischen Städten fast 37 Prozent der Frauen. Noch wichtiger aber ist ein anderer Faktor.

"Zusammenfassend können wir sagen, dass zu hoher Blutdruck wahrscheinlich der wichtigste Grund für den großen Unterschied in der Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen zwischen Russland und Norwegen ist. Verstärkt wird das bei Männern durch den hohen Raucheranteil und bei Frauen durch das starke Übergewicht."

Rezeptfreie Medikamente sind ein Problem

Die Lebenserwartung in Russland habe sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion schon deutlich erhöht, sagt der Mediziner, aber es gebe heute einige wichtige Unterschiede im Gesundheitssystem, die die Studienergebnisse erklären könnten.

"Wenn wir zum Beispiel über die Kontrolle des Blutdrucks reden, sehen wir, dass in Russland blutdrucksenkende Medikamente frei verkäuflich sind. Sie können einfach in eine Apotheke gehen und diese Arzneien ohne Rezept kaufen. In Norwegen dagegen sind sie grundsätzlich verschreibungspflichtig. In unserer Studie gab ein Drittel der russischen Teilnehmer an, Blutdrucksenker zu nehmen. Gleichzeitig stellten wir bei der Hälfte zu hohen Blutdruck fest. Das zeigt, dass die Behandlung nicht sehr effektiv zu sein scheint. Und das wiederum könnte daran liegen, dass der Blutdruck und die Medikation seltener von Ärzten kontrolliert wird."

In einem nächsten Schritt wollen Alexander Kudryavtsev und sein Team untersuchen, welche Elemente des norwegischen Gesundheitssystems auf Russland übertragen werden können, um die hohe Sterblichkeit zu senken.

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