Freitag, 18.06.2021
 
Seit 20:05 Uhr Das Feature
StartseiteEssay und DiskursÜber Krankheit und Schuld24.05.2021

Medizin und GesellschaftÜber Krankheit und Schuld

Es gibt Krankheiten, die in ihrer Geschichte einen Schuldspruch bedeuteten: Syphilis galt lange als Strafe für ein lasterhaftes Leben. Die moderne Medizin entkoppelte beide Begriffe, konnte aber diese Verknüpfung nie ganz ausrotten. Lassen also gewisse Krankheiten den Menschen nicht doch als schuldig zurück?

Von Martin Zeyn

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
 Eine Person mit einem grauen Schutzhandschuh vor grünem Hintergrund, zieht mit Hilfe einer Impfspritze eine Impfdosis auf (Fotostand)
Was wäre gewesen, wenn ich jemanden mit dem Coronavirus infiziert hätte, fragt sich Autor Martin Zeyn. (Fotostand)
Mehr zum Thema

200. Todestag des Sozialmediziners Johann Peter Frank "Das Volkselend als Mutter aller Krankheiten"

Glück und Gesundheit Eine erstaunlich starke Kombination

Bericht "Lancet Countdown 2020" Wie der Klimawandel unsere Gesundheit bedroht

Wir unterscheiden Krankheiten, in chronische, in Kinder-, in tödliche, unheilbare. Und wir unterscheiden sie in verschuldete und unverschuldete, – nicht immer, aber doch viel zu oft, als dass es Zufall sein könnte.

An der Infektionskrankheit Corona lässt sich das gut beobachten: Da waren die Superspreader, die die Welt rundherum ansteckten, da waren die Jugendlichen, die dafür verantwortlich gemacht wurden, dass die Ansteckungsrate stieg. Es gab und gibt Menschen, die verantwortlich für die Krankheit waren. Die sie weiterverbreitet haben.

Ich hatte Corona. Ich habe niemanden angesteckt. Es war eine wirkliche Erleichterung, als sich nach zwei Wochen abzeichnete, keiner der Kollegen, keine der Kolleginnen hatte etwas von mir abbekommen. Ich war nicht nur kein Superspreader, ich war nicht einmal ein Spreader. Ich hatte niemanden mit dieser Krankheit angesteckt, die in zwei bis drei Prozent der Fälle tödlich ist.

Desinfektionskolonne mit Karre, Eimern und Leiter, während des Choleraausbruchs in Hamburg, 1892 (picture-alliance / akg-images) (picture-alliance / akg-images)Krankheit und Krise - Medizinhistoriker: Jede Zeit hat ihre Seuche
Pest, Cholera, Tuberkulose – jetzt Covid. Jede Zeit habe ihre Seuche, sagte der Medizinhistoriker Jörg Vögele im Dlf. Es erstaune ihn, wie sich Muster bei Pandemien wiederholten. Sie seien eben nicht nur ein medizinisches Phänomen.

Gegenüberstellung von Täter und Opfer nutzen wir in vielen Bereichen

Was wäre gewesen, wenn eine Kollegin für sechs Wochen auf der Intensivstation gelandet und danach ihre Lunge nachhaltig geschädigt gewesen wäre? Wie hätte ich damit umgehen sollen, wenn ich – bei dem die Krankheit relativ glimpflich verlief – schuld daran gewesen wäre, dass ein Kollege gestorben wäre. Kann ich dann zu dessen Beerdigung gehen? Muss ich das? Dürfte ich das auf keinen Fall?

Die Gegenüberstellung von Täter und Opfer nutzen wir in vielen Bereichen, um die Welt zu ordnen: Schuldig oder unschuldig? Natürlich eine zentrale, überaus notwendige Unterscheidung.

Aber eben auch eine, bei der uns die Sprache eine Unterscheidbarkeit vorgaukelt, die das Leben so eindeutig nicht immer bietet. Bei Verkehrsunfällen gibt es eine Mitschuld. Wir haben den Unfall nicht verursacht, aber, wenn wir uns anders verhalten hätten, wäre er vielleicht nicht passiert.

Gibt es auch eine Mitschuld, wenn wir krank werden? Was trägt unser Lebenswandel dazu bei? Waren wir immer achtsam? Hätten wir uns öfter die Hände waschen müssen?

Am Beginn der Pandemie kam mir einmal der Gedanke, dass es im Moment schwierig sein könnte, zwischen einer Zwangsneurose und Hygiene zu unterscheiden. Das Krankhafte war auf einmal das Vernünftige, sich ständig die Hände zu waschen, half gegen die Krankheit. Eine seltsame Verkehrung. Mit welchen Folgen? Wird es in zwei Jahren mehr Menschen geben, die sich aus Angst vor Infektionen die Haut von den Händen schrubben?

Sauberkeitswahn war gestern, morgen sind AHA-Regeln forever

Oder weniger, weil das Gefühl, etwas Rationales zu tun, den Zwang zum ständigen Einseifen mit dem Nimbus einer nützlichen Handlung versieht? Kann Rationalität Zwänge domestizieren? Sie einhegen, weil es nicht mehr selbstzerstörerisch wäre, die Kontrolle über die Bakterien und Viren auf den eigenen Händen zu behalten – sondern angemessen und weitsichtig? Sauberkeitswahn war gestern, morgen sind Aha-Regeln forever. Was eben noch krankhaft war, rettet nun die Welt.

Das zeigt: Wie wir Krankheiten wahrnehmen, wie wir mit ihnen umgehen, ist nicht eindeutig, sondern unterliegt Schwankungen, vielleicht sogar Trends. Ein weiteres Beispiel: Daniel Reynolds, Frontmann der sehr erfolgreichen Popband Imagine Dragons, spricht auf Konzerten offen über seine Angstzustände und empfiehlt seinen Fans, sich professionelle Hilfe zu besorgen.

  (imago images / imagebroker) (imago images / imagebroker)Krisenzeiten - Glaube und der Umgang mit Krankheit
Die Wissenschaft hat in der Pandemie an Bedeutung gewonnen. Aber auch der Glaube, sagt der Theologe Hans-Ferdinand Angel. Die Geschichte zeigt: Religiöse Gruppierungen haben Krankheiten immer auch als Vergeltung für Unglauben verstanden.

Kanye West, Lady Gaga oder James Blake reden über ihre bipolaren Störungen oder Depressionen, ebenso wie Fußballer oder Politiker. Das Bild dieser Erkrankungen hat sich gewandelt. Wir sperren Erkrankte nicht mehr als Irre weg oder glorifizieren sie als heiligen Narren. Diese Krankheiten werden nicht mehr an die Ränder gedrängt. Sie sind nicht mehr Ausdruck einer mentalen Schwäche oder – wie noch vor einem Jahrhundert –, der eines anti-bürgerlichen, ausschweifenden Lebens. Der Bohemien beglich früher seine Schuld mit Wahnsinn, heute gehen Künstler zum Psychiater.

Aber gibt es nicht auch heute noch Krankheiten, bei denen die Kranken schuld sind? Zumindest mitschuldig? Selbst wenn sie keine nachweisbare Schuld tragen wie am Lungenkrebs durch jahrelanges Rauchen? Schuld zumindest daran, nicht rasch wieder gesundet zu sein. Das Ärzteblatt empfiehlt Medizinern, "den Prozess der Selbstheilung zu unterstützen – auf körperlicher Ebene ebenso wie auf psychischer Ebene."

Und kommt zu dem überraschenden Schluss:

"Niemand kann einen anderen Menschen gesund machen. Jede Heilung ist immer und grundsätzlich Selbstheilung."

Krankheiten - Teil der Existenz

Damit ist allerdings vor allem ein gesunder Lebenswandel gemeint, der die Heilung unterstützt. Aber es geht auch um Vertrauen. Menschen würden schneller gesund werden, wenn sie der Kompetenz und den Ratschlägen des Arztes vertrauen. Dabei geht es um Schutz und Beeinflussung der Psyche des Patienten. Das Immunsystem leidet unter einer Depression. Die muss also vermieden werden. Aber kann das Immunsystem auch positiv stimuliert werden? Können Krankheiten durch Autosuggestion geheilt werden?

Der Schriftsteller und Ethnologe Hubert Fichte machte in den ʹ70er‑Jahren eine überraschende Beobachtung: Traditionellen afrikanischen Heilern gelang es, sogar Epilepsiepatienten von ihren Anfällen zu befreien. Was da wirkt, wissen wir nicht genau. Allerdings zeigen sowohl Placebos als auch die Homöopathie, dass der Glaube zwar nicht Berge versetzen kann, aber Effekte hervorbringt, manchmal sogar Heilung bewirkt.

Existiert diese Verbindung, die sich zwischen Patient und Arzt aufgebaut hat, auch zwischen dem Patienten und seiner Umwelt? Wirkt die Art und Weise, wie wir eine Krankheit betrachten, auf sie zurück? Ob wir sie als Strafe begreifen oder als biologischen Zufall? Der Soziologe Aaron Antonovsky forschte lange über die Krankengeschichte von Holocaust-Überlebenden. Er weigerte sich, Krankheit als Ausnahme zu verstehen, als einen Fremdkörper in unserem Leben. Von den Kinderkrankheiten über Schnupfen bis hin zu Altersgebrechen begleiten uns Krankheiten. Sie sind Teil unserer Existenz. Er gebrauchte dafür das Bild des Flusses. Klassischerweise verstünde man die Aufgabe des Mediziners so: Er reißt den Menschen aus dem Fluss, aus der Krankheit heraus, um ihn zu heilen.

Sich krank fühlen als eine Frage der Wahrnehmung

Antonovsky hielt das für eine Illusion. Er wünschte sich, dass Ärzte ihre Patienten zu guten Schwimmern machen. Gesunde Menschen betrachtete er als "wenig krank" oder "tendenziell mehr gesund". Sich krank zu fühlen ist damit zu einem gewissen Anteil auch eine Frage der Wahrnehmung.

Wären damit nicht alle Krankheiten zu einem gewissen Anteil psychosomatisch? Unsere Sprache scheint uns das glauben zu machen, denn die Bezeichnungen für Krankheiten sind nicht neutral, manche klingen sogar sehr drastisch wie "Nervenzusammenbruch" oder "sein Update Burn-Out". Für ein Krankheitsbild ziemlich viel Drama: Brand und Einsturz – danach bleibt was? Asche und Geröll? Diese Krankheiten töten zwar nicht, aber sie löschen aus. Und kein Virus oder Bakterium war der Auslöser. Wer ist dann der Verantwortliche? Was haben wir falsch gemacht? Waren wir zu schwach? Haben wir nicht auf unseren Körper, unsere Selbstheilungskräfte geachtet?

Wir freuen uns an Kraft, Lebensfreude und Gesundheit. Aber was machen wir mit Krankheit? Gut, einen Schnupfen nehmen wir hin. Aber was, wenn es etwas Ernsteres ist? Die Wahrnehmung der Krankheit verändert sich dann, sie ist dann ein Zeichen dafür, dass unser Körper nicht mehr in der Lage ist, optimal zu funktionieren. Die Krankheit wird zu einem Schuldspruch: Wir haben etwas falsch gemacht. Und dafür werden wir bestraft. Und manche glauben sogar, sie würden dafür zu Recht bestraft.

  (imago)Der Rapper Kanye West spricht über seine bipolare Störung. (imago)

Schuld, Sex, Genialität

Ein über 500 Jahre alter Beleg: Der Satiriker Sebastian Brant veröffentlichte 1496 eine Flugschrift über die Syphilis. Darin nannte er zwei Ursachen: eine Konjunktion zwischen Jupiter und Saturn – sowie die Infizierten selbst. Genauer: deren Verderbtheit und Sittenlosigkeit. Über 500 Jahre medizinische Forschung haben den Einfluss der Gestirne deutlich reduziert. Anders jedoch verhält es sich bei der eigenen Schuld. Sie scheint so unausrottbar zu sein wie die Grippe und kehrt in immer neuen Varianten zurück.

459 Jahre nach dem Flugblatt geht im Roman Dr. Faustus von Thomas Mann ein Komponist einen Pakt mit einem Teufel ein – und infiziert sich bei einer Prostituierten mit Syphilis. Als Lohn für einen frühen Tod und den Verlust der Seele verleiht der Teufel dem Komponisten, was er sich am meisten wünscht: Genialität. Schuld, Sex, Genialität – eine Triade, die über Jahrhunderte das Bild der Syphilis ausmachte.

Einige mögen sich noch an die ersten Berichte und Reaktionen auf den Ausbruch der AIDS-Epidemie erinnern. Bayern vertrat eine harte Linie, auch verbal. Innenstaatssekretär Peter Gauweiler forderte Zwangstests. Kulturminister Hans Zehetmair postulierte, Homosexualität gehöre in den "Randbereich der Entartung". Horst Seehofer trat damals für eine Internierung der Erkrankten in speziellen Heimen ein. Kardinal Joseph Höffner, Erzbischof von Köln, bezeichnete Aids als eine "Strafe Gottes". Religiöse Eiferer quer durch alle Konfessionen verstanden die durch das HI‑Virus ausgelöste Krankheit als göttlichen Fingerzeig, weil homosexuelles Begehren gegen die Natur und biblische Gebote verstoße.

Eine Verurteilung, die bis heute anhält, denn laut der AIDS-Hilfe gaben zwei Drittel der Infizierten an, schon einmal wegen ihrer Krankheit diskriminiert worden zu sein. Begriffe wie "Schwulenseuche" oder "Schwulenkrebs" machten die Homosexuellen zu Schuldigen – und zu Tätern. Sie bekamen nicht nur die Krankheit, sie trugen sie auch weiter. Sie waren nicht Leidende, sie wurden zu Tätern.

Krankheiten haben irdische Ursachen

Wir sind nicht nur Kinder unserer Zeit, sondern auch die eines gesellschaftlichen Kosmos, von Wertvorstellungen und gesellschaftlichen Normen. Herrschaft, das ist die fundamentale Erkenntnis von Michel Foucault, kommt nicht nur von oben, ist nicht nur etwas Fremdes, sondern sickert in uns ein: in die Art, wie wir denken, sprechen und wie wir uns schuldig fühlen. Mit Herrschaft meinte der französische Philosoph keineswegs nur Polizei oder Gerichte, sondern auch Vorstellungen und Wertvorstellungen. Wir fühlen uns schuldig, ließe sich mit Foucault formulieren, weil wir eine gesellschaftliche Verpflichtung mutwillig verletzt haben: Denn wir haben nicht alles Menschenmögliche getan, um nicht krank zu werden.

Wie entstehen solche Denkmuster? Eine Quelle war der amerikanische Protestantismus. Er verband die Genugtuung, ein gottgefälliges Leben zu führen, mit dem wirtschaftlichen Erfolg. Der zentrale Gedanke: In unserem Leben zeige sich, ob Gott uns wohlgesonnen ist. Erfolg fällt demnach vom Himmel. Er verteilt kleine Incentives, belohnt uns für unser Verhalten, das natürlich nie gut genug ist, aber immerhin gut genug, um besser zu sein als das gottlose, verderbte und verdammte Gesindel ringsherum. Der Herr wacht über seine Schäfchen und verteilt Leckerlis.

Luther und Calvin hatten noch darauf bestanden, dass keine Handlung uns aus dem Zustand der Erbsünde befreien könne. Der Verdammnis entkommen wir nur durch den Akt der Gnade, respektive durch unsere Glaubensanstrengungen. Für viele Gemeindemitglieder lag jedoch die Entscheidung, ob man nun zu den Bösen oder Guten gehöre, zu sehr in der Zukunft. Sie wollten handgreifliche Belege dafür, zu den Gerechten zu gehören. Die Bibelpassage: "Es kommt eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel" geriet aus dem Blick. In protestantischen Gegenden trugen im Barock zwar alle das karge Schwarz, die Reichen allerdings aus feinstem, flandrischem Tuch. Der Unterschied war klein, aber sichtbar. Gott lässt seine Hand über mich walten. Mein Schwarz ist nicht dein Schwarz. Ganz unsichtbar sollte Reichtum nicht sein.

Gut, die Zahl derer, die Krankheit als eine Strafe Gottes für unsere Sünden ansehen, hat sich seit dem Mittelalter deutlich reduziert. Auch führte uns die Medizin mit der Entdeckung von Viren, Bazillen und Krebszellen deutlich vor Augen: Krankheiten haben irdische Ursachen. Sind Natur und also kein Schuldspruch. Aber sind wir, die Modernen, die Aufgeklärten, heute wirklich frei vom Denkmuster der Schuld?

Neigen bestimmte Typen eher zu Krankheit?

Das Problem: Schuldgefühle sind eine schwierig zu fassende Größe. Sie sind nicht messbar, nicht quantifizierbar. Auch mehr als ein Jahrhundert Psychoanalyse schafften sie nicht aus der Welt.

Ein Freund beteuerte wiederholt, dass er seine Multiple Sklerose als Folge seines Lebenswandels sieht. Gut, der war tatsächlich rücksichtslos, von exzessiven Arbeitsanfällen geprägt, die sich gerne auch weit in die Nacht hinein erstreckten. Ja, er war schon lange nicht mehr im Normgewicht, sondern belohnte sich ständig mit Naschen und Knabbern. Als ich erkennbar skeptisch nachfragte, ob er denn Studien kenne, die da einen Zusammenhang sehen, verneinte er. Aber, so sagte er, er habe die Krankheit gebraucht, um sein Leben zu ändern. Und dann riet er mir, weniger zu arbeiten und mit dem eigenen Körper kein Schindluder zu treiben.

Ein guter Rat. Und ein problematischer Gedankengang, weil er das Verursacherprinzip einführt: Wenn du das und das nicht getan hättest, dann wäre es nicht passiert. Und tatsächlich gibt es in der Medizin große Vorbehalte gegen die Feststellung, dass bestimmte Typen eher zu Krankheiten neigen, wie Bettina Hitzer in ihrem Buch Krebs fühlen anhand vieler Beispiele belegt. Zwar werde immer noch an der sogenannten Psycho-Immunologie geforscht – aber eben nicht an einer Typbeschreibung. Dafür seien die Vorgänge der Psychosomatik einfach zu komplex.

Was etwa gibt den Immunzellen den Befehl, die eigenen Nervenzellen anzugreifen? Medizinisch ist diese Frage bei Multipler Sklerose bisher nicht beantwortet. Das weiß mein gebildeter Freund sicher selbst. Also warum kasteit er sich mit der Aussage, er wäre selbst schuld?

Muss es immer einen Schuldigen geben? Wenn jemand Multiple Sklerose bekommt, also eine nicht ansteckende Krankheit, ist er dann schuld? Zumindest mitschuldig? Auch Aaron Antonovsky glaubte nicht, dass Menschen gesund sind, weil sie sich gesund verhalten, das sei nämlich nur einer von vielen Faktoren. Ihn interessierte, warum einige Menschen vom Rauchen Krebs bekommen, andere nicht. Hieße das nicht, einige Menschen sind empfindlicher als andere? Und wenn es so wäre, was bedeutet das bei einer ansteckenden Krankheit? Ist der oder die, von der wir infiziert wurden, schuld?

Eine erschöpfte Frau auf einem Laufband (Illustration) (imago images / fStop Images / Malte Mueller )Aaron Antonovsky glaubte nicht, dass Menschen gesund sind, weil sie sich gesund verhalten, das sei nämlich nur einer von vielen Faktoren. (imago images / fStop Images / Malte Mueller )

Aus einer Krankheit wird Strafe

Schuldgefühle sind nur bedingt für Argumente zugänglich. Schuld fußt auf unseren Werten. Und auf dem Gefühl, dass wir ihnen nicht genügen. Max Weber war der erste, der – neben der Dampfmaschine und Buchführung – die protestantische Ethik als zentralen Motor des Kapitalismus beschrieb. Wirtschaftsformen operieren nicht nur mit Geld – auch wenn das die Hauptsache ist. Aber wie sie das tun, beruht auf einem undermining of meaning, einem Stollensystem von Bedeutungen, wie Edgar Allan Poe das genannt hat. Bei Weber heißt es: All das beruht auf der Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen und bewerten.

Raffgier, so der Soziologe, gab es immer und überall. Was neu war: die Geltungsmacht von Werten, bei deren Befolgung immer ein Bodensatz von Versagen und Schuld zurückbleibt. Und der fungierte als Antrieb, nicht bloß zu arbeiten, sondern mehr zu arbeiten.

Neu war am Protestantismus, dass Gott über den Menschen Buch führt – und diese Buchführung sich auch genau den wirtschaftlichen Erfolg anschaut. Wenn Erfolg ein Zeichen göttlichen Wohlwollens ist, dann überzieht das die schnöde Geldwirtschaft mit einem Goldglanz. Das Hervorheben des Selfmademans mag die große kapitalistische Meistererzählung sein, ein brillantes Framing, um Erfolg zu glorifizieren. Aber erst wenn der Erfolg von oben, vom Vater, anerkannt wird, gilt er wirklich was. Erfolg ist quasi die erste gewonnene Instanz vor dem großen Weltgericht.

Wenn Geld, Reichtum, Kapitalakkumulation den Wert eines Menschen ausmachen, wirkt sich das auch auf unser Bild des Kranken aus. Es gibt Gnadenbeweise. In dieser Vorstellungswelt gilt dann auch der Umkehrschluss: Aus einer Krankheit wird Strafe. Und Krankheiten wären dann ein unumstößlicher Beweis für Nutzlosigkeit. In der Buchführung der Sozialdarwinisten wird aus der Schuldfrage eine über Wert und Unwert. Die Nationalsozialisten haben das mit ihrem Euthanasieprogramm vorgeführt. Sie selektierten Menschen nach Effizienz. In Broschüren und Schautafeln rechneten die Eugeniker vor, wie viel die Betreuung eines geistig- oder körperlich Behinderten die sogenannte Volksgemeinschaft kostet. Zum Beispiel in dieser Mathematikaufgabe:

"Ein Geisteskranker kostet täglich vier Reichsmark, ein Krüppel 5.50, ein Verbrecher 3.50. In wie vielen Fällen hat ein Beamter täglich nur etwa vier Reichsmark, ein ungelernter Arbeiter noch keine 2. auf den Kopf der Familie. a) Stelle diese Zahlen bildlich dar. Nach vorsichtiger Schätzung sind in Deutschland 300.000 Geisteskranke, Epileptiker usw. in Anstaltspflege. b) Was kosten diese jährlich insgesamt bei einem Satz von 4 Reichsmark?"

Sozialdarwinismus drohte

Das Theaterkollektiv Rimini Protokoll offenbarte die Brutalität hinter dem scheinbar nüchtern reinen Zahlenspiel. In ihrem Stück "Qualitätskontrolle" tritt die vom Kopf an gelähmte Maria-Cristina Hallwachs auf. Sie erzählt, wie aufwändig sie von Pflegern Tag und Nacht betreut werden muss. Mit ihrem elektrischen Rollstuhl fährt sie auf der Bühne herum und initialisiert so eine Bildergalerie. Es erscheinen Schaubilder der Nazizeit. Hallwachs ist Pflegestufe 3+.

Ihr Leben, so sagt sie im Stück, bedeutet auch: 170.000 Arbeitsstunden, weil drei Pfleger sie rund um die Uhr betreuen müssen. Alle Besucherinnen und Besucher der Vorstellung können überschlagen, wie viel Geld das Leben dieser jungen Frau das Gesundheitssystem kostet: ca. drei Millionen. Zu viel Geld? Treibt sie unsere Krankenkassenbeiträge hoch? Ist sie schuldig, weil sie als junges Mädchen, ohne auf die Markierungen zu achten, einfach in den zu flachen Pool des Hotels gesprungen ist? Sie hat ihre Lähmung selbst verschuldet. Mit dieser Schuld muss sie genauso umgehen wie mit ihrer Bewegungsunfähigkeit. Aber: Hilft die Kategorie Schuld hier weiter? Wann wird die Rechnung sozialdarwinistisch, wann degradiert sie Leben auf eine Kostenfrage?

Eine wirtschaftliche Rechnung liegt auch den Sterilisationsprogrammen zu Grunde. Neben Deutschland tat sich das demokratische und tiefprotestantische Schweden dabei besonders hervor. Zwischen 1935 und 1976 wurden über 60.000 Menschen zwangsweise sterilisiert, zumeist Frauen. Als Krankheitsbild, also als Indikation dienten "Alkoholismus", "Mischling" oder "Debilität", als Symptome waren anerkannt: "verwirrt", "dämlich" oder "religiös verwirrt". Ein Vordenker dieses Programms war Gunnar Myrdal. Ein renommierter Wissenschaftler, später dann Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels und Wirtschafts-Nobelpreisträger.

1934 schrieb er zusammen mit seiner Frau Alva das Buch "Die Krise der Bevölkerungsfrage". Darin forderten sie ein schonungsloses Sterilisationsprogramm, um "hochgradig lebensuntaugliche Individuen auszusondern". Die Befürchtung: Sonst werde die Sozialhilfe, die er befürwortete, eines Tages nicht mehr bezahlbar sein.

Das Gute würde unbezahlbar, wenn das Schlechte nicht an der Ausbreitung gehindert werde. Betriebswirtschaftlich, also rein von den Zahlen betrachtet, hat das eine Logik. Die aber droht in Sozialdarwinismus umzuschlagen. Christoph Lütge, ein mittlerweile geschasstes Mitglied der Bayerischen Ethikkommission, wies mehrfach auf das hohe Durchschnittsalter der Corona-Toten hin. Mit 84 würde man halt sterben, räsonierte der Wirtschaftsethiker. Also seien die "Kollateralschäden" bei einem strengen Lockdown zu hoch.

"Krankheit ist die Nachtseite des Lebens, eine eher lästige Staatsbürgerschaft"

Welche Rechnung wird hier aufgemacht? Ja, Deutschlands Wirtschaftsleistung ist im vergangenen Jahr eingebrochen: um fünf Prozent. Die in Schweden ohne strengen Lockdown nur um 2,8 Prozent. Schweden hatte eine ein Drittel höhere Sterblichkeit als Deutschland. Wie viel Lebenszeit sind uns 2,2 Prozent Wirtschaftswachstum wert? Auch unterschlägt der Wirtschaftsethiker Kosten: Denn die Menschen sterben oft nach wochenlangen Aufenthalten auf Intensivstationen. Und das kostet.

Diesen Aufwand akzeptieren die allermeisten – aus Mitmenschlichkeit. Nicht um Heller und Pfennig zu feilschen, wenn es um Menschenleben geht, ist ein Ausdruck von Zivilisation. Es ist ein Fortschritt, keine Rechnung aufzumachen zwischen Gesunden und Kranken. Denn die Grenze ist sowieso durchlässig, meint auch die Essayistin Susan Sontag:

"Krankheit ist die Nachtseite des Lebens, eine eher lästige Staatsbürgerschaft. Jeder, der geboren wird, besitzt zwei Staatsbürgerschaften, eine im Reich der Gesunden und eine im Reich der Kranken. (…) Früher oder später ist doch jeder von uns gezwungen, wenigstens für eine Weile, sich als Bürger jenes anderen Ortes auszuweisen."

Mit diesen Sätzen beginnt Susan Sontag ihr Buch "Krankheit als Metapher". Sie erkrankte dreimal: an Brustkrebs, Gebärmutterkrebs und Leukämie. Das Buch Krankheit als Metapher schrieb sie 1978 nach der ersten, erfolgreichen Behandlung. Sie hatte gefürchtet, sterben zu müssen. Die Heilungsquoten waren in den ʹ70ern beim Brustkrebs um vieles geringer als heute – und sie war familiär vorbelastet: Schon ihre Mutter war dem Lungenkrebs erlegen. Dennoch schrieb Sontag nicht über ihre eigene Behandlung, sondern über den gesellschaftlichen Umgang mit Krankheiten, den sie anhand von Romanen, Briefen und Tagebüchern sezierte. Am Ende des Buchs kritisierte Sontag den modernen Gebrauch des Wortes Krebs. Worum es ihr dabei ging, wurde 11 Jahre später im Text "Aids und seine Metaphern" deutlich:

"Der Krieg gegen eine Krankheit – (…) diese Metapher sorgt dafür, dass eine besonders gefürchtete Krankheit als etwas 'Anderes' und 'Fremdes' gesehen wird wie der Feind in einem modernen Krieg. Dann aber ist der Schritt von der Dämonisierung der Krankheit zur Schuldzuweisung des Patienten zwangsläufig."

Wie wir Sprache gebrauchen, sage viel über uns aus. Der Krieg werde nicht nur gegen die Krankheit, sondern auch gegen die Erkrankten geführt. Die Metapher erkläre sie zu Mitschuldigen. Damit bekannte Sontag eine Verletzung: Das Metastasieren der Krebs-Metapher, die sie ein Jahrzehnt zuvor beklagt hatte, belaste alle Erkrankten. Mache sie zu Schuldigen, zumindest zu Mitschuldigen. Und tatsächlich, wie über eine Krankheit gesprochen wird, hat Einfluss auf den Kranken.

"Wusste nicht, wie viel Angst ich vor meiner Corona-Erkrankung haben musste"

Während der ersten Tage meiner Corona-Erkrankung schien mir meine Zukunft auf einmal sehr überschaubar. Ein Hustenanfall war kein lapidares Symptom, das ich sieben Tage zu ertragen hatte, sondern der erste Schritt Richtung Intensivstation. Wenn ich morgens im Radio von den steigenden Todeszahlen hörte, davon, dass die Zahl der unter 60jährigen auf den Intensivstationen zunehme, dann verspürte ich eine geradezu kreatürliche Angst. Aber es war nicht nur der mehr als unwahrscheinliche Tod, der mir zusetzte. Und die Frage, ob ich womöglich einer von 30 Prozent würde, die über Monate an Spätfolgen leiden würden, am Erschöpfungssyndrom, an Niereninsuffizienz oder Herzmuskelentzündung.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Ich wusste nicht, wie viel Angst ich vor meiner Corona-Erkrankung haben musste. War ich doch einer aus der Risikogruppe, ohne es zu wissen? Gab es in meinem Körper eine Schwachstelle, die bisher nie jemand bemerkt hatte, die auch bisher nie eine Rolle gespielt hatte? Zunächst machten mich alle Corona-Leugner und Impfgegner wütend. Sie leugneten meine Krankheit und lachten meine Angst aus. Sie degradierten mich zu einem Simulanten, der sich zehn Tage von einer kleinen Grippe ans Bett fesseln ließ, weil er auf die Gräuelpropaganda des RKI hereingefallen war. Das war ein persönlicher Angriff, der meine Unfähigkeit aufzustehen, mit einem lapidaren Satz abtat: Du bist selbst schuld.

Ein altes Bild: Krankheit als Schwäche. Sontag zitiert einen Tagebucheintrag der Brüder Goncourt. Über einen befreundeten Autor schreiben sie, er sterbe "aus Mangel an Vitalität, mit der man dem Leiden widersteht". Das klingt so, als könne sich qua Willensanstrengung gegen eine Krankheit gewehrt werden. Da sie das nicht tun, sind Kranke schwach – das sei die wirkliche Ursache ihres Leidens. Ihnen fehle, was Gesunde auszeichnet: Lebenswille.

Denn Leben ist nichts für solche, die krank werden. Solche, die sich schuldig bekennen müssen, nicht stark genug fürs Leben zu sein. Ist es mimosenhaft, solchen Sozialdarwinismus nicht zu ertragen? Vielleicht hat Sontag deswegen nicht von ihrem eigenen Krebs gesprochen. Um nicht bemitleidet zu werden, aber auch um die Debatte über Schuld nicht am Beispiel ihres Körpers führen zu müssen. Es liegt ein Trost darin, die Krankheit verdrängen zu können. Es liegt ein Trost darin, wieder mit dem Arbeiten beginnen zu können, so als sei man schon wieder ganz gesund.

Aber inwieweit ist diese Rückkehr zur Arbeit, inwieweit ist dieser Arbeitsethos auch ein Verleugnen der Krankheit? Wird hier die Grenze zwischen den zwei Staatsbürgerschaften – jener der Krankheit und jener der Gesundheit – wieder hochgezogen?

Krankheit, Tod hinnehmen

Es gibt allerdings auch komplett andere Herangehensweisen. Die Essayistin Joan Didion versucht in ihrem Buch "Das Jahr magischen Denkens" den Tod ihres Mannes und die lebensbedrohliche Erkrankung ihrer Tochter zu verstehen. Doch alle wissenschaftlichen Erklärungsversuche bieten wenig Trost. Der Tod hat die Zukunft mit ihrem Mann, mit ihrer Tochter zerstört.

Sontags Metaphern-Buch durchsucht die Literatur nach Metaphern für Krankheit und Tod. Das Buch, das so entsteht, spricht nicht vom Schock der Erkenntnis, mit 40 vielleicht sterben zu müssen. Was bei Didion die Recherche in medizinischen Lehrbüchern ist, ist bei Sontag das Durchforsten der Literatur nach Metaphern. Vielleicht, um selbst wieder in Tritt zu kommen. Wieder der Mensch zu werden, den die Krankheit und der Kampf gegen sie fast haben verschwinden lassen.

Schuld spielt bei Didion keine Rolle. Das macht Das Jahr magischen Denkens so tröstlich. Wir müssen die Krankheit, den Tod hinnehmen. Was wir nicht müssen, ist, unserem Schuldempfinden auf den Leim zu gehen – nur weil wir uns schuldig fühlen, sind wir es nicht.

Aber so wenig wie wir unsere Staatsbürgerschaft im Reich der Krankheit aufkündigen können, so wenig können sich die allermeisten von Schuld und Schuldgefühlen freisprechen. Nochmals: Niemand ist schuldig, weil er krank ist. Dieser Satz ist eine Medizin. Vielleicht nur ein Placebo. Vielleicht hat er nur eine homöopathische Wirkung. Aber er hilft. Und wer krank ist, der verdient, dass wir ihm helfen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk