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StartseiteForschung aktuellNiederlage und Durchbruch in der Herztransplantation13.02.2019

MedizingeschichteNiederlage und Durchbruch in der Herztransplantation

Die erste Herztransplantation in Deutschland vor 50 Jahren habe langfristig ein Therapieverfahren etabliert, das vielen Patienten Chancen auf ein Weiterleben ermögliche, sagte Herzchirurg Wolfgang Harringer im Dlf. Die heutigen Versuche zur Xenotransplantation benötigten aber eine gesellschaftliche Diskussion.

Wolfgang Harringer im Gespräch mit Uli Blumenthal

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Die Münchner Chirurgen Professor Dr. Rudolf Zenker (l), Werner Rudolph (M) und Werner Klinner (r) bestätigen am 14. Februar 1969 vor Journalisten, daß am 13. Februar 1969 die erste Herztransplantation in der Bundesrepublik durchgeführt wurde. (picture-alliance / Klaus Heirler)
Erste Herztransplantation in der Bundesrepublik (picture-alliance / Klaus Heirler)
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Uli Blumenthal: Vor 50 Jahren gelang einem Team um den Münchner Arzt Rudolf Zenker die erste Herztransplantation in Deutschland. Das fremde Herz war in der Brust des Patienten erfolgreich zum Schlagen gebracht worden. Doch der 36-jährige Patient lebte mit dem transplantierten Organ nur 27 Stunden, weil das Spenderherz durch Vorerkrankungen – für die Ärzte damals nicht feststellbar – geschädigt war. Auch bei zwei weiteren Versuchen 1969, ein Herz zu verpflanzen, starben beide Empfänger. Zwölf Jahre später, am 7. Mai 1981, gelang die vierte Herztransplantation. Sie war erfolgreich und der Patient überlebte. Ich bin telefonisch verbunden mit Doktor Wolfgang Harringer, Präsident für die deutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie. Herr Doktor Harringer, die erste Herztransplantation 1969 - wie kann man das heute, 50 Jahre später beurteilen: ein Durchbruch oder eine Niederlage?

Wolfgang Harringer: Letztendlich war es eine Niederlage, weil der Patient verstorben ist. Auf der anderen Seite war es natürlich auch ein Durchbruch, weil damit ein Therapieverfahren langfristig Einzug in die Medizin genommen hat. Das ist heute Standardbehandlung und Chance für viele Patienten, die mit schwachen Herzen leben müssen, eben eine Chance auf vernünftiges Weiterleben ermöglicht. Das heißt, beide Aussagen sind im Prinzip richtig.

Abwehrreaktion noch nicht ausreichend beherrscht

Blumenthal: Wenn man die heutige Zeit vergleicht und 50 Jahre zurückschaut, was waren die entscheidenden Unterschiede in der Herztransplantationsmedizin?

Harringer: Die Hauptunterschiede gegenüber 1969 war natürlich die Weiterentwicklung der Immunsuppression. Es ist ja häufig so in der Medizin, dass wir von Fortschritten in anderen Bereichen, in dem Fall eben der Pharmazie profitieren, um dann Therapien etablieren zu können, die vorher unmöglich waren. Und gerade in der Transplantationsmedizin waren einerseits die technische Durchführbarkeit solcher Eingriffe eine Herausforderung. Das heißt, in der Herzchirurgie setzte das voraus, dass Herz-Lungen-Maschinen entwickelt wurden, die den Körper am Leben erhalten, während das Herz ausgetauscht wird beziehungsweise nicht schlägt. Das ist sicherlich ein wesentlicher technischer Schritt gewesen. Das hat dann zu dieser Euphorie der ersten Transplantationen geführt, die eben leider nicht erfolgreich waren, weil die Immunsuppression, das heißt, die Unterdrückung der Abstoßungsreaktion im menschlichen Körper eben noch nicht ausreichend beherrscht werden konnte. Und erst die Entwicklung neuerer Immunsuppressiva hat dann zum Siegeszug der Transplantationsmedizin geführt.

"Ära der absoluten Technikgläubigkeit"

Blumenthal: Zwischen dem ersten Eingriff, der ersten Transplantation durch Christian Barnard und dem Münchener Eingriff sind in Südafrika über hundert Herzen verpflanzt worden. Die Ergebnisse, muss man ja sagen, waren niederschmetternd: Nur ein Patient, operiert von Barnard, überlebte den Jahrestag der Operation. In welchem Umfeld war es damals möglich, so viele Misserfolge zu verzeichnen und dennoch weiter zu machen.

Harringer: Das war sicherlich die Ära der absoluten Technikgläubigkeit. Sie dürfen nicht vergessen, zu diesem Zeitpunkt ist die Mondlandung ausgerufen worden. Die Technikgläubigkeit zumindest in der westlichen Bevölkerung war sehr groß. Genauso war natürlich auch der Glaube an medizinische Erfolge beziehungsweise an neue medizinische Therapieverfahren sehr groß. Und Herr Barnard hat ja letztendlich das Image eines Rockstars gehabt. Wenn Sie heute seine Vita betrachten, ist er ja herumgereicht worden international als ein Held und Pionier der Medizin, der seinesgleichen gesucht hat. Das ist ganz anders als die heutige Betrachtungsweise der Medizin, aber auch des medizinischen Fortschritts natürlich.

Blumenthal: Der Münchener Herzchirurg Bruno Reichart, der vor 50 Jahren bei den ersten Herztransplantationen mit dabei war, forscht jetzt an einem Ansatz, der sich Xenotransplantation nennt, also genetisch veränderte Schweineherzen zu transplantieren, erst mal jetzt in Paviane. Wie sehen Sie aus ethischer, aus tierethischer Sicht erst mal diese Versuche?

Harringer: Tierversuche, auch Tierversuche an Menschenaffen sind natürlich bei derartig ausgefeilten Therapiekonzepten aus meiner Sicht unumgänglich. Wenn man nicht akzeptiert, dass man Tierversuche überspringt und Menschenversuche durchführt. Dies ist aus meiner Sicht ethisch nicht zu vertreten, dass man nicht alle Chancen einer Evaluation im Tierversuch nützt, bevor man Therapiekonzepte im Menschen unterbringt. Dass die Tierversuche natürlich nie hundertprozentige Sicherheit gewähren, das wissen wir. Aber wir versuchen natürlich, das Risiko für den Menschen so weit es geht auszuschalten und zu minimieren. Ob die Xenotransplantation dieser Erfolg sein wird, das ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer abzuschätzen. Es ist nur klar, dass den Münchner Kollegen ein Meilenstein in der Xenotransplantation mit diesen Pavian-Versuchen gelungen ist, dass sie es eben geschafft haben, ein Herz eines Schweines im Pavian-Organismus über 6 Monate funktionierend - also den Körper unterstützend - am Schlagen zu halten.

Xenotransplantation braucht gesellschaftlichen Konsens

Blumenthal: Aber wie würden Sie es denn beurteilen, wenn es dann wirklich solche Versuche gibt, gentechnisch veränderte Schweineherzen auch in Menschen zu transplantieren. Wie viel – lassen Sie mich diesen Begriff nutzen –, wie viele Fehlversuche wird die Gesellschaft akzeptieren?

Harringer: Das ist eine für mich sehr schwierig zu beantwortende Frage im Moment. Das ist auf alle Fälle eine Frage, die einen gesellschaftlichen Konsens und auch eine gesellschaftliche Diskussion benötigt. Das heißt, sie muss natürlich von der Gesellschaft mitgetragen werden. Das ist aus meiner Sicht völlig unstrittig. Es gibt Vorstellungen und auch Richtlinien der Fachgesellschaft, in diesem Fall zum Beispiel der internationalen Gesellschaft für Herz- und Lungentransplantation, die vor Menschenversuchen mal erfolgreiche Drei-Monats-Versuche im Tier angegeben haben. Das war allerdings schon im Jahr 2000. Heutzutage würde man wahrscheinlich die Latte höher legen. Zusätzlich sind natürlich auch die entsprechenden Zulassungsbehörden gefragt, hier Vorgaben zu machen. Und da bin ich mir eben nicht sicher, wie diese Vorgaben in der heutigen Zeit aussehen werden, ob nicht entsprechend die Latte höher gelegt wird, als sie 2000 definiert wurde. Das größere Problem, das ich für die Xenotransplantation und auch für die Zulassung der Menschenversuche sehe, ist, dass natürlich auch die mechanischen Verfahren zur Unterstützung von herzschwachen Patienten wesentliche Fortschritte in diesem Zusammenhang gemacht haben und wir da auch heute Überlebensraten nach zwei Jahren von 60 bis 80 Prozent bei den Patienten mit einer guten Lebensqualität haben. Und hier sehe ich durchaus einen gewissen Wettbewerb, wo es auch für die Xenotransplantation weiter schwierig wird, eben solche Ergebnisse zu reproduzieren.

Virenproblematik noch ungelöst

Blumenthal: Glauben Sie wirklich, dass der Wettbewerb zwischen den künstlichen Herzen und der Xenotransplantation ein offener Wettbewerb ist in der Medizin, oder ist eigentlich die Xenotransplantation zwar hochinteressant und relevant, aber eigentlich in der heutigen Zeit ethisch, auch tierethisch, nicht mehr vertretbar?

Harringer: Auch das ist eine schwierige Frage, die ich jetzt nur mit meiner persönlichen Meinung beantworten kann. Wir haben natürlich in den technischen Gerätschaften immer noch Schwierigkeiten und Probleme, was die langfristige Funktion, die Infektionsstabilität, die Batterieübertragung im Vergleich zu einem normalen Organtransplantat ausmachen. Wenn die Xenotransplantation durch die Modifikation – und da sind noch viele Probleme, ich nenne nur die Virenproblematik bei den Schweinen, die absolut ungelöst ist. Also, da sind noch viele Fragen, die beantwortet werden müssen. Wenn aber ein funktionierendes Transplantat herauskommt, das den menschlichen Organen ebenbürtig oder sehr ähnlich ist, dann ist natürlich eine Lebensqualität mit einem solchen Organ in hohem Maße oder wäre in hohem Maße verbunden. Ist aber sehr viel Konjunktiv dabei, wie Sie hören.

Blumenthal: Doktor Wolfgang Harringer, Präsident für die deutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie., zum fünfzigsten Jahrestag der ersten Herztransplantation in Deutschland, die in München durchgeführt wurde. Vielen Dank Herr Doktor Harringer für das Gespräch mit dem Deutschlandfunk.

Harringer: Danke

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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