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StartseiteDeutschland heuteÜberlebensstrategie für Klinik im 5.000-Einwohner-Dorf12.07.2018

Medizinische Versorgung auf dem LandÜberlebensstrategie für Klinik im 5.000-Einwohner-Dorf

Krankenhäuser auf dem Land werden immer seltener. In Seehausen in Sachsen-Anhalt hingegen hält sich eine Klinik mit nur 112 Betten - bei gerade mal 5.000 Einwohnern. Dazu hat der Betreiber ungewöhnliche Maßnahmen ergriffen.

Von Christoph Richter

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Ein Arzt füllt eine Infusion nach. (imago/stock&people/Westend61)
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Im Dreiländereck von Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Brandenburg liegt das idyllisch gelegene altmärkische Seehausen. Früher lag es an der innerdeutschen Grenze, heute in einem Naturparadies nahe der Elbe. Eine gerademal 5.000 Einwohner große Hansestadt. Allerdings mit eigenem Krankenhaus.

Ferndiagnose durch Radiologen

Während anderswo Krankenhäuser schließen, hält der Krankenhausbetreiber Agaplesion in Seehausen das kleine Krankenhaus mit nur 112 Betten am Leben. Mittels Tele-Medizin, also bildgebender Verfahren, etwa einem geliehenen Computertomografen, kurz CT. Mit dem können die Patienten – Durchschnittsalter 59 Jahre – in Seehausen behandelt werden. Da vor Ort aber keine Radiologen arbeiten, werden die Patienten-Daten ins 700 Kilometer entfernte saarländische Dillingen geschickt und dort auf einem Server abgelegt, auf den die behandelnden Ärzte in Magdeburg, Brandenburg oder Stendal dann Zugriff haben.

"Der Radiologe, der sich auf das System in Dillingen aufhängen kann, der kriegt eine Information, dass ein Bild zu befunden ist und kann sich dann das Bild anschauen. Wir sind glücklich und dankbar, dass man hier die Dinge pragmatisch sieht",

erzählt Maria Theiß, die Krankenhausmanagerin des Diakoniekrankenhauses im sachsen-anhaltischen Seehausen. Allein durch die Einsparung der Patiententransportkosten zum nächsten CT hätte sich das Modell bereits rentiert. Dadurch habe man die Notaufnahme und damit die Existenz des Krankenhaus Seehausen gesichert. Eine Win-Win-Situation nennt es Klinik-Chefin Theiß:

"Also, das ist für uns eine sehr wichtige Sache. Weil ich komme als Krankenhaus an einer Computertomografie als Diagnostikverfahren nicht mehr vorbei. Ich muss das anbieten. Wir hätten sonst ganz große Probleme weiter so die Notfallversorgung aufrecht zu erhalten, wie wir das tun. Akute Baucherkrankungen, Knochenverletzungen: Oft müssen die erstmal mit einer Computertomografie diagnostiziert werden. Damit der Arzt ein genaueres Bild kriegt, eine genauere Idee kriegt, an was dieser arme Mensch jetzt leidet."

Land schafft Sonderregelung

Und das macht man per Telemedizin. Das geht aber nur, weil das Krankenhaus vom Land Sachsen-Anhalt dafür eine Sondergenehmigung erhalten hat. Denn üblicherweise ist es nicht gestattet, dass Ärzte auch im Normalbetrieb, von der Ferne aus, Befunde erstellen.

Telemedizin ist aber nur ein Aspekt, um das Krankenhaus Seehausen am Laufen zu halten. Das andere große Thema ist der Ärztemangel. Weder einheimische Ärzte, geschweige denn Hochschulabsolventen könne man in die Provinz nach Seehausen locken, so Krankenhaus-Chefin Maria Theiß.

"Ich hätte da manchmal gern einen Zauberstab, den man mir aber nicht gibt. Wir müssen uns an Personalvermittler wenden, die uns helfen Mediziner zu finden. Und im Assistenzarzt-Bereich ist es häufig so, dass wir Kollegen gewinnen, die eben aus dem Ausland stammen."

Maria Theiß zählt auf, aus welchen Ländern die Kollegen in Seehausen kommen:

"Wir haben syrische Kollegen, ägyptische Kollegen, russische Kollegen, bulgarische Kollegen und libanesische Kollegen. Ein indischer Kollege ist auch dabei."

Im Kampf gegen den Ärztemangel sei Pragmatismus gefragt, sagt Theiß noch.

"Ich weiß sehr wohl, dass es für die Patienten manchmal schwierig ist, weil sich ein Nicht-Muttersprachler erstmal schwer mit der deutschen Sprache tut. Und für ältere Menschen, wenn das Gehör nicht mehr so ganz mitmacht, wird es dann sehr mühselig. Ich bin aber nur heilfroh, dass wir die Mediziner überhaupt gewinnen können."

Ausländische Ärzte werden akzeptiert

Klinik-Chefin Theiß ergänzt noch: Die meisten Patienten hätten aber kein Problem damit, dass die Ärzte aus der ganzen Welt kommen und nun mit weißen Kittel und Stethoskop in Seehausen arbeiten.

"Ist sehr wichtig. Und da ich aus der Region komme, ist es das nächste Krankenhaus für mich, was dicht dran ist. Auch für die Angehörigen ist es gut, dass sie dichter bei mir sind. Sie können mich öfter besuchen", sagt Detlef Pickert, 53. Vor ein paar Tagen hat er eine Knie-Prothese bekommen.

Das Krankenhaus Seehausen: Ein helles lichtes Haus, an den Wänden hängen Bilder von Schülern der benachbarten Schule, im Atrium gibt es ein kleines Bistro. Es scheint eher gemütlich zuzugehen. Und: Die Klinik ist ein Bestandteil der regionalen Wirtschaft, erzählt Krankenhausmanagerin Theiß.

"Wenn der Malermeister seine Aufträge vom Krankenhaus bekommt, dann kann auch er Arbeitsplätze schaffen. Und so setzt sich das fort. Und so wird auch eine Region wirtschaftlich am Leben erhalten. Dann geht mir der EDEKA nicht aus dem Ort weg. Weil hier genügend Menschen sind, die arbeiten, Geld haben, um dort einkaufen zu gehen. Und vielleicht siedelt sich mal wieder ein Gastronom an - wer weiß", lacht Theiß.

Das kleine Krankenhaus in der Provinz. Vielleicht kann es tatsächlich weitere Abwanderung verhindern: In einem Städtchen mit gerademal 5.000 Einwohnern.

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