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StartseiteEuropa heuteDie russische Provinz und die Misere im Gesundheitswesen 08.03.2018

Medizinische VersorgungDie russische Provinz und die Misere im Gesundheitswesen

Abseits der russischen Metropolen fehlt im Gesundheitsbereich Geld: Viele Krankenhäuser sind schlecht ausgestattet, Ärzte öffnen Privatpraxen, die sich kaum einer leisten kann. Zwar sollen die staatlichen Gesundheitsausgaben bis 2024 verdoppelt werden - aber Probleme wie Korruption bleiben.

Von Sabine Adler

Blich auf Rjasan, Russland - 23. Februar 2018 (imago stock&people /Alexander Ryumin /TASS )
Die russische Provinzstadt Rjazan. Sie liegt rund 200 km südöstlich von Moskau am Fluss Oka. (imago stock&people /Alexander Ryumin /TASS )
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Das Krankenhaus Nummer 11 am Stadtrand von Rjasan hat seit Jahrzehnten keine Renovierung erlebt. Korridore im typischen Sowjetgrün. Die Türen zu den Krankenzimmern stehen offen, zu acht liegen die Patienten in den Zimmern. Betten und Wäsche wurden in einem anderen Jahrhundert angeschafft. Konstantin Smirnow und Alexej Frolov kennen die Zustände im Gesundheitswesen. Die beiden unabhängigen Journalisten schreiben, was ihren Kollegen in den staatlich finanzierten Medien verboten ist: über diese unhaltbaren Zustände.

"Jemand starb, weil der Rettungsdienst nicht kam oder zu lange unterwegs war. Auf der einen Seite gibt es tatsächlich die einen oder anderen neuen Apparate in den Krankenhäusern, doch das Grundübel sind die niedrigen Gehälter der Ärzte: Sie bekommen 25.000 Rubel im Monat, umgerechnet 360 Euro, das ist weniger als ein Taxifahrer."

Ärzte haben Zweitjobs

Fast stündlich fährt ein Zug aus der Provinzstadt Rjasan in die Hauptstadt Moskau. Reisezeit: keine drei Stunden. Viele Ärzte steigen ein, vor allem die, die von ihrem Gehalt in Rjasan ihre Familie nicht ernähren können.

"Sie übernehmen in Moskau Notdienste im Rettungswagen. Das wird dort gut bezahlt. Als Folge ihrer Sonderschichten dort fehlen sie hier in Rjasan, deswegen sind unsere Notdienste eine einzige Katastrophe. Es gibt kaum Personal und die Ärzte, die hier Dienst tun, arbeiten bis zu 30 Stunden am Stück."

Die Misere im Gesundheitswesen ist seit Jahren Thema. Auch wenn der Staat durch den gestiegenen Ölpreis mehr Geld einnimmt - in den Kliniken kommt davon wenig an. Immer mehr Ärzte öffnen Privatpraxen, die sich das Gros der Bevölkerung nicht leisten kann.

"Genaugenommen ist Medizin nicht mehr kostenlos. Überall wird gezahlt, völlig illegal. Aber ohne jede Regel. Fast jeder Arzt nimmt zusätzlich Geld. Wie zu Sowjetzeiten im Kaukasus, wo die Patienten ihrem Chirurgen aus Dankbarkeit Geschenke oder Geld gegeben haben. Das geschieht jetzt überall."

Korruption bleibt ein Thema

Konstantin Smirnow und Alexej Frolov sind Mitte 30. Erst schrieben sie beide für die regierungskritische Zeitung "Nowaja Gaseta", bis Konstantin Smirnow sein Nachrichtenportal gründete, das jetzt das zweite unabhängige Medium in Rjasan ist. Neben dem maroden Gesundheitswesen ist die Korruption immer wieder Thema.

"Zusammen mit den Grünen haben wir neue Häuser mitten im Naturschutzgebiet entdeckt: Teure Immobilien für Beamte. Ein ganzes Dorf. Wir haben im Grundbuch nachgesehen, wem die gehören und wer noch bauen wollte. Eine Straße und die Strom- und Gasanschlüsse gab es schon, natürlich auf Staatskosten."

Dass sie die einzigen unabhängigen Journalisten in Rjasan sind, verschafft ihnen ungeahnte Vorteile.

"Uns gehört damit das Monopol, über alles zu schreiben. Wir haben sogar exklusive Geschichten, die eigentlich überhaupt keine sind, denn von bestimmten Pressekonferenzen berichten nur wir, weil die anderen nicht dürfen."

Nicht über alles darf berichtet werden

Die Zensur begann mit der staatlichen Finanzierung der Redaktionen, die im Gegenzug nicht mehr über alles schreiben dürfen. Nicht darüber, dass es nach der Präsidentschaftswahl vermutlich Massenentlassungen in dem Rüstungsbetrieb Pribor geben wird. Viele der 7.000 Beschäftigten fragen sich, wie die Kürzungen zu Putins Waffenplänen in dessen jüngster Rede zur Lage der Nation passen.

Die Politiker werden dazu aber nicht interviewt, sagt Konstantin Smirnow. Von Wahlverstößen, dass zum Beispiel die Zentrale Wahlkommission Werbung für den Präsident Putin macht, oder möglichen falschen Angaben zu Wahlbeteiligung, wird man in Rjasan nur im Internet und in der "Nowaja Gaseta" erfahren.

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