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StartseiteUmwelt und VerbraucherApotheker und Ärzte beklagen Medikamentenengpass 21.11.2019

Medizinische VersorungApotheker und Ärzte beklagen Medikamentenengpass

Antidepressiva, Masern-Impfstoff und Blutdrucksenker - rund 540 Medikamente waren laut Bundesinstitut für Arzneimittel im Oktober nicht lieferbar. Für die Apotheker, Ärzte und auch Patienten bedeutet dies einen immensen Mehraufwand. Ein Grund für den Engpass ist die globalisierte Lieferkette.

Von Anja Nehls

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Blick durch eine Glasscheibe auf ein vollautomatisches Medikamenten-Lager, Symbolbild Lieferengpässe von Medikamenten (dpa/Andreas Arnold)
Vor allem Menschen, die auf Blutdrucksenker angewiesen sind, betrifft der Medikamentenengpass (dpa/Andreas Arnold)
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Die Regale und Schubladen in der Apotheke von Kristin Fussan im Berliner Südwesten sind gut gefüllt, zum Glück, denn immer häufiger muss die Apothekerin nach einem Ersatz suchen, weil das Medikament, das ihre Kunden verschrieben bekommen haben, nicht lieferbar ist.

"Im Moment ist es auf jeden Fall gravierend, wir merken es deutlich und es betrifft eben nicht nur ein oder zwei Wirkstoffe, wir haben eine Liste im Computer mit über 100 Präparaten, die im Moment defintiv nicht lieferbar sind."

Das betrifft Medikamente gegen Herpes, Gicht, Epilepsie, Antidepressiva, Antibiotika und vor allem Blutdrucksenker - aber auch Impfstoffe zum Beispiel gegen Gürtelrose, Gebärmutterhalskrebs und Tollwut. Die fast 80-jährige Marianne Heckmann hat diese Erfahrung auch schon machen müssen.

"Ich habe mit den Blutdrucktabletten auch schon mal Schwierigkeiten gehabt, die in der Apotheke zu bekommen. Die Apothekerin hat sich zwar redlich bemüht, die hat auf ihrem Computer hin und her geklickt, aber vergeblich."

Patienten müssen auf andere Medikamente umgestellt werden

Zum Glück gab es die Tabletten noch in einer Nachbarapotheke. Beim Bundesinstitut für Arzneimittel waren im Oktober rund 540 Medikamente gelistet, die die Hersteller nicht liefern können. Für die Apotheker bedeutet es einen immensen Mehraufwand, wenn sie die Patienten mit den Wirkstoffen versorgen wollen, die sie brauchen.

"Es gibt immer die Möglichkeit auf andere Firmen oder andere Stärken zurückzugreifen. Also es muss recherchiert werden, welche Möglichkeiten es gibt, welche Firmen überhaupt lieferbar sind, welche Stärken lieferbar sind. Es muss im Zweifelsfall mit den Firmen Rücksprache gehalten werden, mit den Ärzten Rücksprache gehalten werden."

Wenn mal wieder etwas lieferbar ist bestellt Kristin Fussan sofort. Die Ärzte müssen ihre Patienten dann auf ein anderes Medikament mit einem gleichen oder ähnlichen Wirkstoff umstellen.

Gut sei das für die Patienten meist nicht, sagt der praktische Arzt Stefan Bernhardt: "Umstellen bedeutet einfach Arbeit und Zeit für den Patienten. Man muss teilweise eine Langzeitblutdruckmessung machen, die Medikamente sind ja nicht eins zu eins umstellbar, sondern man muss genau gucken, ob bei einem anderen Medikament welche Dosis die Wirkung hat, dass es bei ihm funktioniert. Deshalb ist diese Umstellung nicht einfach."

Importierte Medikamente oft billiger

Die meisten Medikamente werden derzeit von Firmen in China oder Indien hergestellt weil das für die Krankenkassen billiger ist. Wenn es dort zu Schwierigkeiten kommt, müssten die Krankenkassen eben die teureren Originalmedikamente bezahlen fordert Bernhardt. Er kritisiert, dass die Krankenkassen mit schlechten Verträgen Medikamente immer billiger und billiger einkaufen wollen:

"Wenn die Krankenkassen Verträge abschließen für Rabattmedikamente dann sollen sie auch einen Vertrag abschließen, dass wenn die Firma nicht liefert, dass sie natürlich für die Schäden, die dadurch entstehen auch aufkommen. Und dann könnten sich die Krankenkassen sehr gut das Geld von den Herstellerfirmen, die vorher die Zusage gegeben haben, dass sie liefern können, wiederholen."

Darüber hinaus liefern die Hersteller bei Engpässen ihre Medikamente statt nach Deutschland lieber in Länder, wo dafür höhere Preise bezahlt werden. Kirsten Fussek kann fast jedes Präparat für ihre Kunden dann aus dem Ausland importieren.

"Das gilt zum Beispiel auch für den Gürtelrose-Impfstoff, in anderen europäischen Ländern ist der verfügbar, beispielsweise in der Schweiz, ist er ungefähr doppelt so teuer wenn man ihn importieren würde. Wenn es die Kasse zahlt müsste man auch da wieder eine Genehmigung einholen oder der Patient muss es im Zweifelsfall zahlen."

Engpass beim Masern-Impfstoff

Besonders pikant: Für die geplante Pflichtimpfung gegen Masern gibt es in Deutschland derzeit keinen Impfstoff. Erhältlich ist nur ein Kombinationspräparat Masern, Mumps Röteln, was Impfgegner dann ablehnen könnten.

Die Apothekerin Kirsten Fussek kann nur noch den Kopf schütteln: "Wenn wir bedenken in welchem Land wir leben ist das schon eine traurige Situation."

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