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StartseiteCampus & KarriereTalent- statt Wartequote04.07.2018

MedizinstudiumTalent- statt Wartequote

Beim Zugang zum Medizinstudium muss sich etwas ändern. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts darf die Abiturnote in Zukunft nicht mehr so entscheidend sein wie bisher. Baden-Württemberg hat eine Alternative erarbeitet, mit der die Eignung der Studienbewerber für den Beruf ermittelt werden soll.

Von Thomas Wagner

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Studenten an der Fakultät Medizin der Universität Halle-Wittenberg. (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
Wer Medizin studieren darf, soll in Zukunft anders festgelegt werden (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
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Er bekam seinen Studienplatz über die Abi-Note in Verbindung mit einem Eignungstest. Adrian Seidel, Medizinstudent an der Uni Ulm:

"1,3 hatte ich im Abitur. Ich denke, die Abiturnote ist halt ein einfaches Prinzip, um die Zahl der Bewerber auszusieben. Aber wahrscheinlich gäbe es schon bessere Methoden, um die Studienplätze zu vergeben."

Er bekam seinen Studienplatz, weil er lange genug gewartet hat. Frank Fricken, Medizinstudent, ebenfalls an der Uni Ulm:

"Ich habe erst mal eine Ausbildung als Altenpfleger gemacht, wollte dann ins Studium reinwechseln, kam nicht rein, weil mein Abi halt nur bei 2,0 lag, habe dann mehrere Jahre gewartet. Es zog sich."

Bis es dann doch geklappt hat. Allerdings: In Zukunft wird Geduld allein für die Zuteilung eines Studienplatzes nicht mehr ausreichen.

Neuer Test, um Talente zu ermitteln

"Wir wollen die Wartequote - 20 Prozent aller Studierenden kommen über die Wartequote ins Studium - also diese Wartequote wollen wir abschaffen und stattdessen am liebsten eine Talentquote einführen."

Und das sei, sagt die grüne baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, etwas ganz neues: eine Talentquote. Dabei geht es um Bewerber nicht unbedingt mit der besten Abi-Note, wohl aber mit Eigenschaften, die für die Arbeit als Mediziner ganz besonders wichtig sind. Für die "Talentquote" werde ein gänzlich neuer Eingangstest entwickelt:

"In dem Situationen gestellt werden, beispielsweise Gespräche mit dem Patienten. Man muss etwas ausverhandeln, man muss einen schwierigen Sachverhalt erklären, man ist in einer Dilemma-Situation, man muss sich entscheiden, verhalten, wenn man mit solchen Fragen mit Leben und Tod, Krankheit und Gesundheit zu tun hat. Vermittlungsfähigkeit, Empathie, wie ist man damit ausgestattet."

20 Prozent aller Bewerber sollen über die neue "Talentquote" und nicht wie bisher über die Wartequote ins Studium finden. Theresia Bauer macht aber auch klar:

"Es wird so wie bislang auch in Zukunft eine mindestens 20-prozentige Quote geben für diejenigen mit den besten Abiturschnitten. Wir wollen das Abitur nicht eliminieren. Wir wollen seine Bedeutung nur ein wenig relativieren im Vergleich zu den anderen Komponenten."

Zu denen nach wie vor die klassischen Eingangstests für angehende Medizinstudierende gehören.

"Also das ist so ein naturwissenschaftlicher Test. Und so ein paar Textverständnis-Aufgaben. Also ein Verständnistext im naturwissenschaftlichen Bereich."

Erinnert sich Medizinstudent Adrian Seidel. Ausbau dieser Testverfahren, Abschaffung der Wartequote, Einführung der neuen Talentquote - das wird die Zulassung zum Medizinstudium ab Ende 2019 prägen, nach den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichtes, so Ministerin Theresia Bauer:

"Wir müssen ja einen neuen Staatsvertrag erarbeiten. Alle 16 Länder müssen dem zustimmen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Teil der Vergaben auf Bundesebene erfolgt und ein großer Teil der Entscheidungen dann dezentral in den einzelnen Bundesländern und Hochschulen erfolgen wird."

Umstrittene Stipendien für Landärzte

Ein Punkt wird derzeit vor allem kontrovers diskutiert: Wie können angehende Ärzte bereits im Studium motiviert werden, später einmal eine Landarztpraxis zu übernehmen? Verschiedene Bundesländer vergeben "Landarzt-Stipendien". Dabei müssen sich die Stipendiaten verpflichten, später einmal in ländlichen Regionen zu praktizieren. Daneben kursieren Überlegungen, ein Kontingent von Studienplätzen ausschließlich für solche Bewerber zu schaffen, die sich bereits zum Studienauftakt zur späteren Arbeit als Landarzt verpflichten.

"Ehrlich gesagt finde ich das gut. Ich selbst komme vom Land. Und es gibt sicherlich Leute, die wissen, dass sie später einmal auf dem Land eine Praxis aufmachen wollen. Und diesen Leuten einen Zugang zum Studium zu erleichtern, finde ich eine gute Sache."

So die Ulmer Medizinstudentin Lisa Punningkam. Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer sieht dieses Modell dagegen skeptisch. Denn Medizin-Studienanfänger seien "zu jung dafür. Sie wissen zu wenig, um sich so früh festzulegen."

Die Wissenschaftsministerin könnte sich dagegen Stipendien für angehende Landärzte vorstellen, allerdings erst

"… in einer späteren Phase des Studiums. Diejenigen, die dann schon wissen, um was es geht, die sich dann festlegen wollen, über ein Stipendium dann die Landarztpraxen zu bekommen. Und die Kooperation mit Lehrpraxen wird verstärkt, sodass es früher die Möglichkeit gibt, dieses Tätigkeitsfeld kennenzulernen."

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