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StartseiteForschung aktuellGünstig, einfach und robust06.06.2019

Medizintechnik für Entwicklungsländer Günstig, einfach und robust

Stromausfälle sind an der Tagesordnung, Ersatzteile kaum zu bekommen und das Geld ist knapp – deswegen sind die meisten medizinischen High-Tech-Verfahren und -geräte in Entwicklungsländern unbrauchbar. Möglichst einfache Lösungen zu entwickeln ist für deutsche Unternehmen komplizierter als gedacht.

Von Katharina Nickoleit

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Prothese in einer Werkstatt in Äthiopien (Deutschlandradio/ Christian Nusch )
Die Prothese mit Aluminium-Sprunggelenk darf maximal 200 Euro kosten (Deutschlandradio/ Christian Nusch )
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Eine Werkhalle an der Technischen Universität München. In jedem Winkel stehen Zentrifugen, Unterdruckkammern und Präzisionsfräsen. Doch Fabian Jodeit entwickelt Medizintechnik für Entwicklungsländer und muss auf die Hilfe dieser Maschinen verzichten. In Äthiopien scheiterte er schon mit seinem mitgebrachten 3-D-Drucker an der Infrastruktur.

Der Ingenieur wollte damit den Prototypen für ein künstliches Sprunggelenk herstellen, das bei einer einfachen Prothese den Knöchel ersetzt.

"Wir haben so viele Stromausfälle in Äthiopien gehabt, wir konnten nicht ein einziges Teil in Originalgröße fertigen, weil wir einfach die 20-stündige unterbrechungsfreie Stromversorgung nicht hatten. Und das ist natürlich ein ganz klares Indiz, dass das vergessen werden kann."

Entwicklung von Ersatzteilen einplanen

Fabian Jodeit hat er sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Medizintechnik beschaffen sein muss, damit sie für Entwicklungsländer überhaupt in Frage kommt. Fallstricke kennt er viele: Zum Beispiel bei Messsystemen für die Diagnostik. 

"Für eine Kalibrierung braucht man Kalibrierflüssigkeiten, die sind irgendwann aufgebraucht. Das bedeutet, viele Geräte werden einfach über Jahre nicht kalibriert. Das hat dann zur Folge, dass ein einfaches Blutbild, das ist dort häufig nicht so einfach, weil man auf drei, vier Geräten misst, um dann den Mittelwert zu bilden." 

Bei seinen Recherchen hat Jodeit jede Menge Gerät aus Europa entdeckt, das ungenutzt verstaubte: OP-Lampen, für die es keine passenden Leuchtmittel gab, oder Maschinen, für die vor Ort keine neuen Sicherungen zu kaufen waren. Am sinnvollsten wäre Medizintechnik, die schon bei der Entwicklung an die Ersatzteile denkt - und im Land selbst kostengünstig produziert wird. 3-D-Drucker sind da höchstens ein kleiner Teil in der Produktionskette. 

"Da sieht man hier 3-D-gedruckte Positivteile, die wir dann aber nicht als Produkt vorgesehen haben, sondern wir haben die verwendet, um einen lokalen Sandguss umzusetzen.   

Produktion vor Ort

Fabian Jodeit hält ein Gussstück aus Aluminium in die Höhe, ein Bauteil seines preisgünstigen künstlichen Sprunggelenks. 

Ein Mann zeigt eine Prothese Äthiopien (Deutschlandradio/ Christian Nusch )Die Prothesen werden in Werkstätten vor Ort gefertigt (Deutschlandradio/ Christian Nusch )

"Für unsere Verhältnisse würde man gar nicht vermuten, dass das eine Gießerei abbildet, diese Werkstatt, aber mit den Umgebungsbedingungen müssen wir uns einfach auseinandersetzen."

In Deutschland kostet eine Prothese heute im besten Fall 6.000 Euro. Maximal 200 Euro soll die mit Jodeits Sprunggelenk kosten. Das ist nur möglich, wenn für die Produktion aller Komponenten in Äthiopien Werkstätten gefunden werden. Das sei schon aus humanitären Gründen geboten, findet Jodeit, aber er ist sich sicher, dass darin auch ein interessanter Markt steckt. Was inzwischen auch große Firmen erkennen: Siemens beispielsweise.

Die Ausstellungshalle der "Siemens Healthineers" im fränkischen Forchheim. Alle Maschinen, die hier präsentiert werden, sind technisch auf dem allerneuesten Stand. Dr. Ronald Fröhlich erklärt einen mobilen Röntgenapparat, der von Zimmer zu Zimmer gefahren werden kann – und zeigt gleichzeitig eine einfache Variante, die statt mit digitalen Bilddateien ganz klassisch mit Filmaufnahmen arbeitet. 

"Der nächste Punkt ist, was die Leistungsfähigkeit des Generators betrifft, für die zu erzeugende Röntgenstrahlung. Das Gerät hat hier einen 35 Kilowatt Röntgengenerator, das hier hätte jetzt zehn Kilowatt. Dann ist das System motorisiert – das muss ich mechanisch schieben. Ich muss es in die Steckdose stecken um entsprechende Aufnahmen zu machen. Also man sieht halt doch deutlich im Funktionsumfang reduziert aber deswegen auch deutlich kostengünstiger."

Der Aufwand lohnt sich

Diese abgespeckte Version des mobilen Röntgengeräts kostet nur 20 Prozent der Hightech-Variante – und ist damit für Krankenhäuser in Entwicklungsländern schon eher erschwinglich. Und:

"Je weniger Komponenten ich drin hab, Motoren und so weiter, desto günstiger sind die natürlich auch von der Wartung."

Obwohl es kompliziert ist, bei der Entwicklung Geräte gleichzeitig den Bedürfnissen von Krankenhäusern in Europa und in Entwicklungsländern gerecht zu werden, lohnt sich dieser Aufwand. 

Zuverlässige westliche Technik ist beispielsweise in Indien sehr gefragt. Der Radiologe Jainendra Jain arbeitet in einem Krankenhaus in Jaipur und hält wenig von dem, was indische Medizintechniker anbieten:

"Es gibt günstige Geräte aus lokaler Produktion, aber die fallen häufig aus, deshalb sind sie für uns unbrauchbar. Deshalb entscheiden wir uns für Markenprodukte aus den USA oder auch für Siemens oder Philipps. Wir sind auf diese Qualitätsgeräte angewiesen."

Dr. Roland Fröhlich meint: "Das Potential, das sich da entwickelt, ist sicher in diesen Entwicklungsländern riesig. Mehr, als wir das in den gesättigten Märkten sehen. Da sehen wir eigentlich nur ein Austauschgeschäft. Das große Wachstumspotential treiben die sich entwickelnden Märkte."

Diese Wachstumsmärkte wird nur erschließen, wer seine Produkte an die Bedürfnisse in Entwicklungsländern anpasst.

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