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StartseiteForschung aktuellWindkraftanlagen als Umweltsünder? 20.07.2015

Meeresschäden Windkraftanlagen als Umweltsünder?

Seit sechs Jahren werden vor den deutschen Küsten riesige Windräder in Nord- und Ostsee gestellt. Im Jahr 2020 sollen es 1.700 Anlagen sein. Eine saubere Sache, dachte man. Bis im Frühjahr Medienberichte erschienen, die vor einer hohen Aluminiumbelastung durch den Rostschutz der Anlagen im Meer warnten. Doch was ist dran?

Von Monika Seynsche

(dpa/picture alliance)
Der Korrosionsschutz für die metallenen Windräder steht im Verdacht, die Meere mit großen Mengen Aluminium zu belasten. (dpa/picture alliance)
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Mit jedem Wellenschlag schwappt salziges Wasser an die Stahlpfeiler im Meer. Jeder von ihnen fängt langsam aber sicher an zu rosten. Genau das versuchen die Betreiber der Windparks zu verhindern, sagt Stefan Schmolke vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg.

"Korrosion, das ist ein elektrochemischer Prozess, bei dem Metalle sich sozusagen auflösen, in Lösung gehen. Und das versucht man zu verhindern, indem man ein möglichst unedles Metall in Verbindung bringt mit der Konstruktion und häufig werden dafür in der Meeresumwelt Aluminiumopferanoden verwendet. Das ist ein sogenannter passiver Korrosionsschutz. Und diese Opferanoden, die lösen sich auf und die Konstruktion löst sich deswegen eben nicht auf."

Dabei entweicht Aluminium in die Meeresumwelt. Im Meerwasser herrscht ein relativ hoher pH-Wert vor, bei dem aus dem frei werdenden Aluminium schnell Aluminiumhydroxid gebildet wird, ein Stoff, der auch in Zahnpasta, Sonnencremes und Medikamenten Verwendung findet und als unbedenklich gilt. Durch den Korrosionsschutz gelangen große Mengen Aluminium ins Meerwasser.

Auch Innenraum der Windräder mit Aluminium ausgestattet

"Wir sprechen so pro Windanlage von 100 bis 200 Kilogramm pro Jahr ungefähr. Wenn man sich jetzt das Gesamtvolumen der Windanlagen auf See anguckt, wir haben so heute ungefähr so 400 Anlagen draußen, im Jahre 2020 werden das vielleicht 1.700 Anlagen sein. Man kommt dann so auf Größenordnungen von 150 Tonnen pro Jahr wenn in der vollen Ausbaustufe mit 1.700 Anlagen."

Aber nicht nur die Außenseite der Stahltürme muss vor Rost geschützt werden. Die Pfeiler der Windenergieanlagen sind hohl. Werden sie in den Meeresboden gerammt, füllt sich der Innenraum mit Wasser. Deshalb wird auch hier oft Aluminium zum Korrosionsschutz eingesetzt. Es löst sich und reichert sich in den geschlossenen Innenräumen über Jahre hinweg an. Wird eine Windenergieanlage dann irgendwann abgerissen, gelangt dieses Aluminium auf einen Schlag in die Umwelt. Günter Binder wollte wissen, wie viel Aluminium das sein könnte. Der Geochemiker leitet bei der Bundesanstalt für Wasserbau das Referat Stahlbau und Korrosionsschutz. Er hat ein Worst-Case-Szenario berechnet: Ein Windpark in 40 Meter Wassertiefe mit 100 Anlagen, die auf dreibeinigen, sogenannten Tripodstrukturen im Wasser stehen und nach 25 Jahren auf einen Schlag abgerissen werden.

"Dabei werden über 25 Jahre an die 10 Tonnen Aluminium freigesetzt im Inneren der Tripods."

10 Tonnen aus dem Inneren einer jeden Tripod-Windenergieanlage gelangen dann ins Wasser. Dazu kommen die 150 Tonnen pro Jahr durch den Korrosionsschutz auf der Außenseite der Anlagen.

"Das hört sich erst mal wirklich sehr, sehr viel an. Dabei muss man aber eben bedenken, dass Aluminium ein Mengenelement ist, das in der Natur in großen Mengen natürlich vorkommt. So als Vergleichszahl kann man jetzt zum Beispiel nennen, was die Elbe an Aluminium in die Nordsee transportiert. Das liegt je nach Berechnungsgrundlage bei sagen wir mal 20.000 Tonnen pro Jahr.

"Keine unnatürlichen Erhöhungen der Aluminiumkonzentrationen gefunden"

Stefan Schmolke leitet beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie das Referat "Chemie des Meeres". Seiner Einschätzung nach geht das Aluminium aus dem Korrosionsschutz der Windparks im allgemeinen Rauschen der natürlichen Aluminiumeinträge ins Meer unter.

"Zu dieser Einschätzung komm ich nicht zuletzt auch deswegen, weil wir also in unseren Überwachungsprogrammen, die wir in der Nordsee laufen haben, bisher bei den Anlagen, die stehen, keine unnatürlichen Erhöhungen der Aluminiumkonzentrationen gefunden haben. Selbst im näheren Umfeld nicht. Wir haben vor der niedersächsischen Küste Alpha Ventus. Da haben wir in der Nähe eine Messstation, wo wir also regelmäßig Sedimentproben nehmen."

Um den Stoffeintrag ins Meer trotzdem möglichst gering zu halten, arbeiten die Bundesanstalt für Wasserbau und das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie zurzeit an einem Regelwerk zum Korrosionsschutz auf See. So ließe sich etwa durch eine Kombination von Beschichtungen und Opferanoden der Aluminiumeintrag ins Meer deutlich senken.

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