Freitag, 22.10.2021
 
Seit 14:00 Uhr Nachrichten
StartseiteForschung aktuellTote Philippinen sogar in Evakuierungszentren28.08.2014

Mega-Taifun HaiyanTote Philippinen sogar in Evakuierungszentren

Katastrophenschutz. - Am 8. November 2013 tötete der Taifun Haiyan auf den Philippinen fast 10.000 Menschen, noch immer leben hunderttausende Bewohner in Notunterkünften. Die Opferzahl war anscheinend so hoch, weil die Gefährdungskarten nicht stimmten und die Alarmierung der Bevölkerung missverständlich war. Auf der 5. Internationalen Katastrophen und Risikokonferenz IDRC in Davos wurde diskutiert, wie Katastrophenmanagement verbessert werden kann.

Von Volker Mrasek

Umgeknickte Bäume: Zerstörung auf den Philippinen nach dem Taifun Haiyan. (picture alliance / dpa / Philippe De Poulpiquet)
Umgeknickte Bäume: Zerstörung auf den Philippinen nach dem Taifun Haiyan. (picture alliance / dpa / Philippe De Poulpiquet)
Weiterführende Information
(Deutschlandfunk, Corso, 08.07.2014)
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 05.06.2014)
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 21.02.2014)
(Deutschlandfunk, Aktuell, 18.11.2013)
(Deutschlandradio, Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts, 11.11.2013)
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 18.12.2013)

Die größten Verwüstungen richtete Haiyan in der philippinischen Küstenstadt Tacloban an. Genau dort hat die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ ein Büro. Der Taifun brachte das Dach zum Einsturz, das Gebäude lief voll Wasser. Doch von den zwei Dutzend Mitarbeitern kam niemand ernsthaft zu Schaden. Olaf Neussner, Technischer Experte für Katastrophenschutz, machte sich gleich daran, das Desaster vor der eigenen Haustür aufzuarbeiten ...

"Wir haben seit Jahren dort im Katastrophenvorsorge-Bereich gearbeitet. Und waren deshalb in einer guten Position, das zu beurteilen und zu dokumentieren, was da genau passiert ist."

Sturmflut wurde unterschätzt

Die Philippinen waren schon Tage im Voraus gewarnt, dass ihr Land in der Schneise von Haiyan liegen würde. Der Taifun hielt sich dann auch genau an den vorhergesagten Kurs. Doch mit Windgeschwindigkeiten bis zu 270 Kilometer pro Stunde war der Wirbelsturm extrem stark. Und die Sturmflut, die er an Land trug, wurde stark unterschätzt, wie Neussner jetzt auf der internationalen Konferenz für Katastrophenvorsorge in Davos schilderte:

"Von den Landkarten, die die Gefährdungsgebiete angegeben haben, zu dem, was wirklich stattgefunden hat, war ein riesengroßer Unterschied. Also, die Karten haben manchmal gesagt: 100 oder 200 Meter geht das Wasser vom Ufer aus. Aber es ist über einen Kilometer weit gegangen. Und das hat dann auch dazu geführt, dass einige Leute, die in Evakuierungszentren waren, die für sicher gehalten wurden, gestorben sind, weil diese Evakuierungszentren halt auch voll geflutet worden sind. Das ist natürlich ziemlich tragisch. Wenn man denkt, man ist in Sicherheit, und dann ist man's nicht!"

Stellenweise war die Sturmflut, die über die Küste bei Tacloban hereinbrach, bis zu fünf Meter hoch. Nach dem Bericht der GIZ forderte sie die mit Abstand meisten Todesopfer:

"Wir schätzen, dass etwa 95 Prozent durch die Sturmflut gestorben sind. Und fünf Prozent durch die hohen Windgeschwindigkeiten - also kollabierende Häuser, herumfliegende Teile, umstürzende Bäume und Ähnliches - gestorben sind."

Kommunikationspannen trieben Opferzahl in die Höhe

Olaf Neussner ist rückblickend überzeugt, dass die Zahl der Toten durch Haiyan nicht so hoch hätte ausfallen müssen:

"Die Sturmflut ist ja wirklich nur in einem sehr begrenzten Gebiet. Und wenn man halt aus diesem Gebiet rausgeht, ist man davor sicher. Das ist relativ klar. Das heißt, wenn die Evakuierung besser gegangen wäre, wäre die Zahl der Todesopfer wesentlich geringer gewesen. Es hätte dann vielleicht nur 500 bis 1000 Tote gegeben."

Es gab aber auch große Kommunikationsprobleme. Die Warnungen der philippinischen Behörden vor der Flut kamen bei der Bevölkerung offenbar nicht richtig an. Das erfuhr Tina Comes, als sie wenige Wochen nach dem Taifun vor Ort war. Sie ist Professorin am Zentrum für Integriertes Krisen- und Notfallmanagement der Universität von Agder in Süd-Norwegen:

"Es wurde ganz viel gesprochen von 'storm surge'. Was auf eine Überflutung hindeutet, aber interpretiert wurde als Wind und Windgefahr. Hat dann dazu geführt, daß Leute vor Wind Schutz gesucht haben, sich im Keller versteckt haben, und dann eben durch die Fluten getroffen wurden. Und dadurch umgekommen sind."

Inzwischen hat die Regierung der Philippinen Programme für ein besseres Risiko-Management aufgelegt. Um in Zukunft Fehler zu vermeiden, wie sie im Fall von Haiyan gemacht wurden. GIZ-Experte Neussner begleitet das Vorhaben:

Überarbeitete Pläne liegen vor

"Mit Landnutzungsplanung, dass nicht so viele Leute so nahe am Ufer wohnen. Dass man die Evakuierungszentren weiter zurückverlegt. Dass man genau ausweist: Wo sind Evakuierungsrouten? Und da arbeitet die GIZ im Moment auch mit, um da zu helfen, das in Zukunft besser zu machen."

Die GIZ hat bereits überarbeitete Flutrisiko-Karten für Tacloban vorgelegt. Das könne aber nur ein erster Schritt sein, wie Olaf Neussner betont:

"Die Philippinen haben sehr viel Küste. 30.000 Kilometer. Und natürlich möchte man nicht nur in diesem kleinen Gebiet, wo's passiert ist jetzt, wissen, wie es sein kann, sondern auch in anderen Gebieten. Das heißt, man muss Computermodelle entwickeln, mit denen man das dann an anderen Stellen simulieren kann. Dass man überall die Evakuierungszentren zurückverlegt und so weiter. Und das ist natürlich eine große Aufgabe bei so viel Küste."

Die Philippinen bleiben auch weiterhin eine Hoch-Risikozone. Wobei sich ein Wirbelsturm wie Haiyan eigentlich nicht so schnell wiederholen sollte. Statistisch ist mit Taifunen dieser Stärke nur alle 200 Jahre zu rechnen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk