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StartseiteCorsoWien ist Pop16.09.2017

Mehr als Wanda und BilderbuchWien ist Pop

Sie heißen "Strohkoffer", "U4" und "rhiz": Das Wien Museum führt in einer neuen Schau zu den Hotspots aus sechs Jahrzehnten Musikgeschichte. Es sind magische Orte von Protagonisten wie Helmut Qualtinger, Kruder & Dorfmeister und Wanda. "Wir machen keine Austro-Pop-Ausstellung", sagten die Kuratoren im Dlf.

Walter Gröbchen, Michaela Lindinger und Thomas Mießgang im Corsogespräch mit Fabian Elsäßer

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Fabian Elsäßer: "Ganz Wien" heißt eine herrlich überdrehte Nummer des frühen Falko, in der koks-selige Dekadenz gefeiert wird. "Ganz Wien" ist aber auch der Titel einer Ausstellung, die gerade im Wien Museum am Karlsplatz eröffnet worden ist - Untertitel: Eine Pop-Tour. Zu sehen gibt es Videos, Flyer, Konzertfotos, Instrumente, Bühnengarderobe, Plattencover und Archivmaterial und an 40 Audiostationen noch eine ganze Menge zu hören. Zusammengestellt haben diese Ausstellung Walter Gröbchen, Journalist, Musikverleger, Blogger und Autor, die Kuratorin Michaela Lindinger sowie der Kurator und Publizist Thomas Mießgang. Und alle drei – das haben wir auch nicht jeden Tag – haben sich für uns in ein Studio des ORF in Wien begeben. Willkommen zum Corsogespräch!

Walter Gröbchen: Guten Tag.

Thomas Mießgang: Schönen Gruß aus Wien.

Michaela Lindinger: Ja, schönen guten Tag aus Wien.

Elsäßer: Ich fange mal an mit Herrn Gröbchen und Herrn Mießgang, Sie haben vor vier Jahren nämlich ein Buch herausgegeben, zusammen mit Florian Obkircher und Gerhard Stöger, das den Titel trug: "Wienpop: Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte erzählt von 130 Protagonisten". Ist das hier jetzt die Ausstellung zum Buch?

Gröbchen: Das ist nicht die Ausstellung zum Buch, weil das Buch sehr stark über individuelle Biografien erzählt wurde. Also es war eine Art "Oral History". Die Ausstellung dagegen geht von Orten aus, von magischen Orten, die in der Produktion der Wiener Popkultur im Verlaufe aufeinanderfolgender Jahrzehnte wichtig waren. Insofern ist der Ansatzpunkt ein völlig anderer. Dass es dann immer wieder Schnittstellen zwischen diesen beiden Projekten gibt, liegt ja auf der Hand.

"Wir haben nicht nur Hipsterklubs genommen"

Elsäßer: Ja, Konzentration auf magische Orte. Welche gibt es denn da? Oder welche sind besonders magisch?

Mießgang: Naja, die Ausstellung beginnt nach dem Krieg an jenen Orten, also wir haben exemplarisch herausgegriffen den "Strohkoffer". Das war ein Künstlerlokal, ein sehr kleines, wo die Nachkriegs-Jazzszene verkehrt hat und sich gleichzeitig durchmischt hat mit der damaligen Avantgarde der bildenden Kunst und so weiter. Da war der Hotspot des Nachkriegs-Wiens zu finden. Der letzte Ort ist dann ein fiktiver Brennpunkt des heutigen Wien: Nämlich der Karlsplatz, dort, wo auch das Wien Museum steht. Dieser Karlsplatz ist auch ein alljährlicher Ort des Popfests Wien, wo so eine Art Leistungsschau, ein Überblick über die Wiener Szene geboten wird.

Gröbchen: Man muss dazu auch sagen: Wir haben nicht nur Lokale genommen und solche Hipsterklubs oder dergleichen, natürlich diese auch, aber wir haben ein paar Orte genommen, die ganz anders sind. Zum Beispiel das Haus, in dem wir jetzt sitzen, das Funkhaus Wien, das in den späten 60er-Jahren, als der Jugendsender "Ö3" gegründet wurde, ganz, ganz bedeutend war in der Produktion von lokaler österreichischer Musik und eben einer als österreichisch identifizierbaren Musik, die nämlich im Dialekt gesungen wurde. Aber darüber hinaus haben wir in den 90er-Jahren zum Beispiel Rechnung getragen dem Phänomen des Bedroom-Producers, also das Duo Kruder & Dorfmeister, das in der Grundsteingasse ein Studio betrieben hat und dort ihre Tracks aufgenommen hat. Drum heißt das auch …

Mießgang: …Eigentlich sogar zwei Studios, Grundsteingasse und Goldeckgasse.

Gröbchen: Und das Wesentliche war eben, dass diese Produktionsorte eigentlich private Orte waren, von denen aus quasi …

Elsäßer: …Deswegen Bedroom?

Mießgang: Ja.

Gröbchen: Ja, genau das. Also das heißt, die Orte sind unterschiedlich gewählt und haben unterschiedliche Funktionen im Weichbild der Stadt. Und es sind auch wenige Orte, weil wir haben leider beschränkte Ausstellungsfläche. Abgesehen davon: Mehr Orte würden die Ausstellung nicht besser machen und wir haben jetzt nach langer Diskussion eben 11 Orte definiert, an denen wir versuchen, diese Geschichte aufzuhängen.

Lindinger: Ich sage vielleicht noch dazu: Die Ausstellung geht ganz bewusst bis in die Gegenwart herein und es ist immer pro Jahrzehnt ein Kristallisationspunkt, ein Ort ausgewählt worden, aber der auch natürlich in die Jahre davor und danach vom Beginn dieses Jahrzehnts hinaus- oder hineinreicht.

"Halbwilde", "Nichtsnutze" und "Tagediebe"

Elsäßer: Wobei der "Strohkoffer" ja wahrscheinlich nichts mit Rock'n'Roll oder so zu tun hatte.

Lindinger: Naja, der "Strohkoffer" ist als Prolog gedacht, es ist eine Einstiegssituation in die Ausstellung und behandelt sozusagen die Popmusik vor der Popmusik, ja? Also es gibt da Songs, die bereits heute natürlich wie Popsongs und auch damals als solche wahrgenommen worden sind …

Elsäßer: … "Der Halbwilde" …

Lindinger: …obwohl es das Wort Popsong da noch nicht gab.

Wir haben noch länger mit Walter Gröbchen, Michaela Lindinger und Thomas Mießgang gesprochen - Hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Gröbchen: Das Interessante – und darum haben wir das gemacht – ist, dass Helmut Qualtinger, der ja allgemein im deutschsprachigen Raum als Kabarettist bekannt ist, auch viele Songs aufgenommen hat, die, zumindest in Österreich, richtige Hits waren, also "Der Gschupfte Ferdl", "Der Halbwilde" oder der "Bundesbahnblues". Und meine Vorstellung war eigentlich immer die, dass der Qualtinger so eine Art karikaturhaft, aber doch empathisch mit der Jugendkultur sympathisierende Kunstfigur war. Bei genauerer Recherche sind wir aber drauf gekommen: Diese ganze Cabaret-Truppe, also Gerhard Bronner, der die ganzen Songs geschrieben hat, die waren extrem kritisch gegenüber der damaligen Jugendkultur, haben diese Jugendkultur eigentlich verachtet und geglaubt, die sind Nichtsnutze und Tagediebe, gegen die Schmutz- und Schundkampagnen entworfen wurden. Das heißt: Diese Prähistorie des Rock'n'Roll ist eigentlich eine, die sich auf parodistisch-kritische Weise auseinandersetzt und zu einem Zeitpunkt stattfindet, als der Rock'n'Roll in Österreich überhaupt noch nicht stattgefunden hat. Das war nämlich erst in den späten 50er-Jahren.

"Es war kaum möglich, in den 70er-Jahren nicht in Wien zu sein"

Elsäßer: Frau Lindinger, Herr Gröbchen hat von einem österreichischen Popsound gesprochen. Die Frage sei mir als Piefke, also BRD-Deutschem, mal erlaubt: Ist Austro- oder österreichischer Pop gleich Wiener Pop und andersrum? Denn, ich sage mal zum Beispiel Bilderbuch, die kommen ja aus Kremsmünster in Oberösterreich. Wilfried, der ja leider vor wenigen Wochen gestorben ist, Wilfried Scheutz kam, glaube ich, auch … nageln Sie mich nicht fest …

Lindinger: …Aus der Steiermark …

Elsäßer: …Aus der Steiermark, genau.

Lindinger: Ja, also wir gehen halt davon aus, also bei Bilderbuch zum Beispiel und das sehe ich auch beim Wilfried, dass die halt ihren künstlerischen Zentrumspunkt schon in Wien hatten. Es war kaum möglich in den 70er- oder 80er-Jahren, wo der Wilfried zum Beispiel groß geworden ist, jetzt nicht in Wien zu sein. Der hat in Wien Filme gedreht, der hat in Wien aufgenommen, ja, wie gesagt, Bilderbuch, das stimmt natürlich, die sind aus Oberösterreich. Und auch da wurde lang diskutiert im Vorhinein: Sollen wir die jetzt reinnehmen oder nicht? Aber auf der anderen Seite: Bilderbuch steht ja doch für ein Phänomen der jetzigen österreichischen Popmusik, die auch weit über unsere Grenzen hinaus wahrgenommen wird und deswegen haben wir natürlich gesagt, ja, klar muss Bilderbuch in der einen oder anderen Weise in der Ausstellung vertreten sein. Auch Wanda und auch der Nino aus Wien kommen in der einen oder anderen Form in der Ausstellung natürlich vor. Wanda kommen sogar relativ groß vor, weil sie, als sie noch nicht so bekannt waren, in einem Lokal öfter aufgetreten sind, das in der Ausstellung sehr wichtig ist. Das ist das "rhiz". Das "rhiz" ist eigentlich eher als Elektroniklokal bekannt, aber trotzdem haben auch die Wanda dort, die ja eher Rock'n'Roll-lastig spielen dort in der Zeit, wie gesagt, als sie noch nicht so berühmt waren öfters, sogar zweimal Konzerte gespielt.

Und was jetzt die österreichische Musik betrifft: Abgesehen von den Orten haben wir noch einen weiteren wichtigen Erzählstrang in der Ausstellung - und das ist der Umgang mit Sprache. Also zum Beispiel im "Strohkoffer" hat auch bereits die … oder haben einige Komponenten der Wiener Gruppe verkehrt. Das sind Schriftsteller und Autoren, deren Texte dann später, vor allem in den 60er- und 70er-Jahren, durch Vertonungen verschiedener Bands, wie zum Beispiel der Worried Men Skiffle Group, sehr bekannt geworden sind.

"Austro-Pop ist nur eine Phase der österreichischen Populärmusikgeschichte"

Elsäßer: Von denen Wanda-Sänger Marco Michael Fitzthum ja ein bekennender Fan ist. Da schließt sich der Kreis.

Lindinger: Genau.

Elsäßer: Das heißt, wird Pop, Rock aus Österreich, ich vermeide jetzt das Wort Austro-Pop, denn ich glaube, da haben Sie schon gezuckt, ne?

Lindinger: Ein bisschen.

Elsäßer: Wird diese Marke durch die Ausstellung jetzt schon museal?

Gröbchen: Dieser Aspekt der Musealisierung wird ja immer wieder erwähnt im Zusammenhang mit Popmusik und Popkultur, dass das eine Sache ist, die aus dem Hier und Jetzt stammt und die in der Luft verpufft und dann verschwindet, so wie die eigene Jugend leider auch verschwindet und aus diesem Grund nicht darstellbar und ausstellbar ist. Also ich halte das eigentlich für einen Quatsch, ehrlich gesagt, diese Theorie. Und ich sehe eher Parallelen, zum Beispiel zu Fluxus. Fluxus, das war Kunst, die auf Zerstörung gerichtet war, auf Selbstzerstörung, die sich oft im Performativen erschöpft hat, die überhaupt kein materielles Substrat hinterlassen hat, wird ausstellbar gemacht post festum. Und die Popmusik hat im Gegensatz dazu jede Menge visuelle Substrate hinterlassen, zum Beispiel die stinkende Lederjacke von Marco Michael Fitzthum, die, allerdings geruchsbefreit unter einem Glassturz, auch zu sehen sein wird in der Ausstellung.

Mießgang: Und vielleicht, wenn Sie mir gestatten, noch ein kurzes Wort zu diesem Austro-Pop: So sehr man es auch zu vermeiden versucht, dieses Stichwort oder diese Chiffre Austro-Pop, aber es taucht natürlich auf. Auch in der Reaktion oder vorauseilenden Reaktion von Leuten, die dann sagen: "Ach so, Ihr macht hier eine Austro-Pop-Show oder Austro-Pop-Schau oder Austro-Pop-Ausstellung." Nein, machen wir nicht. Wir machen keine Austro-Pop-Ausstellung, sondern wir zeigen, dass Austro-Pop eigentlich nur eine historische Phase der österreichischen Populärmusikgeschichte ist, die sozusagen bestimmte Insignien hatte, die sich vor allem auch auf die Sprache beziehen. Also der Dialekt, ja, diese Dialektwelle ist eigentlich sozusagen die Hochblüte und der eigentliche Austro-Pop. Dieses Verallgemeinern, dass alles, was aus Österreich kommt unter die "file under Austro-Pop", also unter dieses Signee gestellt wird, ist natürlich grundfalsch.

Elsäßer: Wie steht es denn eigentlich aktuell um die Wiener Szene? Wo wir ja jetzt auch über Orte gesprochen haben, um die es in Ihrer Ausstellung geht. Es gibt ja auch Locations, die stark unter kommerziellem Druck stehen, manche sprechen auch von einer "Ausdünnung" zum Beispiel der Klubszene. Haben Musiker in Wien noch diese Schutz- und Zwischenräume, die damals sicherlich auch die Entwicklung von Popkultur befördert haben?

Gröbchen: Es gibt Klubs oder Orte wie sie früher definierend waren, also dass bestimmte Szenen sich um bestimmte Klubs wie "U4", "Bluebox" oder, in späteren Jahren dann "Chelsea" und "rhiz" gruppiert haben, gibt es in der Form weniger. Es gibt schon aktuelle Klubs auch, also "Fluc" ist immer noch ein beliebter Klub, "Die grelle Forelle", auch das "Flex" ist nach wie vor beliebt. Also es gibt nach wie vor eine Infrastruktur. Nur, unsere Erfahrung bei der Ausstellung war, dass wahrscheinlich so eine topografische Auflistung eines Milieus in Zukunft wahrscheinlich gar nicht mehr möglich sein wird, weil die Musiker disloziert arbeiten. Die arbeiten mehr oder weniger eher im Netz oder mit Filesharing oder auch projektorientiert. Es gibt, also Wanda und Bilderbuch sind ja eher noch Auslaufmodelle oder Old-School-Modelle, so die traditionelle Bubenband, die halt dann auf Tour geht und so weiter, während viele andere – vor allem muss man sagen: interessante – junge Frauen wie Mira Lu Kovacs und so weiter, die arbeitet dann an drei, vier, fünf Projekten parallel. Oder Maria Osolnik. Und die lassen sich auch nicht mehr rückbinden an bestimmte Orte. Also meiner Meinung nach ist diese Vorstellung, dass Orte die wesentlichen Kristallisationspunkte von Musik sein werden -  das ist dann eher das Netz oder die Cloud oder irgendwas Virtuelles, in dem sich das in Zukunft abspielen wird.  

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