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StartseiteForschung aktuellMehr Aufmerksamkeit für Tropenkrankheiten14.12.2012

Mehr Aufmerksamkeit für Tropenkrankheiten

Medikamentenentwicklung muss forciert werden

Medizin. - Das Dengue-Fieber, die Flussblindheit oder die Leishmaniose sind drei Krankheiten, die zu den sogenannten vernachlässigten Erkrankungen gehören. Für die Pharmaindustrie rechnet sich die Medikamentenentwicklung bei diesen Krankheiten nicht. Ein neuer Bericht, der heute in New York vorgestellt wurde, fordert größere Anstrengungen auf diesem Gebiet. Die Wissenschaftsjournalistin Franziska Badenschier berichtet im Gespräch mit Arndt Reuning.

Franziska Badenschier im Gespräch mit Arndt Reuning

In den Tropen gibt es viele sogenannten vernachlässigte Krankheiten. (AP)
In den Tropen gibt es viele sogenannten vernachlässigte Krankheiten. (AP)
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Reuning: Wie steht es laut dieser Studie um die vernachlässigten Tropenkrankheiten?

Badenschier: Es steht nach wie vor schlecht. Das liegt daran, dass zu wenige Medikamente neu entwickelt werden, um die Menschen vor Ort in den Tropen mit diesen vernachlässigten Krankheiten wirklich zu helfen. Vielleicht ein paar Zahlen aus der Studie: Es wurde untersucht zwischen 2000 und 2011, wie viele Medikamente wirklich neu zugelassen wurden. Das waren 756 an der Zahl.

Reuning: Insgesamt?

Badenschier: Insgesamt. Und die wirklich beachtliche Zahl ist, dass nicht einmal vier Prozent von diesen Medikamenten geeignet sind, um tropische Krankheiten zu behandeln. Es ist aber so, dass diese vernachlässigten tropischen Krankheiten für fast elf Prozent aller Krankheit Fälle weltweit verantwortlich sind. Eine weitere wichtige Zahl ist: dass nur vier Medikamente oder vier neue Wirkstoffe von 336 neuen Wirkstoffen für Tropenkrankheiten zugelassen wurden. Drei davon sogar für Malaria. Für die anderen vernachlässigten Krankheiten gibt es einfach nichts Neues.

Reuning: Das heißt also, die vernachlässigten Krankheiten bleiben eben genau das: vernachlässigt?

Badenschier: Genau. Im großen und ganzen schon. Ein Beispiel ist die Chagas-Krankheit, die Erreger werden von Wanzen übertragen, die Menschen leiden sehr lange darunter und sterben vor allem an Herzversagen. Es heißt, dass zehn Millionen Menschen davon infiziert sind, dass jährlich 1040 Menschen an dieser Krankheit sterben. Und es gibt nur zwei Medikamente, und die sind wiederum schon länger als 35 Jahre auf dem Markt und nicht einmal speziell für diese Chagas-Krankheit entwickelt worden. Es ist halt so: Diese neue Medikament müssen gleich nach der Infektion gegeben werden, weil sie sonst kaum noch wirksam sind. Deswegen sind neue Medikamente nötig. Was vielleicht ein bisschen positiv stimmt, ist, dass der Anteil der Medikamente für Tropenkrankheiten an allen neu zugelassenen Medikamenten sich verdreifacht hat. Es gab nämlich mal eine ähnliche Analyse, die 2001 veröffentlicht wurde. Und da waren es seinerzeit ein Prozent ungefähr von den neu zugelassenen Medikamenten, die für Tropenkrankheiten geeignet waren. Jetzt sind es halt 3,8 Prozent.

Reuning: Ein moderater Anstieg also auf niedrigem Niveau. Woher kommt der? Doch wohl eher nicht von der Pharmaindustrie oder?

Badenschier: Nein, also für die Pharmaindustrie ist das finanziell einfach überhaupt nicht attraktiv. Wirkstoffe zu entwickeln ist sehr teuer, auch weiterzuentwickeln kostet Geld. Und die Menschen mit diesen vernachlässigten Krankheiten sind in der Regel arm. Das heißt, die haben gar nicht das Geld, um diese Medikamente zu bezahlen. Das ist unter Umständen ein ganzes Jahreseinkommen, da bleibt zu wenig Gewinn für die Pharmaindustrie übrig. Und deswegen sieht man, dass das Engagement vor allen Dingen abseits der Pharmaindustrie einfach aufkeimt. Es gibt zum Beispiel eine neue Initiative, die sich speziell für Medikamente gegen diese vernachlässigten Krankheiten einsetzt, gegen Chagas, gegen Schlafkrankheit und andere. Auch Ärzte ohne Grenzen ist aktiv, die versuchen zum Beispiel bestehende Medikamente, wo das Patent noch nicht abgelaufen ist, trotzdem preisgünstig in die Tropen zu bringen. Und sogar die Bundesregierung gibt mittlerweile fünf Millionen Euro aus, indem sie drei verschiedene Produktentwicklungspartnerschaften fördert.

Reuning: Was fordern denn diese Wissenschaftler, die diesen Bericht in New York vorgestellt haben? Wie soll es weitergehen?

Badenschier: Sie fordern: Wer wirklich Geld und wer auch das Wissen und die Möglichkeiten hat neue Medikamente zu entwickeln, der soll das tun. Und was aber in diesem Bericht leider nicht so rauskommt ist, mit neuen Medikamenten meinen sie gar nicht so sehr komplett neue Wirkstoffe zu entwickeln. Es würde oft schon reichen, einfach ein Medikament, das existiert, hitzestabiler zu machen. Eine Infusion oder eine Spritze eher in eine Tablettenform zu übertragen. Oder eine Therapiedauer zu verkürzen, also dass man weniger dosieren muss. Das würde schon sehr viel bringen. Und vielleicht noch eine wichtige Zahl: dass sich die Anstrengung wirklich lohnt, das zeigt sich zum Beispiel daran: Die Weltgesundheitsorganisation hat zum Beispiel jetzt von diesen neuen Medikamenten, die gegen Tropenkrankheiten helfen, jedes zweite auf ihre Liste der unentbehrlichen Medikamente gesetzt. Und von all diesen anderen vielen Medikamenten, die neu zugelassen wurden im Untersuchungszeitraum, war es gerade mal jedes 20..

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