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StartseiteUmwelt und VerbraucherMehr billigen Ökostrom16.10.2013

Mehr billigen Ökostrom

Experte warnt vor Rückschritten bei Energiewende

Der Ausbau erneuerbarer Energien sollte vom Staat stärker finanziert werden, fordert Holger Krawinkel, Energieexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Schließlich seien Atom- und Kohletechnologie auch aus dem Staatshaushalt gefördert worden.

Holger Krawinkel im Gespräch mit Jule Reimer

Greenpeace Aktivisten hängen Banner auf: "Wer die Energiewende will, muss auch dafür zahlen" (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
Greenpeace Aktivisten hängen Banner auf: "Wer die Energiewende will, muss auch dafür zahlen" (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Jule Reimer: Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Um knapp einen Cent - nämlich auf 6,24 Cent - steigt die Umlage, die Otto Normalverbraucher ab 2014 auf jede Kilowattstunde Stromverbrauch zahlt, um den Ausbau der erneuerbaren Energien zu finanzieren. Doch nicht genug: In den nächsten Tagen wird bekannt gegeben, um wie viel die Kosten für die Netznutzung steigen – auch dies ein Bestandteil des Strompreises, der die Kosten treibt.

Am Telefon bin ich mit Holger Krawinkel, Energieexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) in Berlin verbunden. Herr Krawinkel, wie lautet Ihre Schätzung, um wie viel werden die Netzentgelte steigen?

Holger Krawinkel: Das ist schwer vorauszusehen, weil es ganz viele Faktoren gibt. Da gibt es die Offshore-Umlage, es gibt die Netzentgelt-Befreiung für die energieintensive Industrie und natürlich gibt es Kosten für den Ausbau des Netzes. Das wird sich auch noch im Zehntelcent-Bereich bewegen und das kommt dann noch obendrauf.

Reimer: Da haben Sie jetzt eine ganze Menge aufgezählt. Sie sagen, auch diesen Kostenanstieg muss man in den Griff bekommen, genauso wie bei der EEG-Umlage. Dass wir neue Stromnetze brauchen, beziehungsweise dass die alten aufgerüstet werden, kann ja keiner bestreiten. Also wo ansetzen mit einer Reform?

Krawinkel: Bei Netzentgelten ist es eigentlich relativ einfach. Wir haben tausend Netzbetreiber, knapp tausend Netzbetreiber. Da sind natürlich noch sehr viele Effizienzen zu heben, wenn sich diese Unternehmen stärker zusammenschließen würden. Da gibt es zu wenig Druck aus der Regulierung. Dann ist natürlich nicht jeder Ausbau wirklich erforderlich. Alleine der Ausbau der Offshore-Netze in Nord- und Ostsee würden knapp 40 Milliarden Euro kosten. Das heißt, da würden die Netzentgelte auch noch mal dramatisch ansteigen. Und da komme ich auch schon auf das EEG selbst. Da haben wir letztendlich auch zwei Probleme. Es sind die Altlasten, über 20 Milliarden inzwischen. Da sind viele Technologie-Entwicklungskosten dabei. Die gehören wie bei anderen Technologien im Energiebereich auch in den Staatshaushalt. Atomtechnologie, Kohletechnologie, das ist alles aus dem Staatshaushalt gefördert worden. Nur bei den Erneuerbaren muss es der Stromkunde direkt zahlen. Das wäre durchaus möglich, wenn ich entsprechende Fonds auflegen würde, die dann zumindest erst mal aus dem Haushalt zwischenfinanziert würden. Man kann sich dann überlegen, inwieweit die Nutznießer der Energiewende da ein Stück weit zur Zahlung herangezogen werden.

Strommast (von unten hoch fotografiert) (Jan-Martin Altgeld)Umbau der Infrastruktur kostet Milliarden Euro. (Jan-Martin Altgeld) Reimer: Stichwort Netzentgelte. Ich speise meinen Strom ein, ich habe eine Solaranlage auf dem Dach, ich kann einspeisen, dann kann ich ihn gut verkaufen, ich kann ihn aber auch selber nutzen. Würden Sie die Solaranlagen-Betreiber bei den Netzentgelten stärker herannehmen wollen, denn das zahlt man ja alles über den Strompreis selber?

Krawinkel: Genau. Bei der Eigenerzeugung ist natürlich folgendes Problem, dass ich die Netzentgelte zurzeit noch nach den verbrauchten Kilowattstunden bezahle. Das heißt, wenn ich selber erzeuge, verbrauche ich weniger, ziehe weniger aus dem Netz. Das Netz kostet aber natürlich genauso viel wie vorher. Das heißt, alle anderen müssen dann die ausgefallenen Gebührenentgelte zahlen. Deswegen sagen wir, da wollen wir eine Flatrate, eine leistungsbezogene Abrechnung. Das heißt, die Höchstlast bestimmt das Netzentgelt, und dann nützt es wenig, viel eigen zu erzeugen, wenn im Winter die Sonne nicht scheint und ich trotzdem meinen ganzen Strom für den Weihnachtsbraten dann aus dem Netz beziehen muss. Das wird ja für die Industrie teilweise schon gemacht und das wäre eine Reform, die schnell umzusetzen wäre und natürlich auch für mehr Kostenklarheit sowohl bei den Eigennutzern wie natürlich auch bei allen anderen Kunden sorgen würde.

Reimer: Würden Sie entsprechend auch mit den Unternehmen umgehen, denn es gibt ja mittlerweile eine ganze Menge Unternehmen, die ihren Strom selber erzeugen. Da heißt es auch, dass so manches Großunternehmen ein altes Kohlekraftwerk dazu nutzt, weil es sich dann letztendlich mehr lohnt, aber nicht besonders klimafreundlich ist.

Krawinkel: Ja natürlich! Wir haben einen Großteil der Eigenerzeugung, die von der EEG-Umlage befreit ist. Das muss natürlich auch geregelt werden. Bei Netzentgelten selbst, glaube ich, müssen wir durchgängig ein System fordern, das letztendlich verursachergerecht ist, und da kommen natürlich auch alle diese Ausnahmen noch mal auf den Tisch. Wenn sich jemand tatsächlich im Netz dienlich verhält, also die Netzbelastung reduziert, kann der natürlich auch eine Ermäßigung bekommen, aber das muss im Einzelfall dann auch klar bewiesen werden. Was wir da im Moment haben, diese Netzentgeltbefreiung, das ist ja wirklich ein Stück mehr Industriepolitik. Das geht natürlich dann nicht mehr.

Reimer: Ganz kurze Antwort erbeten. Würden Sie die Energiewende angesichts dieser Kosten, die da wirklich sich für die Verbraucher auftürmen, gerne ein Stück wieder zurückdrehen? Vielleicht doch ein bisschen mehr billige Braunkohle?

Krawinkel: Nein. Vor allen Dingen billige erneuerbare Energien: Wind an Land. Große Solarflächen-Anlagen sind heute etwa genauso teuer, wenn nicht sogar billiger, als ein neues Kohlekraftwerk oder ein neues Gaskraftwerk. Wir haben ein Übergangsproblem, aber ich denke, man muss es einfach effizienter managen. Diese vielen Ausnahmen sind ja nur deswegen notwendig geworden für die Industrie, weil die Technologiekosten auf die Strompreise niedergeschlagen wurden. Das muss raus und das wird wahrscheinlich auch raus kommen, spätestens wenn die EU sagt, das ist eine unzulässige Beihilfe. Da muss der Staatshaushalt stärker finanzieren. Das gilt auch für neue Technologien wie Offshore. Wenn ich das mache und die Effizienzen aus dem Netz raushebe, also 40 Netzbetreiber statt tausend, dann bin ich da schon einen ganzen Schritt weiter. Aber da geht es auch an Besitzstände.

Reimer: Vielen Dank! – Das war Holger Krawinkel, Energieexperte beim Verbraucherzentralen Bundesverband (VZBV).

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