Donnerstag, 13.08.2020
 
Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteForschung aktuellRKI-Präsident: "Die Entwicklung macht uns große Sorgen"28.07.2020

Mehr COVID-19-Fälle in DeutschlandRKI-Präsident: "Die Entwicklung macht uns große Sorgen"

Bislang ist Deutschland relativ gut durch die Corona-Pandemie gekommen. Die erste Infektionswelle wurde eingedämmt, die Zahl der täglichen Neuinfektionen sank auf einige hundert. Seit einigen Tagen steigen die Fallzahlen aber so stark, dass man beim Robert Koch-Institut eine Trendwende befürchtet.

Von Volkart Wildermuth

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler. Er sitzt wähhrend einer Pressekonferenz an einem Tisch, spricht und gestikultiert. (Christian Mang/POOL reuters/dpa)
Professor Lothar Wieler, der Präsident des Robert Koch-Instituts, bei einer Pressekonferenz zur aktuellen Corona-Situation in Deutschland. (Christian Mang/POOL reuters/dpa)
Mehr zum Thema

Deutschland und COVID-19 Derzeit nur ein kurzes Luftholen

Corona-Ausbruch bei Tönnies "Das war ein Superspreading-Event"

Statistiker zu COVID-19 "Viele Faktoren haben wir noch nicht einmal ansatzweise verstanden"

Die offiziellen COVID-19-Zahlen schwanken von Tag zu Tag. Am vergangenen Freitag und Samstag lagen sie aber mit je rund 800 Infektionen besonders hoch. Am Sonntag und Montag sanken sie wieder auf gut 300 Fälle pro Tag, weil am Wochenende einfach weniger getestet wird. Ob sich der Trend nach oben fortsetzt, konnte sich erst am heutigen Dienstag zeigen. Mit entsprechender Spannung war die Pressekonferenz des Robert-Koch-Instituts erwartet worden.  Tatsächlich registrierte das RKI nun 633 neue Infektionen, nicht ganz so viele wie Ende vergangener Woche, aber eben doch deutlich mehr als Anfang Juli. Ulrike Rexroth, die zum Leitungsteam des Corona-Krisenstabs im RKI gehört, beobachtet diese Entwicklung mit Sorge: "Die Fallzahlen können auch wirklich schnell wieder ansteigen, das sehen wir an den anderen Ländern."

Ausbreitung in der Fläche gibt Grund zur Sorge

Für besonders problematisch hält Ulrike Rexroth, dass der Anstieg nicht auf einen einzelnen großen Ausbruch zurückzuführen ist, sondern praktisch flächendeckend stattfindet: "Es sind Familienfeiern, Hochzeiten, Treffen mit Freunden, aber auch Ausbrüche am Arbeitsplatz, in Gemeinschaftsunterkünften. Das sind leider auch Pflegeeinrichtungen, das sind Altenheime und Einrichtungen des Gesundheitswesens, wo wir natürlich besonders viel Sorge haben, weil man da leider auch besonders viele schwere Verläufe erwarten muss."

"Das Virus nutzt jede Chance, die es erhält"

Allerdings sind diese Ausbrüche noch begrenzt, sie lassen sich einhegen. Noch sei das Virus nicht ganz breit in der Bevölkerung aktiv, sagte RKI-Präsident Professor Lothar Wieler bei der Pressekonferenz. Aber es nutze jede Chance, die es erhält: "Das alles geschieht nur, weil wir Menschen uns nicht mehr an diese Regeln halten. Und es ist einfach wirklich rücksichtslos und auch fahrlässig, wenn man wilde Partys feiert in irgendwelchen Großstädten und vielleicht zu Tausenden dort zusammen ist. Dann steigt die Chance, dass von diesen Quellen aus Infektionen verbreitet werden."

Junge Menschen sind weniger gefährdet. Aber sie tragen das Virus vielleicht in Familien, an Arbeitsplätze, in Heime, wo sich dann Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen anstecken könnten. Wobei klar ist: Die großen Partys vom Wochenende werden die Infektionszahlen frühestens in ein paar Tagen steigen lassen. Aktuell sind es weniger große Menschenansammlungen, die für Probleme sorgen, als die kleinen Veränderungen im Alltagsverhalten der Menschen.

Die Akzeptanz von Infektionsschutz-Maßnahmen sinkt

Um die Stimmung in der Bevölkerung zu erfassen, organisiert die Universität Erfurt gemeinsam mit dem RKI die repräsentativen Cosmo-Umfragen. Die aktuelle Erhebung belegt eine gewissen Ermüdung der Bundesbürger. "Die neuesten Ergebnisse zeigen, dass das Coronavirus von der Bevölkerung als ein geringeres Risiko angesehen wird als zuvor", erklärte Lothar Wieler. Auch die Akzeptanz von Maßnahmen wie der 'AHA'-Regel sei weiter gesunken. Dabei gehen die Erfolge bei der COVID-19-Bekämpfung ganz entscheidend auf diese ganz einfachen Regeln zurück: Händewaschen, Niesetikette, Abstand halten - und zwar drinnen und draußen. Und wo das nicht möglich ist: Mundnasenschutzmaske tragen und natürlich viel lüften.

"Diese Regeln werden wir noch monatelang einhalten müssen"

"Diese Regeln werden wir noch monatelang einhalten müssen", so Lothar Wieler: "Die müssen also der Standard sein. Die dürfen nie hinterfragt werden. Das sollten wir einfach so tun." Und zwar alle 83 Millionen Bundesbürger. Genauso wichtig ist natürlich, dass  Betriebe und öffentliche Institutionen eigene Hygienekonzepte entwickeln und auch umsetzen. Besonders gefragt dabei seien die Schulen, sagt Lothar Wieler:

"Die Schulen werden geöffnet und sie müssen auch geöffnet werden. Aber sie müssen geöffnet werden unter bestimmten Regeln. Es darf nicht dazu kommen, dass sich die Schüler in den Pausen und auf den Zuwegen zu sehr mischen. Es müssen Einheiten gebildet werden, die möglichst zusammenbleiben und sich nicht mit anderen Einheiten vermischen." Eine wichtige Hausaufgabe für die Lehrer und Schulleiterinnen in der Ferienzeit.

"Prävention ist besser als Reaktion"

Ob sich aus dem aktuellen Anstieg der Infektionszahlen eine zweite Welle entwickeln wird, steht noch nicht fest, meint Ulrike Rexroth vom RKI-Krisenstab: "Es liegt in unserer Hand, das zu vermeiden. Und hier ist Prävention in jedem Fall besser als Reaktion. Bei COVID-19 läuft man den Ausbrüchen auf jeden Fall hinterher und kann gar nicht - so eifrig man auch ist - schnell genug sein, um alle Fälle einzufangen und alle Kontakte zu ermitteln. Deshalb müssen wir alle gemeinsam weiterhin ganz stark auf Prävention achten."

Auch RKI-Präsident Lothar Wieler appelliert an die Vernunft der Bundesbürger und hofft auf ihre Einsicht: "Lassen sie uns erreichen, dass möglichst wenige Menschen erkranken und wir möglichst wenige durch das Virus verlieren. Das ist möglich. Gemeinsam können wir das erreichen. Und jeder einzelne kann viel dazu beitragen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk