Kommentare und Themen der Woche 11.05.2020

Mehr Fälle von KinderpornografieDas Interesse an Kinderschutz darf nicht sinkenVon Gudula Geuther

Beitrag hören Ein junges Mädchen steht am Ende eines dunklen Flures. (dpa / Nicolas Armer)Die Zahl der von der deutschen Polizei bearbeiteten Fälle von Kinderpornografie ist im vergangenen Jahr um 65 Prozent gestiegen (dpa / Nicolas Armer)

Die Erfolge im Kampf gegen Kinderpornografie dürften nicht über die Größe des Problems hinwegtäuschen, kommentiert Gudula Geuther. Denn unter den Tatverdächtigen steige der Anteil junger Menschen massiv an. Die Gefahr für Kinder im Internet sei so hoch wie nie.

Die meisten Straftaten gegen Kinder geschehen hinter verschlossenen Türen, fernab öffentlicher Wahrnehmung, warnte der Chef des Bundeskriminalamtes, Holger Münch. Und er mahnte, hinzuschauen. Wie nötig das ist und wie sehr sich das auszahlt, zeigt der aktuelle Bericht. Um nicht weniger als 65 Prozent sind die Fälle von Kinderpornographie gestiegen, die die Polizei an die Staatsanwaltschaft gegeben hat. All das sind reale Fälle, mit realen Opfern und Tatverdächtigen. Und doch verbirgt sich hinter den erschreckenden Zahlen neben viel Leid auch eine gute Nachricht.

Behörden haben technisch aufgerüstet

Denn was gestiegen ist, das sind nur die Weiterleitungen an die Anklagebehörden. Die gemeldeten Fallzahlen dagegen sind nicht gestiegen, im Gegenteil. Aber die Behörden, auch in den Ländern, haben aufgerüstet, technisch und personell, sie können Tatverdächtige besser ermitteln. Und solche Ermittlungen führen auch dazu, dass mehr sexueller Missbrauch aufgedeckt wird. Solche zusätzliche Aufmerksamkeit ist kein Selbstläufer.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, schimpfte die Politik heute kinderschutzfern, es sei schwer gewesen, ihr Erfolge im Kampf gegen sexuellen Missbrauch abzuringen. Teilweise ist die Frustration, die da heraus klingt, verständlich. Das gilt vor allem für den Versuch, im Nachhinein aufzuarbeiten. An runden Tischen duckten sich nicht nur Institutionen weg, sondern teilweise auch die Bundesländer. So beschämend das war und in Teilen immer noch ist - gerade angesichts der aktuellen Gesetzgebung ist der generelle Vorwurf nicht berechtigt. Da wäre das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das soziale Netzwerke verpflichtet, nach Beschwerden und erster Prüfung Verdachtsfälle an die Ermittler zu melden. Da wäre die immerhin sehr weitgehende Befugnis für Polizisten, sich mit synthetischem kinderpornographischem Material in Foren anzumelden, um als verdeckte Ermittler nicht aufzufallen.

Medienkompetenz und Aufklärung gefragt

Solche Schritte, auch die Erfolge, dürfen aber natürlich nicht über die Größe des Problems hinwegtäuschen. Und das hat viel mehr Ebenen als die der Ermittlungen. So steigt unter den Tatverdächtigen im Bereich der Kinderpornographie der Anteil an Jugendlichen und jungen Erwachsenen massiv an. Im BKA glaubt man, dass das keine Frage der pädophilen Neigung, sondern des bloßen Interesses ist. Hier ist massive Aufklärung, Nachhilfe in Medienkompetenz gefragt - und, wenn das geht, auch in Empathie. Schulen können das derzeit nicht leisten. Auch an anderer Stelle fehlt deren Hilfe in Sachen Medienkompetenz. Denn das BKA warnt: Die Gefahr für Kinder, im Internet von Pädophilen angesprochen zu werden, verleitet zu werden, Fotos zu schicken, ist derzeit so hoch wie nie. Und es stimmt ja: Viele Kinder nutzen, ohne groß zu wissen, was sie tun, ganz neue Internet-Tools, Chatfunktionen, Apps, deren Sicherheitseinstellungen niemand überprüft. Und wer einsam zu Hause sitzt, ist oft froh, dass ihm jemand zuhört, auch wenn sich hinter der vermeintlich Zehnjährigen ein Erwachsener verbirgt.

Hier hilft jetzt nur, dass die Eltern besser hinschauen. Nach der Krise, da hat der Missbrauchsbeauftragte recht, darf das Interesse am Kinderschutz nicht sinken, im Gegenteil. Auch wenn die öffentlichen Kassen dann leer sind.

(Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther (Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther, Jahrgang 1970, studierte Rechtswissenschaften in München und Madrid. Nach Abschluss des Referendariats berichtete sie vom Rechtsstandort Karlsruhe erst unter anderem für Reuters und die taz, dann für das Deutschlandradio. Nach kurzer Zeit als Deutschlandradio-Landeskorrespondentin in Hessen arbeitet sie heute als Korrespondentin für Rechts- und Innenpolitik im Deutschlandradio-Hauptstadtstudio.

Mehr zum Thema

Empfehlungen