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StartseiteEuropa heuteMehr Geld und Zeit für polnische Eltern13.06.2013

Mehr Geld und Zeit für polnische Eltern

Die Regierung will den demografischen Wandel aufhalten

Nicht nur die Deutschen werden immer älter. Auch in Polen ist der demografische Wandel nicht zu übersehen. Die Regierung dort will junge Paare nun mit Steuererleichterungen und einer Verlängerung der Elternzeit ermutigen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten viele Kinder zu bekommen.

Von Sabine Adler

Die Frauen in Polen bekommen im Schnitt 1,3 Kinder. Viel zu wenig, findet die Regierung.  (AP)
Die Frauen in Polen bekommen im Schnitt 1,3 Kinder. Viel zu wenig, findet die Regierung. (AP)
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Polens Bevölkerung schrumpft. Von jetzt über 38 Millionen bis zum Jahr 2050 auf 32 Millionen, mehr als 15 Prozent weniger Bürger. Die Polen haben heute schon nur noch halb so viele Kinder wie 1988, aber deutlich mehr Alte. Allerdings ist die größte Gruppe heute zwischen 25 und 30 Jahre alt, wenn jemand den Abwärtstrend aufhalten kann, dann die, die gerade jetzt Eltern werden könnten. Doch die scheuen vor dem Schritt, eine Familie zu gründen, zurück. Somit bekommen polnische Frauen wie in Deutschland viel zu wenige Kinder. Präsident Bronislaw Komorowski, dessen Beliebtheit unaufhörlich steigt, auch weil er auftritt wie ein fürsorglicher Landesvater, will mehr Kinder im Land.

"Das Problem besteht darin, ein System zu errichten, das die dramatische Entwicklung aufhält. Bei uns bekommt eine Frau durchschnittlich 1,3 Kinder, die Durchschnittseuropäerin aber 1,6 Kinder. Wenn wir den Rückgang der Einwohnerzahl aufhalten wollen, müssen es aber 2,1 Kinder sein.”"

Die Politik agiert in seltener Einmütigkeit. Mitte Juni tritt ein neues Gesetz in Kraft, das die Elternzeit verlängert. Der Präsident hat es soeben unterschrieben. Es wurde einstimmig vom Sejm beschlossen, ohne Enthaltung. Sämtliche Abgeordneten wollen frischgebackenen Müttern und Vätern finanziell länger unter die Arme greifen, wenn sie mit ihren Kleinsten zu Hause bleiben. Waren es vorher 20 Wochen, davon zwei für die Väter, so sind es jetzt 52 Wochen, also ein Jahr. Nehmen die Mütter nur 26 Wochen, bekommen sie 100 Prozent ihres Gehalts, bleiben sie oder die Väter ein ganzes Jahr zu Hause, gibt es 80 Prozent. Henryka Bochniarz, Chefin des polnischen Unternehmerverbandes Leviatan und im Vorstand des sogenannten polnischen Frauenkongresses, will verhindern, dass nur die Mütter und dann gleich für ein ganzes Jahr aussteigen.

"”Arbeitgeber können ihr Unternehmen anders vorbereiten können, wenn sie wissen, dass der Elternurlaub in einer längeren Zeitspanne und häppchenweise genommen werden kann, dass er nicht bedeutet, dass eine Frau für ein ganzes Jahr verschwindet. Deshalb finde ich den Vorschlag des Präsidenten gut, dass Eltern den Urlaub bis zur Einschulung nehmen können. Wir vom Frauenkongress haben außerdem dafür gekämpft, dass der Elternurlaub obligatorisch für Väter ist."

Die Regelung gilt für Eltern, deren Babys 2013 und später geboren sind. Die Regierung wollte den Elternurlaub erst ab März einführen, aufgrund massiver Proteste gilt er nun für alle, die in diesem Jahr Mama geworden sind oder Tata, wie der Papa in Polen heißt. Die Arbeitsmarkt-Expertin Monika Zakrzewska, selbst kurz vor der Entbindung, beobachtet widersprüchliche Entwicklungen. Zum Beispiel, dass Frauen in großen Unternehmen schon nach einem Monat oder sogar nach zwei Wochen nach der Geburt des Kindes an die Arbeit zurückkehren.

"Der Staat lässt sich den Elternurlaub etwas kosten. Aber wenn man auf die demografische Situation schaut, dann ist es tatsächlich so, dass schon ab 2015 Arbeitskräfte fehlen, denn es verlassen mehr Arbeitnehmer den Arbeitsmarkt als dass neue hinzukommen, somit ist diese Familienpolitik womöglich die letzte Chance, die Entwicklung aufzuhalten. Andererseits entscheiden sich Frauen gar nicht für Kinder, weil sie Angst haben, ihre Arbeit zu verlieren oder überhaupt welche zu finden."

Schuld ist auch die Politik, gesteht Präsident Komorowski ein. Denn die ist unzuverlässig, ändere sich zu schnell, zu grundlegend.

"Mal gab es Geld für jedes Neugeborene, mal wieder nicht. Es wurde vergleichsweise viel Geld ausgegeben, aber ohne Effekt. Jede Regierung kam mit einer Neuerung, die die alten Regelungen über den Haufen warf. Das Neue war der Feind des Guten."

Komorwoski kritisiert zudem Steuererleichterungen für Familien, die nur bei 30 Prozent der Eltern greifen, weil sie viel zu wenig verdienen. An dem polnischen Familienprogramm hat auch die EU Interesse, die dafür gesonderte Mittel bereitstellt.

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