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StartseiteKalenderblattMehr Künstler denn Wissenschaftler09.09.2006

Mehr Künstler denn Wissenschaftler

Der Psychoanalytiker Jacques Lacan inszenierte sich selbst

Als Jacques Lacan vor 25 Jahren in Paris starb, verlor die französische Psychoanalyse ihren einflussreichsten Vertreter. Seine Parole "Zurück zu Freud", die sich mit einer radikal antipositivistischen Freud-Lesart verband, beunruhigte die Gemüter nicht nur in Frankreich und bewirkte, das über Lacan und sein Werk bis heute höchst kontrovers debattiert wird.

Von Hans-Martin Lohmann

1981 starb Lacan in Paris. (Stock.XCHNG / chris gordon)
1981 starb Lacan in Paris. (Stock.XCHNG / chris gordon)

Jacques Lacan, 1901 in Paris geboren, schlug zunächst eine traditionelle medizinische Laufbahn mit psychiatrischem Schwerpunkt ein, bevor er in den Bannkreis der Psychoanalyse geriet. 1932 veröffentlichte er seine medizinische Dissertation "Über die paranoische Psychose in ihren Beziehungen zur Persönlichkeit" und wurde Mitglied der psychoanalytischen Gesellschaft von Paris. Interessant ist, dass Lacan bereits damals mit seinem Werk und seinen Ideen eher bei den Surrealisten Eindruck machte als bei seinen psychoanalytischen Kollegen - ein früher Hinweis vielleicht auf seinen späteren dissidenten Weg. Ein biografisches Indiz für Lacans Sonderweg innerhalb der Psychoanalyse mag auch seine Verbindung zum erotologischen Denken Georges Batailles sein, dessen Exfrau er in zweiter Ehe heiratete.

In den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts schlug Lacans Stunde, als er in radikaler Wende gegen den etablierten Freudianismus vor allem in den USA seine eigene Lesart Freuds begründete, nicht zuletzt in Anlehnung an die strukturale Linguistik, die er zur neuen Leitwissenschaft der Psychoanalyse erkor, so dass er Mitte der 60er Jahre neben Claude Lévi-Strauss, Roland Barthes, Michel Foucault und Louis Althusser zur Galionsfigur des Strukturalismus avancierte. Um suggestive Formulierungen war Lacan nicht verlegen:

"Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache."

"Die Sprache ist die Bedingung des Unbewussten."

"Das Unbewusste ist die Bedingung der Linguistik."

Lacans Biografin Elisabeth Roudinesco hat diesen Coup, der zugleich eine entschiedene Rückwendung zum Freudschen Originaltext signalisieren sollte, temperamentvoll charakterisiert:

"Jacques Lacan suchte die Pest, die Subversion und die Unordnung ins Innerste jenes gezähmten Freudianismus einzuführen, dessen Zeitgenosse er war: eines Freudianismus, der sich, nachdem er den Faschismus überlebt hatte, der Demokratie so sehr anzupassen gewusst hatte, dass die Gewalt seiner Ursprünge nicht mehr zu erkennen war."

Lacans Subversion der Psychoanalyse liegt darin, dass er jeden vordergründigen Gedanken an Heilung strikt zurückweist und die Sprache des Analytikers nicht als Instrument begreift, mit dessen Hilfe der Patient seine eigentlichen Wünsche zu verstehen lernt. Vielmehr ist Lacan zufolge die Sprache jener privilegierte Zugang zum Symbolischen, der eine Wahrheit des Subjekts eröffnet, die jenseits der Alternative Krankheit/Gesundheit angesiedelt ist. Demgemäß zielt die analytische Kur denn auch nicht auf Restitution und Wiedergutmachung, sondern auf den Spalt im Subjekt, das heißt auf den Abfall, den Rest, das Heterodoxe. Dass sich Lacan damit nicht nur Freunde, sondern vor allem Feinde machte, liegt auf der Hand. Die Geschichte der Ausgrenzung des Lacanismus aus dem offiziellen Diskurs der Psychoanalyse und aus deren Institutionen sowie die seiner internen Spaltungsbewegungen ist ein Kapitel für sich.

Allerdings hat es Lacan, der sich mit fortschreitendem Alter gern mit der Aura des Gurus umgab, seiner Mitwelt nicht leichtgemacht. Er, der sich auf vielen Wissensfeldern auszukennen behauptete, kultivierte einen esoterischen Gestus des Vortrags und des Schreibens, der auch den Gutwilligsten in Verzweiflung zu stürzen vermag. Insofern ist die Geschichte des Lacanismus auch eine der Missverständnisse, der Fehllektüren und des Scheiterns. Weil Lacan, vielleicht mehr Surrealist und Künstler denn Wissenschaftler, sich selber gleichsam als Kunstwerk inszenierte und mit seiner eigenen Diskordanz und Verrücktheit zu kokettieren liebte, konnte es nicht ausbleiben, dass ihn der Bannstrahl der Normalwissenschaft traf. So urteilte der bekannte Ethnologe und Psychoanalytiker Georges Devereux über ihn:

"Ich weiß nicht, in welchem Maße er Hochstapler und in welchem Maße er psychotisch war. Aber es waren sicher beide Elemente vorhanden."

Dennoch sollte man es bei diesem Verdikt nicht belassen. Denn Lacans genuine Leistung besteht darin, der Psychoanalyse etwas zurückgegeben zu haben, das ihr mehr und mehr abhanden gekommen ist – die Einsicht in die subjektive Wahrheit eines Begehrens, das auf einen fundamentalen Mangel verweist. Vielleicht war Lacan das sprechende Symptom am Körper der institutionalisierten Psychoanalyse.

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