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StartseiteKommentare und Themen der WocheFragen von Leben und Tod05.09.2020

Mehr Personal in GesundheitsämternFragen von Leben und Tod

Es sei gut, dass der Bund nun Geld in die Hand nehme, um die Gesundheitsämter zu stärken, kommentiert Johannes Kuhn im Dlf. Denn schon vor der Pandemie konnten die Ämter oft nicht gründlich genug Hygienekontrollen durchführen – das Geld sei deshalb gut angelegt.

Von Johannes Kuhn

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Auf einem Wegweiserschild steht "Gesundheitsamt" (imago images / Waldmüller)
Gesundheitsämter sollen mehr Geld erhalten (imago images / Waldmüller)
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Die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig funktionierende Gesundheitsämter sind. Und sie hat offengelegt, wie der öffentliche Gesundheitsdienst in den vergangenen Jahren vernachlässigt wurde.

Stimmt das auch? Tatsächlich waren die Probleme bekannt, die sich aus den langjährigen Einsparungen im Gesundheitsdienst ergeben haben. Bereits seit Jahren wird immer wieder vor den Folgen des Personalmangels gewarnt. Zum Beispiel, wenn die Gesundheitsämter nicht oft und gründlich genug Hygienekontrollen durchführen können. Jährlich sterben bis zu 20.000 Menschen an Krankenhauskeimen - der öffentliche Gesundheitsdienst hatte es eben schon vor Corona mit Fragen von Leben und Tod zu tun. Dass der Bund nun vier Milliarden Euro in die Hand nimmt, um die Landesbehörden, vor allem aber die 375 kommunalen Gesundheitsämter zu stärken, ist deshalb im Prinzip gut angelegtes Geld. Auch für die Zeit nach der Pandemie.

Stellen müssen auch attraktiv sein

Genauso wichtig ist aber die Umsetzung in der Praxis: 5000 Stellen helfen wenig, wenn sie unattraktiv und dadurch schwer zu besetzen sind. Gerade bei den Ärzten blieben in den vergangenen Jahren viele Amtszimmer leer: Zu schlecht bezahlt waren die Stellen im Vergleich zum klassischen Klinikbetrieb. Medizinerstellen im öffentlichen Gesundheitsdienst sollen deshalb künftig attraktiver werden: Auch das eine Erkenntnis, auf die schon vor Corona hingewiesen wurde. Der Ärztemangel ist ein weiteres Beispiel dafür, dass sich in den Gesundheitsämtern strukturelle Probleme des ganzen Landes wiederspiegeln.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Das gilt genauso für die Digitalisierung und digitalen Vernetzung der verschiedenen Stellen von Kommunen, Land und Bund. Hier war man schon recht zufrieden damit, dass das Robert-Koch-Institut überhaupt wöchentlich Zahlen zu akuten Atemwegserkrankungen erhielt. Die Digitalisierung der Meldewege wurde zwar angegangen, aber ohne große Eile. Was sich als Versäumnis herausstellte, als die Gesundheitsämter in der Corona-Hochzeit ihre Infektionszahlen umständlich per Fax übermitteln mussten. Es gibt also noch einiges zu tun, um das Fundament zu festigen und zu modernisieren. Und auch künftig wird der öffentliche Gesundheitsdienst bei kleinteiligen Aufgaben wie der Kontaktverfolgung in akuten Notsituationen wohl nicht auf Unterstützung verzichten können: aus anderen Behörden, von Studenten oder mobilen Bundeswehrhelfern.

Umsetzung hält oft nicht Schritt

Aber wenn die Gesundheitsämter vor Ort das Geld zur Modernisierung nun klug einsetzen, können sie zumindest wieder ihr Grundversprechen einlösen: Behörden zu sein, die ihren Aufgaben nachkommen und technisch auf der Höhe der Zeit sind. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Der Staat hat sich in den vergangenen Jahren angewöhnt, immer neue und auch immer kleinteiligere Kontrollbereiche festzulegen.

Die Umsetzung hält damit oft nicht Schritt: Ob es um die Lebens- und Transportbedingungen von Nutztieren, die Kontrolle von Lebensmitteln, die Verfolgung von Schwarzarbeit durch den Zoll oder die Prüfung von Finanzkonzernen wie Wirecard geht: Immer wieder zeigt sich an Skandalen, dass es staatlichen Behörden an Personal, Ausstattung, Zeit und vereinzelt auch dem Willen fehlt, Kontrollaufgaben flächendeckend nachzukommen. Das Thema behördliche Überforderung wird uns deshalb weiter begleiten. Auch nach der Pandemie.

Johannes Kuhn (Deutschlandradio / Christian Kruppa)Johannes Kuhn (Deutschlandradio / Christian Kruppa) Johannes Kuhn, Jahrgang 1979, hat Anglistik und Germanistik in Würzburg und Jyväskylä studiert. Nach der Volontärsausbildung an der Berliner Journalisten-Schule (BJS) arbeitete er zunächst als Redakteur bei ZEIT Online in Hamburg und Berlin. Danach gut zehn Jahre für die "Süddeutsche Zeitung" (Online und Print) tätig, unter anderem zwischen 2014 und 2019 als freier Korrespondent im Westen der USA. Seit Sommer 2019 freier Korrespondent im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios. Schwerpunktthemen: Digitalpolitik und gesellschaftliche Digitalisierung sowie die Partei Die Linke.

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