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StartseiteKultur heuteMehr Platz für neue Bücher09.05.2011

Mehr Platz für neue Bücher

Zur Eröffnung des Erweiterungsbaus der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig

An der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig wurde ein neuer Erweiterungsbau eröffnet. Das Ergebnis vereint 136 Kilometer laufende Regalfachböden auf 10.600 Quadratmetern Fläche.

Von Claudia Altmann

"Ein Ort, an dem sich Buchstaben und Noten und alle, die davon und dafür leben, geborgen und wohl fühlen." (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)
"Ein Ort, an dem sich Buchstaben und Noten und alle, die davon und dafür leben, geborgen und wohl fühlen." (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)

"Die den neuen Bauabschnitt kennzeichnende Transparenz ist auch Symbol für einen Wandel unseres gesellschaftlichen und kulturellen Selbstverständnisses: Maximale Freiheit im Zugang zu Wissen, heute eine Voraussetzung und wesentliches Merkmal einer funktionierenden Demokratie."

Für Architektin Gabriele Glöckner war das Projekt in mehr als einer Hinsicht eine Herausforderung: Einerseits Raum zu schaffen für Magazine – 136 Kilometer laufende Regalfachböden auf 10.600 Quadratmetern - und andererseits dem Anspruch der Transparenz gerecht zu werden und mehr als bisher Öffentlichkeit zu- und hereinzulassen.

"Die Herausforderung haben wir so gelöst, indem wir die Magazinblöcke sehr komprimiert gestaltet haben mit dem Konzept "Umschlag – Hülle – Inhalt". Inhalt ist verdichteter Magazinbereich, darum die Hülle, was sozusagen die klimatischen Bedingungen erreicht und der Umschlag, der das alles räumlich zusammenfasst."

Dabei kamen architektonische Besonderheiten Leipzigs hinzu. Aber gerade die Aufgabe, Altes und Neues zu verbinden, war für Glöckner spannend.

"Die Überlagerung von Städtebaukonzepten von Anfang des 19. Jahrhunderts, überlagert mit Städtebaustrukturen aus DDR-Zeiten, was ein besonderes spannungsreiches städtebauliches Umfeld schafft. Und dass es doch gelungen ist, eine Brücke zu schlagen zwischen zwei unterschiedlichen architektonischen Ansätzen und eine wirklich gestalterische Einheit dieser Gebäude zu erreichen."

Das Resultat kann sich sehen lassen: Neben der grau-ehrwürdigen Deutschen Bücherei – dem ursprünglichen Gebäude - schließt sich jetzt linkerhand – respektvoll etwas kleiner - der neue Bau oval auslaufend an. Von außen betrachtet eine große Fensterfront in blauen, beige und von rosa ins weinrote fließenden Farben. Dahinter erhebt sich der nüchterne weiße Bücherturm Auf den ersten Blick erinnert die neue Fassade an Buchrücken. Aber es steckt mehr dahinter: Musik. Grundlage ist die Notenfolge von Johann Sebastian Bachs 4. Goldberg-Variationen, deren Frequenzen mittels eines Algorithmus übersetzt und als gläserne Farbpaneelen in der entsprechenden Tonfolge angebracht wurden.

Optischer Hinweis darauf, dass hier jetzt auch das Deutsche Musikarchiv mit eigenem Lesesaal zu Hause ist, neben dem Buch- und Schriftmuseum. Dessen Leiterin, Dr. Stephanie Jacobs, ist von der Glasfassade begeistert und kann es bis zur Eröffnung der Dauerausstellung zur Mediengeschichte der Menschheit im kommenden Jubiläumsjahr kaum erwarten. Aber wie geht das zusammen, helles Licht und der Erhalt von Büchern?

"Also für jeden, der Bestandsschutz und Papier und Bücher zu bewachen hat, eigentlich ein Albtraum. Es ist uns mit Strahlenphysikern gemeinsam mit der Architektin gelungen, eine Fünffachverglasung hier in die Ausstellungsräume einzubringen, die eben fast 97 Prozent der schädlichen Strahlung aus dem Licht herausfiltert, das Tageslicht aber reinlässt. Also fast so was wie ein kariertes Maikäferchen und ich hätte nie gedacht, bevor ich diese Erfahrung gemacht habe, dass das wirklich möglich ist, den konservatorischen Bedingungen zu genügen und dennoch die wunderbare Situation zu haben, hier ein sehr offenes und sehr lichtes Museum zu haben, was einfach zur Kommunikation und nicht so sehr zum Versenken in das einzelne buchhistorische Kunstwerk Anregung gibt."

Weder Büchergrab noch Elfenbeinturm, stattdessen ein offener einladender Ort mit idealen Bedingungen. Ein Ort, an dem sich Buchstaben und Noten und alle, die davon und dafür leben, geborgen und wohl fühlen. Für die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, Elisabeth Niggemann, eine beispielhafte Leistung.

"Der Neubau und seine Angebote sind nicht nur eine Bereicherung für die bundesdeutsche Bibliotheks- und Kulturlandschaft. Er setzt neue Standards, verleiht uns auch im internationalen Kontext eine neue, frische Visitenkarte. Danke."

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