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Mein Blick zurück. Erinnerungen

Aus dem Französischen von Claudia Feldmann.

Es gibt Partys, die sehr vielversprechend sind und die zu genießen einem dennoch vom ersten Moment an verleidet ist. Ein paar Bemerkungen des Gastgebers bei der Begrüßung - über die erschöpfenden Mühen der Partyvorbereitung, über das nagelneue Parkett, das wunderbarerweise noch ganz ohne Kratzer sei - reichen, um das lähmende Alarmklima ständiger Vorsicht zu verbreiten und den Spaß zu verderben. Um solch eine Party handelt es sich bei dem Erinnerungsband von Francoise Sagan. Man muß den zunächst ganz unverdächtig klingenden ersten Absatz ihres Buches zweimal lesen, um zu verstehen, welch klösterliches Entree einem als Leser da bereitet wird.

Ursula März

"Ich hatte nie die Absicht, die Geschichte meines Lebens aufzuschreiben. Zum einen, weil darin viele glücklicherweise noch lebende Menschen vorkommen, und zum anderen, weil mich mein Gedächtnis zunehmend im Stich läßt; mir fehlen hier fünf Jahre und da fünf Jahre, was irgendwelche dunklen Geheimnisse vermuten ließe, die keineswegs vorhanden sind. Wenn ich so darüber nachdenke, kämen als Richtpunkte in meiner Chronologie nur die Erscheinungsdaten meiner Romane in Frage, die einzigen nachprüfbaren, zeitlich festgelegten und wenigstens annähernd greifbaren Meilensteine meines Lebens."

Das soll die Sagan sein? Jene Schriftstellerin, der es gelang, in ihrem Werk die Trennung zwischen unterhaltsamer und seriöser Literatur aufzuheben, deren vielzählige Romane, wenn es gut ging, internationale Auflagen in Millionenhöhe erreichten, und sich, wenn es etwas schlechter ging, immer noch 200.000 bis 300.000 Mal verkauften. Jene Frau, die Autos liebte, ein paar davon zu Schrott fuhr und sich dabei fast in den Tod: sie liebte die Cote d´Azur und die Männer, sie hing an Alkohol und Drogen, sie hatte immer mal wieder die französische Justiz zu Gast und vermutlich nicht selten auch die Depression. Die Bemerkung, es gäbe in ihrem Leben Zeitabschnitte, an die sie sich nur schwer erinnern könne, wirkt als Euphemismus unfreiwillig komisch trotz der eilig angehängten Beteuerung, das diese Gedächntnislücken um Gottes Willen keine dunklen Geheimnisse verdeckten. Die Ankündigung indes, sie werde ihre Erinnerungen entlang ihrer Romane auffädeln, wirkt ausgesprochen ernüchternd, zumal Francoise Sagan die Drohung tatsächlich wahr macht. Sie organisiert die Party, welche ihre Memoiren ohne Zweifel darstellen könnten, in eine kleine literaturgeschichtliche Vorlesung in eigener Sache um. Jedes Buchkapitel trägt den Titel eines Sagan - Romans; "Sonjour Tristesse", der Roman, der die 19jährige Francoise Quoirez, die unter dem Pseudonym Sagan schrieb, 1954 schlagartig weltberühmt machte, "Ein gewisses Lächeln" aus dem Jahr 1956, dann, nur ein Jahr später, "In einem Monat, in einem Jahr. "Lieben Sie Brahms?" hieß der nächste Roman. Er erschien nur zwei Jahre später. So geht es Buch um Buch weiter bis zu Sagans jüngster Romanveröffentlichung aus dem Jahr 1994, "Und mitten ins Herz". Todesphantasien und Liebesranküne, das ist der thematische Kern des Werkes von Sagan. Aber was ist der Kern dieses Erinnerungsbuches? Seine Stärke liegt in der Vorführung katzenhaft geschmeidiger und eleganter Vermeidung. Die Autorin liest sich selbst, betrachtet sich - dies im übrigen aufrichtig uneitel - im Spiegel ihrer Bücher, mischt in die Reflexionen übers literarische Material aus dem Leben. Natürlich, sagt sie, ist das eine oder andere vorgefallen. Mal gab es Krach mit einem Verlag, mal lehnte sie vor einer Hauswand in Saint Tropez an der Brust eines Mannes, der nicht ihr Ehemann war. Sowas kommt vor in einem Leben, von dem Francoise Sagan furchtbar gern vermitteln würde, daß es nur ein ganz kleines bißchen undurchschnittlich verlief. Gattungsästhetisch kann man ihre Implantierung einer Monographie in den Textkörper einer Autobiographie vielleicht ganz interessant finden. Zur stimulierenden Lektüre reicht es nicht. Dieses Such ist exakt die Art Party, von der man sich nach einer Anstandszeit verdrückt.

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