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StartseiteCorso"Früher war die Seefahrt auch nicht romantisch"27.01.2015

Mein Klassiker"Früher war die Seefahrt auch nicht romantisch"

Er ist Abenteurer, Polarforscher und Seefahrer, hat Bücher geschrieben und Filme gedreht. Arved Fuchs hat selbst viel zu erzählen, doch genauso gerne lässt er sich von dem dicken Schmöker "Wir Ertrunkenen" von Carsten Jensens verzaubern.

Von Knut Benzner

Der Abenteurer Arved Fuchs (Deutschlandradio / Nicolas Hansen)
Der Abenteurer Arved Fuchs (Deutschlandradio / Nicolas Hansen)
Bibliografische Informationen

Carsten Jensen, "Wir Ertrunkenen"
btb, 810 Seiten, München 2008, deutsch von Ulrich Sonnenberg.

Mein Name ist Arved Fuchs, ich bin Abenteurer, Expeditionsleiter, und eines meiner Lieblingsbücher, das ich unlängst gelesen habe, ist "Wir Ertrunkenen."

"Laurids Madsen war im Himmel gewesen, doch dank seiner Stiefel war er auch wieder herunter gekommen.

Er war nicht bis hoch zum Masttopp geflogen, eher so auf die Höhe der Großrahe eines Vollschiffs. Er hatte am Tor zum Paradies gestanden und den heiligen Petrus gesehen, doch es war nur der Arsch, den der Hüter der Pforte zum Jenseits ihm gezeigt hatte.

Laurids Madsen hätte tot sein sollen. Aber der Tod hatte ihn nicht gewollt, und so wurde er ein anderer."

Dieses Buch schildert die Geschichte der Stadt Marstal auf der dänischen Insel Aerö. Über Generationen hinweg ist das eine Ortschaft gewesen, wo Menschen zur See gefahren sind, die eine große Handelsflotte hatte, und diese Geschichte um die Menschen, die mit der See und von der Seefahrt gelebt haben in einem teilweise sehr humorvollen Ton, aber teilweise merkt man auch die Härten und die Tragik, die damals mit dem Seemannsberuf einherging, das ist ein Buch, was mich persönlich sehr fasziniert.

"Jeder Seemann kennt dieses bittere Gefühl: Die Küste ist bereits zum Greifen nahe, aber du wirst sie nie erreichen. Gibt es etwas Schlimmeres, als mit Sicht auf Land zu ertrinken? Gibt es einen unter uns, der nicht mindestens einmal von der Angst heimgesucht wurde, mit der rettenden Küste vor Augen den Halt zu verlieren? ... Sogar der Schrecken braucht Maßstäbe, und ist nicht gerade das Bekannte der Maßstab für das Unbekannte?"

Ich habe es einmal kurz angelesen, und dann habe ich es jetzt aber mit Muße komplett gelesen, ein recht umfangreiches Werk, und er kommt, glaube ich, auch von der Insel Aerö, also er hat dort zumindest lange gelebt und kennt natürlich die ganzen Gegebenheiten dieser kleinen Ortschaft. Ich bin ja viele Male in Marstal gewesen, es sieht fast aus wie eine Puppenstube, all diese kleinen Fachwerkhäuser, die dort stehen und diese alten Straßen, wie sie auch in dem Roman beschrieben sind, gibt es heute noch. Man kann sich vorstellen, wie Hunderte von Segelschiffen dort im Hafen lagen und von dort aus, diesem kleinen Ort, sind sie weltweit gefahren.

"Doch dieser Krieg hatte alles verändert Er konnte am Hafen spazieren gehen und sehen, dass jetzt nur noch wenige Schiffe untätig am Kai oder am Duckdalben in der Hafeneinfahrt vertäut lagen. ...

In diesem anderthalb Kilometer langen Hafen, den Hunderte von Schiffen füllten, die ins Winterlager gegangen waren, lag unsere Stadt, schaukelte auf dem Wasser und wartete auf das Frühjahr und den Aufbruch. Es war ein Anblick, den niemand wieder so erleben sollte."

Es werden beispielsweise auch die ganzen Wirren während des Krieges gezeigt, und wo es eben nicht mehr die Segelschiffzeit ist, wo Schiffe versenkt werden bei den Geleitzugfahrten, was dann mit Seefahrtsromantik überhaupt nichts mehr zu tun hat. Früher war die Seefahrt wahrscheinlich auch nicht romantisch, das ist immer nur von draußen herangetragen worden, aber wo dann auch der Niedergang der Schifffahrt, der Segelschifffahrt und der Schifffahrt insgesamt dann in Marstal zu verzeichnen ist.

"Wir gingen die Havnegade entlang, und während unseres Marsches wurden wir immer mehr. Hier tauchte eine Ziehharmonika auf, dort eine Trompete, ein Kontrabass, eine Tuba, eine Mundharmonika, eine Trommel, eine Violine, und wir sangen 'Kong Kristian' und 'Whisky, Johnny', 'Dies ist ein schönes Land' und 'What shall we do with a drunken sailor' durcheinander. ... In den Fenstern wurden Kerzen angezündet, und in den Straßen brannten die Verdunkelungsgardinen mit einem trockenen Knistern."

Er ist mit diesem Buch "Wir Ertrunkenen" fast weltbekannt geworden, ist ein ziemlich dicker Wälzer, aber es ist nicht eine Seite langweilig.

Arved Fuchs, geboren im schleswig-holsteinischen Bad Bramstedt, ist inzwischen auch schon 60 Jahre alt. Sein neues Buch ist der Bildband "Polarlicht in den Segeln - Eine Winterreise zu den Lofoten", erschienen bei Delius Klasing

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