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StartseiteBüchermarktMeine Schatzkammer füllt sich täglich. Die Nachlaßstücke zu Goethes "West-Östlichem Diwan"31.07.2000

Meine Schatzkammer füllt sich täglich. Die Nachlaßstücke zu Goethes "West-Östlichem Diwan"

Wallstein Verlag, 2 Bde., 1248 Seiten, 23 Abb., DM 298,-

In seiner Einleitung zum besseren Verständnis des "West-östlichen Divan" hat sich Goethe gewünscht, "als ein Reisender angesehen zu werden". Der bequemt sich zwar der fremden Landesart mit Neigung und Fleiß, bleibt aber doch als ein Fremdling kenntlich. Goethe setzt hinzu:

Alexander von Bormann

"Damit aber alles was der Reisende zurückbringt den Seinigen schneller behage, übernimmt er die Rolle eines Handelsmanns, der seine Waaren gefällig auslegt und sie auf mancherley Weise angenehm zu machen sucht; ankündigende, beschreibende, ja lobpreisende Redensarten wird man ihm nicht verargen."

So ist auch Goethes Gedichtsammlung "West-östlicher Divan" 1819 gut vorbereitet erschienen. Mit vielen Freunden und Gelehrten hatte sich Goethe über seine orientalischen Studien und Bemühungen ausgetauscht, von allen Anregung und Zuspruch erfahren; entsprechende Zuschriften finden sich hier abgedruckt. Anke Bosse, die Divan-Forscherin, hat detailliert gezeigt, wie diese Unternehmung in der zeitgenössischen Geselligkeitskultur verankert war. So empfing Goethe nicht nur Unterricht in Arabisch, Persisch, Syrisch, Hebräisch und Sanskrit, er übte vor allem regelmäßig die Schriften, was nicht jeder von uns wird nachvollziehen können oder wollen. Goethe gab auch Lesungen aus orientalischen Werken am Weimarer Hof, die sehr positiv aufgenommen wurden. Der "Divan" ist ein weitgefächert und groß angelegter Versuch, sich der arabischen Welt zu nähern, ganz bestimmt jedenfalls mehr als ein poetisches Liebesspiel mit der Verehrerin Marianne Jung, bald verheirateter von Willemer. Von Marianne gingen immerhin drei Gedichte in den "Divan" ein, was erst 1869 durch Herman Grimm bekannt wurde. Goethe, der alle Anregungen aufnahm, hat als Quasi-Verteidigung seines 'großen Magens' einen postmodernen Werk- und Subjektbegriff vorgetragen:

"Was bin denn ich selbst? Was habe ich denn gemacht? Zu meinen Werken haben Tausende von Einzelwesen das Ihrige beigetragen. Mein Lebenswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe."

Das ist ein wenig kokett gesprochen, trifft aber ganz besonders auf die relativ späte Gedichtsammlung "West-östlicher Divan" zu. Wir haben sie jetzt ganz vorbildlich erschlossen zur Hand: Es gibt eine zweibändige Ausgabe von Hendrik Birus im Deutschen Klassikerverlag, und die profitiert bereits ausdrücklich von den Arbeiten Anke Bosses, enthält zum erstenmal die verschiedenen Fassungen und Nachlaßstücke fast vollständig. Anke Bosse, die jetzt an der belgischen Universität Namur lehrt, hat in zwei dickleibigen Büchern nun alles vorgelegt, was die Ausgaben draußen lassen müssen: die Gedichtentwürfe und Exzerpte mit ihren Streichungen, die Übungen und Vorarbeiten, worunter oft Abschriften aus den "Fundgruben des Orients" von Hammer. Einige davon wurden von Goethe überarbeitet und dem "Divan" einverleibt. Brecht, der sich auf ein laxes Autor-Programm berief, könnte bei Goethe gelernt haben. Goethe wiederum kam es darauf an, möglichst authentisch in den Orient einzufahren und dessen dichterische Landschaft zugänglich zu machen. Die vorliegende Ausgabe ist zwar hochwissenschaftlich; aber sie leistet es, uns für Goethes Neigung zum Orientalisieren zu interessieren, uns den romanti uontext dieser Dichtungen zu entwickeln, führt zu einem energisch erfrischten Blick auf die Dichtungen. Sie hat Goethes Wort im Panier:

"Natur- und Kunstwerke lernt man nicht kennen, wenn sie fertig sind; man muß sie im Entstehen aufhaschen, um sie einigermaßen zu begreifen".

Der Nachlaß Goethes ist selbstverständlich ein vielbeackertes Feld. Gleichwohl, und das ist erstaunlich, war hier noch viel zu tun. Bislang gibt es keine historisch-kritische Ausgabe, die Grundlage dafür ist nun geschaffen. Auch hatte man bisher den Nachlaß eher geplündert, Stücke herausgeholt und in den verschiedenen Abteilungen des "Divan" untergebracht. Anke Bosses Dokumentation geht chronologisch vor und erlaubt so, "die Genese des ‘Divan’-Nachlasses wie des 'Divans' überhaupt nachzuvollziehen". Selbstverständlich werden die Bezüge zwischen den Nachlaßstücken und dem "Divan" erläutert, wie überhaupt die Einzelkommentierung das Herzstück dieser Ausgabe ist. Nicht also wird man hier unbekannte Gedichte erwarten dürfen - die Ausgabe von Hendrik Birus hat Anke Bosse einiges Gras vor den Füßen weggemäht - sondern vor allem die Bausteine des Werks. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es einen Dichter oder Lyrikambitionierten gibt, der diese Werkstätte nicht besucht. Die Exzerpte aus Geschichtsbüchern und Legenden, Reiseberichten, Anekdoten, aus Literaturgeschichte und Mythologie verbinden sich mit eigenem reichen Erlebnisstoff und einer-Unzahl von Bezügen, die Generationen von Philologen beschäftigt hielt. Das Material stiftet auch zu eigenen Wertungen an. Geradezu aktuell ist das Thema "Fetwall, worunter man ein Urteil der moslemischen Geistlichkeit versteht; in den letzten Jahren sind solche Urteile regelmäßig gegen angeblich gotteslästerliche Werke und Autoren ergangen. Goethe hat das Thema mehrfach aufgenommen. Sein Beispiel ist Misri, ein türkischer Dichter. Die Ausgabe gibt uns den Auszug des "Abbé Toderini von der Litteratur der Türken", den Knebel für Goethe gemacht hat. Darin äußert sich der Mufti, der über die Verse des Misri entscheiden soll, zwar hart, aber doch ganz anders nuanciert als die heutigen Ayatollas; sein Fetwa lautet:

"Die Bedeutung und der Sinn dieser Gedichte ist niemand bekannt als Gott und Misri." Das Urteil isoliert den Dichter, schützt ihn aber auch. Daß es darum geht, wird in der Erzählung deutlich genug betont: "Nachdem der Mufti diese Gedichte und Sätze gelesen hatte, so warf er sie ins Feuer, und gab dieses Fetwa von sich: 'Wer also redet und glaubet wie Misri Afendi, der soll verbrannt werden; Misri Afendi ausgenommen; denn über diejenigen, die mit der Begeisterung eingenommen sind, kann kein Fetwa ausgesprochen werden."'

Welch ein Motiv, sollte man meinen, für den Dichter, der einst Prometheus übermütig den Göttern trotzen ließ und im "Ganymed" die dichterische Begeisterung in den Himmel erhob. Goethes Gedicht "Fetwa" wagt hingegen viel weniger als der Mufti in seiner Vorlage - Goethe interpretiert, einigermaßen überraschend, korrekt lutherisch:

"Verbrannt sey jeder, sprach der hohe Richter,/Wer spricht und glaubt wie Misri - er allein Sey ausgenommen von des Feuers Pein:/Denn Allah gab die Gabe jedem Dichter. Misbraucht er sie im Wandel seiner Sünden,/So sehl er zu mit Gott sich abzufinden.it

Die Notizen, die Anke Bosse dokumentiert und kommentiert, zeigen uns, wie Goethe nicht nur alle Orthodoxie verlassen, sondern auch das Christentum recht kritisch interpretiert hat. Auf dem Blatt 92, vom Januar 1815, gibt es einige Bemerkungen, die nicht durchgestrichen, also nicht verwertet sind; sie sind höchst aufschlußreich:

"Das abscheuliche wohin das System der Einheit Gottes führt." "Das Absurde dass man ihm/alle widersprechenden Namen (Praedicate) geben muss." "Verwandelt nun diese höchsten Absurditäten/in Menschlichkeiten."

So sieht man, wie weit Goethes Credo "Dichten ist ein Uebermuth" reicht: Man darf Kritik an orthodoxen Glaubensrichtungen wie an jeglicher Identitätsphilosophie heraushören. So hat Goethe, durchaus provokativ, den Islam von den spezifischen Gesetzesvorschriften lösen wollen:

"Närrisch, daß jeder in seinem Falle/Seine besondere Meinung preißt! Wenn Islam Gott ergeben heißt,/Im Islam leben und sterben wir alle."

Hendrik Birus verweist in seinem Kommentar darauf, daß Goethe die Bedeutung des Wortes "Islam" als "Ergebung, Versöhnung" sehr wohl kannte und führt Goethes Brief an Zelter von 1820 an:

"Diese mohamedanische Religion, Mythologie, Sitte geben Raum einer Poesie, wie sie meinen Jahren ziemt. Unbedingtes Ergeben in den unergründlichen Willen Gottes, heiterer Überblick des beweglichen, immer kreis- und spiralartig wiederkehrenden Erdentreibens, Liebe, Neigung zwischen zwey Welten schwebend, alles Reale geläutert, sich symbolisch auflösend: Was will der Großpapa weiter?"

Anke Bosse erwägt, ob die an Paulus angelehnte Zeile "Im Islam leben und sterben wir alle" planvoll westliche Leser provozieren sollte, wiegelt aber ab: sie ziele letztlich auf ein Religionen übergreifendes Verhalten. Sie zeigt zugleich, daß es sich Goethe damit nicht leicht gemacht hat. Magie geht für ihn sowohl vom Prophetenwort wie von der Poesie aus. Aus Joseph von Hammers "Fundgruben des Orients" exzerpiert Goethe die 26. Sure, bricht die Langverse und arbeitet eine Anklage an die Dichter heraus, wie sie Platon nicht schärfer formuliert hat:

Soll ich dir sagen auf wen die/Teufel niedersteigen sie steigen nieder auf die Lügner/und den Bösewicht/Die Poeten folgen ihnen und lassen sich von ihnen betrügen/Siehst du denn nicht wie sie durch/alle Thäler schweifend nimmer ruhn./Und Dinge sagen so sie nimmer thun.

Das Gedicht im "Divan" wird auf Hafis bezogen, dessen Lied man walten läßt, auch wenn es dem Koran widerspricht. Der Ankläger weiß nicht so recht, wie er sich dazu verhalten soll: Hafis schaffet Ärgernisse,' und Goethe übertreibt noch den Hinweis auf die Unzurechnungsfähigkeit des Dichters:

"Seiner Klagen Reim, in Sand geschrieben, sind vom Winde gleich verjagt; Er versteht nicht was er sagt,/Was er sagt wird er nicht halten."

Die Anklage wird gegenüber der Vorlage so verschärft, daß die Teufel und Lügner nicht mehr die eigentlich Schuldigen sind. Der Dichter wird vom Wahnsinn fortgetrieben zu einer Rede, die man walten lassen muß, auch wenn sie den Gesetzen widerspricht. Goethe reimt auf Ärgernisse den Hinweis, der Dichter sprenge "den Geist ins Ungewisse". Auf seinem Exzerpt mit der ersten Fassung von "Anklage" hatte Goethe die Worte notiert: "Poesie, Propheten-Wort, Magie". Diese waren ihm so wichtig, daß er, so die These von Anke Bosse, das Exzerpt entgegen seiner Gewohnheit nicht durchstrich, nachdem er es verarbeitet hatte. Die Notiz wird dann später in den "Noten und Abhandlungen" zum "Divan" noch einmal aufgenommen.- Immer wieder stößt man auf Notizen Goethes, die das Eigenste im Fremden finden und aussprechen:

"Wunder kann ich nicht thun, sagt der Prophete./Das groeste Wunder ist dass ich bin."

Wir können davon ausgehen, daß Goethe hier auch an sich selber gedacht hat, und unbescheiden ist das ja keineswegs. Er hat den Strom von Gedichten, der im "Divan" eine lockere Ordnung fand, durchaus als Gabe empfunden. Anke Bosse belegt das sehr schön am Verhältnis zu Marianne von Willemer, eine Begegnung,' die Goethe im tiefsten traf:

"Einen Helden mit Lust preisen und nennen Wird jeder der selbst als kühner stritt. Des Menschen Werth kann niemand erkennen Der nicht selbst Hitze und Kälte litt."

Reiz und Zauberkraft des "West-östlichen Divan" sind gutenteils darin gelegen, daß Hitze und Kälte, Liebe und Unmut, Übermut und Weisheit einander abrupt abwechseln. Die so sorgfältige und geistreiche Erschließung der Machlaßstücke durch Anke Bosse hat, wie gesagt, die neue Ausgabe des "Divan" in der Bibliothek Deutscher Klassiker von Hendrik Birus mit informiert. Beide Ausgaben ergänzen einander und erlauben uns einen kundig-genüßlich vertieften Blick auf diese kostbarste Gedichtsammlung der deutschen Klassik.

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