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StartseiteForschung aktuell"Mit Social Bots müssen wir leben" 19.12.2018

Meinungsroboter"Mit Social Bots müssen wir leben"

28 Prozent der Tweets zum UN-Migrationspakt stammten von sogenannten Social Bots - Computerprogrammen, die automatisiert twittern und posten. Die Sorge, dass sie die politische Meinungsbildung beeinflussen, ist groß. Nun wird über eine Kennzeichnungspflicht diskutiert. Doch deren Wirkung ist fraglich.

Peter Welchering im Kollegengespräch mit Ulrich Blumenthal

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Ein Mauszeiger schwebt am 19.02.2018 in Berlin über einem Button zum Melden eines Twitter-Tweets (gestellte Szene). (picture alliance / Andrea Warnecke)
Organisierte Fehlinformation: Social Bots werden auch gezielt für politische Kampagnen eingesetzt - die Wirkung ist groß (picture alliance / Andrea Warnecke)
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Die Social Bots beschäftigen uns wieder. Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 wurde heftig über den Einfluss von Software, die selbstständig twittert und postet, diskutiert. Schon damals gab es die Forderung nach einer Kennzeichnungspflicht für Bots. Jetzt ist diese Diskussion wieder aufgeflammt. Ralph Brinkhaus, Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion hat diese Forderung in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ins Spiel gebracht. Wie ist es eigentlich zu dieser erneuten Diskussion um die Kennzeichnung von Social Bots gekommen, Peter Welchering?

Peter Welchering: Das Berliner Unternehmen Botswatch hat eine Studie veröffentlicht, der zufolge 28 Prozent der Tweets zum UN-Migrationspakt von Social Bots stammen. Das hat die Politik aufgeschreckt. Das hat in der Fachwelt zu einer breiten Diskussion geführt. Wie können Bots überhaupt erkannt werden? Wie stark beeinflussen Bots die politische Meinungsbildung - und diese Diskussion führte zu zwei Extremen: Zum einen eben die erneute Forderung nach einer Kennzeichnungspflicht für Bots. Zum anderen zu der Behauptung, niemand wisse doch, was ein Bot sei.

Selbstständig und automatisch twittern und posten

Ulrich Blumenthal:!! Dann lassen Sie uns doch mal mit der Definitionsfrage anfangen. Gibt es eine Definition für Bots?

Welchering: Ja, "Bot" ist vom englischen Wort "Roboter" abgeleitet. Als Bots bezeichnet man Computerprogramme, die Aufgaben selbstständig bearbeiten. Sie erhalten zum Programmstart Aufgabenleitlinien und Regeln für die Durchführung. Danach arbeiten sie ohne weiteres menschliches Zutun ihre Aufgaben solange ab, bis der in der Aufgabenleitlinie festgelegte Endpunkt erreicht ist. Die wohl bekanntesten Bots sind die sogenannten "Webcrawler" oder Such-Bots" von Internet-Suchmaschinen. Sie besuchen nach fest voreingestellten Leitlinien Web-Sites, deren Links ebenfalls vorgegeben sind und werten den Inhalt der Web-Sites über penibel festgelegte Datenfelder aus. Die vermutlich nervigsten Bots sind die sogenannten Spam-Spider, die E-Mail-Adressen für Werbezwecke sammeln. Sogenannte Exploit-Bots suchen auf per Link vorgegebenen Servern nach Sicherheitslücken in der dort installierten Software. Und dann gibt es eben Bots, die automatisiert twittern und posten, Social Bots eben.

Blumenthal: Und können diese Social Bots identifiziert werden?

Welchering: Web-Dienste wie "Hoaxy" oder "Botornot" bieten zum Beispiel eine Mustererkennung dafür an. Überwiegend wird bei solchen Mustererkennungen mit Kriterien gearbeitet: Wie schnell antwortet ein Account auf einen Tweet? Wie viele Tweets innerhalb einer Stunde oder innerhalb eines Tages werden abgesetzt? Gibt es zeitliche Unterbrechungen bei den Tweets oder Posts? Das sind alles nur Indizien. Die geben nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit Aufschluss, dass hier automatisierte Verfahren eingesetzt werden. Mustererkennung arbeitet zudem immer mit einer gewissen Fehlerrate. Ich habe auch schon beobachtet, dass bei einem Account mit großer Wahrscheinlichkeit über einige Tage automatisierte Verfahren eingesetzt wurden, an anderen Tagen hingegen nicht. Das ist in den sozialen Netzen wie im richtigen Leben, bunt durchmischt eben.

Breite Spanne von Software

Blumenthal: Was ist da mit voreingestellten Tweets und ähnlichem, also Programmen, die eine Nachricht zu einem festgelegten Zeitpunkt posten oder twittern?

Welchering: Das sind auch schon Bots, wenn man eine breite Definition angelegt. Bei der Bufferapp schreibe ich zum Beispiel fünf oder zehn Tweets und lege fest, dass die heute Abend um sechs, morgen um sieben und so weiter veröffentlicht werden sollen. Ein automatisiertes Verfahren. Andere Bots twittern automatisch, wenn ein neuer Blogbeitrag online gestellt wird und veröffentlichen beispielsweise Überschrift, Teaser und URL des Beitrags. Dann gibt es Bots, die auch bestimmte Stichwörter in anderen Posts oder Tweets reagieren und in Sekundenschnelle eine Antwort posten. Es gibt Bots, die Tweets einfach nur weiterverbreiten und damit für Reichweite sorgen sollen. Und ich habe mir auch schon Software angeschaut, die selbstständig Diskussionen führt. So nach dem Prinzip: A stellt eine These auf, B zweifelt die etwas an und C führt die These von A weiter. Wir haben es bei Bots also mit einer breiten Spanne von Software zu tun.

Blumenthal: Hilft es denn, sich nur an die bestätigten oder verifizierten Accounts bei Twitter, also die mit den blauen Häkchen zu halten?

Welchering: Bei den verifizierten Accounts hat Twitter Mailadresse und eine Website für die Identifizierung überprüft. Die Twitter-Verifikation lässt sich durchaus aushebeln. Wer es darauf angelt, bekommt also das blaue Häkchen. Insofern schließt das also nicht aus, dass man es mit einem Bot zu tun hat.

Eine Kennzeichnungspflicht hilft nicht

Blumenthal: Weiß man denn, wie stark Social Bots die politische Meinungsbildung beeinflussen?

Welchering: Da gibt es keine klare Erkenntnis und auch noch keine Studie, die das wirklich misst. Das wird auch schwierig. Ich persönlich bin allerdings ein Freund davon, nicht einfach in journalistischen Beiträgen sorglos Tweets und Posts zu zitieren, sondern bevor man das macht, zu prüfen, ob da vielleicht ein automatisiertes Verfahren, ein Bot dahinter steckt. Und dann nur zu zitieren, wenn man dieses Zitat wirklich einem Menschen zuordnen kann.

Blumenthal: Was würde denn eine Kennzeichnungspflicht bringen?

Welchering: Vermutlich gar nichts. Viele Menschen setzen Bots ein, um beispielsweise Tweets oder Posts vorzuschrieben und sie zu einer bestimmten Uhrzeit an bestimmten Tagen dann zu veröffentlichen. Das macht der Bot dann. Viele Medienhäuser setzen Bots ein, um automatisiert aus ihren Beiträgen Tweets oder Posts automatisch erstellen zu lassen. Viele Unternehmen beantworten Kundenanfragen auf sozialen Plattformen per Bot. Die führen alle nichts Böses im Schilde, sondern wollen Prozesse automatisieren. Natürlich arbeiten auch Agenturen, die Kampagnen durchziehen, mit Bots. Aber wenn die wirklich Einfluss nehmen wollen, dann werden die wohl kaum ihre Tweets und Posts kennzeichnen, sondern das gerade verschleiern. Und da die Muster bekannt sind, nach denen bisher nach Bots gesucht wird, gelingt das auch ganz gut. Mit Bots müssen wir leben. Eine Kennzeichnungspflicht hilft dabei nicht.

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