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StartseiteKalenderblattMeister der Glosse und des Feuilletons12.07.2010

Meister der Glosse und des Feuilletons

Zum 120. Geburtstag des Journalisten Anton Kuh

Wien um und nach 1900 war ein Nährboden der Moderne, in den Kaffeehäusern tummelten sich Künstler und Intellektuelle aller Genres. Und ein Vertreter mit besonderem Wortwitz dieser Zeit war der Journalist und Publizist Anton Kuh.

Von Beatrix Novy

Wien, Café Central: In den Kaffeehäusern trafen sich die Intellektuellen. (AP Archiv)
Wien, Café Central: In den Kaffeehäusern trafen sich die Intellektuellen. (AP Archiv)

"Die Parkbank am Abend. Wien: Praterbank, Kastanienduft, Sumpfnähe, windverwehte Klänge von Orchestrions, die zwei auf der Bank zwitschern in einer Sprache, deren Worte auf itscherl, uckerl und itschiatschi enden. Taktvoll wendet sich der Passant. Er könnte beim Dabeigewesensein betreten werden. Das Flagranti könnte ihn auf frischer Zeugenschaft ertappen."

So beginnt eine Glosse von Anton Kuh, gelesen vom Ur- und Anti-Wiener Helmut Qualtinger. Die Parkbank am Abend – das ist stets eine ganz andere Geschichte: in Wien, in Prag, in München – oder

"Berlin: Tiergarten. Die Amsel ist zum Walddienst abberufen. Der Asphalt duftet nach Rasengrün. Das Paar auf der Bank küsst sich wie in Wien, Prag und München. Plötzlich prallt es auseinander. Hinter der Bank steht ein Mann und macht ksch ksch!"

Anton Kuh wusste, worüber er schrieb: Aus Prag kam seine Familie, in Wien wurde er am 12. Juli 1890 geboren, nach Berlin ging er 1926. 1933 verließ er, der linke jüdische Intellektuelle, schleunigst Deutschland und landete schließlich, nach Stationen in London, Paris und wieder Prag, in Amerika. Dort starb er einen plötzlichen Herztod, 1941. Der Mann, den die Nazis mit Vokabeln wie "Kulturbolschewist" oder "Asphaltliterat" geschmäht hatten, durfte das Ende ihrer Barbarei nicht erleben. Wie hätte er es kommentiert? Er, der ja alles be-schrieb? In Aberhunderten von Glossen und Feuilletons, was ihn immer in eine Reihe stellte mit den vielen anderen Großmeistern der kleinen Form, die das Wiener Fin de siècle hervorbrachte: Dort, bei Polgar, Altenberg, Friedell, Torberg, dort findet sich auch immer der Name Anton Kuh.

"Also, Anton Kuh hat ja allenfalls in der Anekdote überlebt, als sogenanntes Original, als Szenefigur, als notorischer Schnorrer, der zwischen Wien, Prag und Berlin pendelte, als sogenannter Kaffeehausliterat."

Sagt der Germanist Walter Schübler, der dieses Urteil für eine starke Unterschätzung hält und deshalb eine Gesamtausgabe der Werke Anton Kuhs vorbereitet. Denn Kuh glänzte nicht nur am Kaffeehaustisch und an der Schreibmaschine mit Geist und Wortwitz; er war ein politischer Kopf, ein grimmiger Kritiker; "leidenschaftlich präzis und entscheidend bekennerisch" nannte sein Kollege Berthold Viertel diesen Bohemien des Geistes anlässlich seiner Streitschrift über Juden und Deutsche.

"Er wurde durchaus auch von links angefeindet, auch von zionistischer Seite, weil er mit assimilatorischen Positionen im Judentum genauso wenig anfangen konnte wie mit diesem missionarischen Eifer, den die Zionisten an den Tag gelegt haben, also mittendrin und völlig unabhängig."

Das bewies er auch in seinen berühmten Stegreifreden: Veranstaltungen für die er sich nur ein Thema ausdachte, etwa: "Shakespeares Könige" oder "Der alte Goethe und der junge Schopenhauer". Trotzdem war es immer sehr lustig.

"Also eine Stegreifrede bei Kuh muss man sich wirklich so vorstellen, dass da auf der Bühne ein Tisch war und ein Stuhl, auf dem Tisch eine Flasche Cognac und ein Glas, ... und der Kuh trat auf, völlig ohne Spickzettel, ohne Unterlagen, und da ging's eineinhalb, zwei Stunden, zum Teil auch zweieinhalb Stunden, ging's dahin. Und das Publikum in diesen großen Theatersälen vor 2000 Leuten, die Leute sind gelegen vor lauter Begeisterung ... muss unglaublich gewesen sein."

Heute wären diese Abende Renner auf Youtube. Weil sie aber damals stattfanden, muss die Nachwelt mit einer einzigen Mitschrift vorliebnehmen: mit der polemischen Stegreifrede "Der Affe des Zarathustra", gerichtet gegen Karl Kraus und seine Jünger. Klar, dass ein Kuh und ein Kraus, beide Berserker des Meinungsfurors und der Selbstdarstellung, sich nicht vertragen konnten. Im Gegensatz zu Karl Kraus, der in seiner eigenen Publikation "Die Fackel" aufging, schrieb Anton Kuh in Dutzenden von Zeitungen: von der Weltbühne über die Vossische bis zum Prager Tagblatt. Und auch beim "Neuen Tag", einem kurzlebigen, aber legendären Sammelbecken großer Begabungen:

"Wo auch der Polgar den Kulturteil geleitet hat, der Kuh ist drinnen, es ist Perutz drinnen, Josef Roth, auch wieder Kisch, also unglaublich was da an schreiberischer Qualität in einer Tageszeitung vertreten war, das gab's nie wieder, gab's nie wieder."

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