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StartseiteKalenderblattMeister der Zirkuskuppel12.11.2009

Meister der Zirkuskuppel

Jules Léotard führte vor 150 Jahren erstmals einen Salto vom Trapez vor

Sein Name ist in die Artistengeschichte eingegangen. Als der legendäre Zirkusakrobat Jules Léotard 1859 erstmals in Paris auftauchte, wurde er nicht nur als Genie auf dem Trapez gefeiert, sondern in der Folge vergöttert wie Popstars von heute. Am 12. November 1859 führte er als erster Mensch einen Salto vom Trapez vor.

Von Jürgen Bräunlein

Nicht nur in Paris wurde Jules Léotard frenetisch gefeiert. (Stock.XCHNG - John Nyberg)
Nicht nur in Paris wurde Jules Léotard frenetisch gefeiert. (Stock.XCHNG - John Nyberg)

Seine Eltern hatten für ihn den Beruf des Advokaten vorgesehen, doch der junge Jules Léotard zog trotz bestandenen Diploms das vom Vater gewerblich betriebene Schwimmbecken vor. Doch nicht, um darin zu schwimmen. Der Junge hing an den Seilen, die an der Decke angebracht waren, und machte Dehn- und Streckübungen. Stürzte er dabei ab, war das kein Beinbruch.

Jean-Marie Jules Léotard wurde am 1. August 1838 in Toulouse geboren. Als er 18 war, stellte ihm der Vater, ein Gymnastikprofessor, zwei Trapeze auf. Anders als damals üblich waren sie beweglich. Während Jules auf dem ersten Trapez hin- und herschwang, hielt sein Vater das zweite fest, um es schließlich loszulassen.

"Ich aber stieß mich voller Vertrauen ab und das Trapez, das mir entgegenschleuderte, kam mehr schlecht als recht in meine Hände. Ich war ziemlich bleich, als ich wieder oben ankam. Und wie weiland Archimedes schrie ich: Heureka!", "

schrieb Jules Léotard später in seinen Erinnerungen.

Die akrobatische Meisterleistung sprach sich bald herum. Artisten des berühmten Pariser Zirkus "Napoleon" kamen nach Toulouse, sahen Jules Léotard durch die Luft fliegen und engagierten ihn sofort. Der junge Akrobat reiste nach Paris, doch vor lauter Lampenfieber bekam er Typhus. So fand die Premiere erst am 12. November 1859 statt, mitten im Winter. Die Darbietung dauerte zwölf Minuten, endete mit einem Salto, bei dem Léotard auf einen mit Sicherheitsmatten bedeckten Teppich zum Stehen kam, und war ein sensationeller Erfolg.

" "Sein Todessprung von einem Trapez zum anderen - daran lag's! Dergleichen hatte man noch nie gesehen. Man war atemlos vor Entsetzen, man fühlte eine Gänsehaut, das Haar sträubte sich. Und wenn er diesen Todessprung wieder zurückgetan, atmete man auf","

stand hinterher in der Zeitung.

Nicht nur in Paris wurde Jules Léotard frenetisch gefeiert. Tourneen durch Europa und die Vereinigten Staaten bescherten dem "fliegenden Menschen", wie man ihn nun nannte, auch internationalen Ruhm. Zudem hatte er wie zufällig ein Trikot erfunden, wie es später im Ballett üblich wurde: ein einteiliges Kleidungsstück, das uneingeschränkte Bewegungen ermöglichte, hauteng am Körper anlag und seine Wirkung nicht verfehlte.

" "Von meinem ersten Auftreten an musste ich feststellen, dass alle Plätze in der unmittelbaren Nachbarschaft des Absprungbrettes ausnahmslos besetzt waren, und zwar ausschließlich von Damen", "

erinnerte sich Jules Léotard später. Bald schon wurde er von Fans nur so gejagt. Frauen wollten ihn berühren und schrieben reihenweise Liebesbriefe. Einige appellierten an seine patriotische Gesinnung und gaben sich für Toulouser Töchter aus.

" "Berlinerinnern haben mir nie Briefe geschrieben. Dafür haben sie sich anderes ausgedacht - Abend für Abend war meine Garderobe mit den herrlichsten Blumengebinden und mit Näschereien aller Art angefüllt. Wenn mich heute jemand fragen sollte, welcher der beiden Arten ich den Vorzug gebe, also da würde ich glatt antworten: Briefe bleiben, das stimmt schon - aber Konfekt kann man essen."

Der Kult um den "fliegenden Menschen" trieb die sonderbarsten Blüten. Es gab Léotard-Krawatten, Léotard-Spazierstöcke, Léotard-Broschen und Léotard-Kuchen. Man machte den Akrobaten zum Helden eines Theaterstücks - "L'amour au trapèze" - und schrieb ihm eine Hymne: "The Daring Young Man on the Flying Trapeze".

Im August 1870 starb Jules Léotard im Alter von erst 32 Jahren. Auf die Frage, warum er nicht Advokat, sondern Trapezkünstler geworden sei, antwortete er kurz vor seinem Tod:

"Weil ich da weniger hässlich bin."

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