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StartseiteLange NachtWolken ziehen vorüber30.04.2016

Meisterregisseur Aki KaurismäkiWolken ziehen vorüber

Zwei Finnen treffen sich in einer Bar. "Prost" sagt der eine. Sagt der andere: "Ich bin doch nicht hergekommen, um zu quatschen." So wortkarg und sarkastisch ist auch der finnische Filmemacher Aki Kaurismäki. Seit 1980 hat er rund 20 Filme gedreht, darunter sind die schönsten Autorenfilme der vergangenen Jahre. Eine Lange Nacht mit dem Meisterregisseur.

Von Josef Schnelle

Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki (picture-alliance / dpa / Chema Moya)
Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki (picture-alliance / dpa / Chema Moya)
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Aki Kaurismäki auf der Bühne Graue Maus kauft Rattengift

In "Le Havre" überraschte er mit einem Bekenntnis zur Weltoffenheit der wohl hässlichsten Hafenstadt der Welt. Kaurismäki porträtiert die chronischen Looser: Arbeitslose, Müllmänner, Verzweifelte, schlechte Musiker, Mörder. Und er schafft es, mit solchen Hauptfiguren grandiose Melodramen zu drehen, die an Stummfilmklassiker und sozial-reale Melodramen der klassischen Filmepochen anzuknüpfen.

"Das Mädchen aus der Streichholzfabrik" weiß sich nicht anders zu helfen als mit Rattengift. Im Künstlerelend von "Das Leben der Bohème" zählt nur der neueste Fisch, auch wenn er überraschenderweise zwei Köpfe hat. Aki Kaurismäki ist Realist und Visionär zugleich.

Mit finnischen Tangos und Punkmusik seiner Hausband Leningrad Cowboys mit ihren charakteristischen Haartollen hat Kaurismäki ein Kino zwischen Kult und poetischem Realismus erfunden, dem diese "Lange Nacht" gewidmet ist.

(Wdh. v. 08./09.12.12)


Kaurismäki porträtiert die chronischen Loser: Arbeitslose, Müllmänner, Verzweifelte, schlechte Musiker, Mörder und andere Menschen ohne Hoffnung. Und er schafft es mit solchen Hauptfiguren grandiose Melodramen zu drehen, die an Stummfilmklassiker und sozial-reale Melodramen der klassischen Filmepochen anzuknüpfen. "Das Mädchen aus der Streichholzfabrik" weiß sich nicht anders zu helfen weiß als mit Rattengift. Im Künstlerelend von "Das Leben der Boheme" zählt nur der neuste Fisch, auch wenn er überraschenderweise zwei Köpfe hat. Kaurismäkis Filme sind wortkarg, sarkastisch und verrückt und haben in den letzten 30 Jahren das Kino verändert. Manchmal sind seine Filme Märchen, oft gefilmt mit der schlichten Schönheit von Kinderbüchern. Er ist Realist und Visionär zugleich. Seine Filme zeigen das Leben derer, die ganz unten angekommen sind und trotzdem glauben, dass die Wolken, die gerade ihre Existenz bedrohen, vorüberziehen werden.

Die Genialität von Kaurismäkis Werk liegt gerade in der Einfachheit und zitiert den italienischen Neorealismus ebenso wie die frühen Filme der französischen "Nouvelle Vague". Zwischen finnischen Tangos und Punkmusik seiner Hausband "Leningrad Cowboys" mit ihren charakteristischen Haartollen hat Kaurismäki ein Kino zwischen Kult und poetischem Realismus erfunden, dem diese lange Nacht gewidmet ist. Aki Kaurismäki wurde 1957 in Orimattila (Finnland) geboren. Bevor er Filme drehte, arbeitete er als Kellner, bei der Post, als Tellerwäscher in einem Grandhotel und lange Zeit als Filmkritiker bei einer finnischen Filmzeitschrift. Seine Filme sind bekannt für ihren lakonischen, skurrilen und sparsamen Stil. Seine Helden sind die "kleinen Leute": Außenseiter, Arbeiter und Arbeitslose - Verlierer der Gesellschaft. Wie kaum ein anderer Regisseur betrachtet Kaurismäki sie liebevoll, niemals spöttisch. Und immer findet sich auch eine große Portion bissigen Humors in seinen Filmen. "Über jene raue Zärtlichkeit und verschämte Fürsorge, die Kaurismäki seinen Helden der Arbeit angedeihen lässt, verfügt kaum einer im Gegenwartskino." (Daniel Kothenschulte in der "Frankfurter Rundschau")

Fester Stamm an Schauspielern

Regelmäßig arbeitet Kaurismäki mit seiner "Familie", einem festen Stamm an Schauspielern, beispielsweise fast immer mit Kati Outinen und Matti Pellonpää († 1995). Kameramann all seiner Filme ist Timo Salminen, der für Kaurismäkis kargen Erzählstil die korrespondierenden minimalistischen Bilder komponiert. 1990 verlässt Aki Kaurismäki Finnland, um gemeinsam mit seiner Frau, der Malerin Paula Oinonen, in Portugal zu leben. Filmisch kehrt er 1994 nach drei Auslandsproduktionen in seine Heimat zurück und beschließt, nur noch in Finnland zu drehen. Mit seinem neuesten Meisterwerk LE HAVRE wurde er Finnland jedoch erneut untreu. 2012 erhielt er den Bielefelder Friedrich Wilhelm Murnau - Preis. "Der Finne schlich sich schon gemeinsam mit seinem Laudator Ulrich Gregor auf die Bühne. Unerwartet griff Kaurismäki zum Mikro und sagt in gebrochenem Deutsch: "Wer nichts zu sagen hat, soll schweigen." An wen diese Aussage gerichtet ist, wird sein Geheimnis bleiben. Dann verschwindet Kaurismäki im Hintergrund der Theaterbühne. Plötzlich glimmt ein Licht auf. Kaurismäki steht in der Ecke der Bühne und raucht. Die Erlaubnis hatte er sich vorher eingeholt. Dem Publikum gefällt das. Kaurismäki auch.

Genüsslich zieht er an der Zigarette, während ihn Filmwissenschaftler Gregor vorne auf der Bühne in höchsten Tönen lobt. Es dürfte ihm auch mehr Spaß machen, ganz entspannt die Worte des Laudators Gregor zu hören. Sie sind schließlich voll des Lobes. "Aki Kaurismäkis Filme sind Lehrstücke für Filmästhetik", sagt Gregor. Kaurismäki schaffe es in seinen Filmen eine Dimension der Anteilnahme zu schaffen, in der, anders als bei vielen anderen Autorenfilmern, Platz für Hoffnung bleibe. Gemeint damit ist: Kaurismäkis Filmhelden sind stets Außenseiter der Gesellschaft. Kaurismäki zeichnet seine Figuren aber derart sensibel und einmalig, dass Solidarität erzeugt wird. Und Solidarität unter Menschen ist ein großes Anliegen des Finnen." Kaurismäki scheint erkannt zu haben, dass nun sein Auftritt folgt. Er kommt zurück auf die Bühne, wo er von Jost Streitbörger, Vorsitzender der Gesellschaft des Murnau-Filmpreises, in Empfang genommen wird. Und der Finne spricht. Auf Englisch diesmal - und kurz. "Ich bin aus drei Gründen hierhergekommen", sagt Kaurismäki. "Erstens, aus Respekt vor der Stadt Bielefeld." - "Zweitens aus Respekt vor Murnau.". "Drittens, weil ich hier rauchen kann, ohne dass ich dafür kritisiert werde." (Aus "Neue Westfälische Zeitung" 23.9.2012)

Le Havre (Trailer)
Marcel Marx (André Wilms), früher Autor und wohlbekannter Bohemian, hat sich vor längerer Zeit in sein frei gewähltes Exil, die Hafenstadt Le Havre, zurückgezogen. Hier geht er inzwischen der ehrenwerten, aber nicht sonderlich einträglichen Tätigkeit eines Schuhputzers nach. Der Traum vom literarischen Durchbruch ist längst begraben und trotzdem führt er ein zufriedenes Leben mit seiner Frau Arletty (Kati Outinen). Doch plötzlich erkrankt Arletty schwer, gleichzeitig kreuzt das Schicksal seinen Weg in Gestalt des minderjährigen Flüchtlings Idrissa (Blondin Miguel) aus Afrika.

Lichter der Vorstadt
Koistinen ist ein einsamer Wachmann in einer modernen Shopping Mall. Eines Tages begegnet er Mirja. Die begehrenswerte Frau spielt ihm Liebe vor, und Koistinen glaubt daran. Doch sie ist nur der Lockvogel eines Gangsters.

Der Mann ohne Vergangenheit
Ein Namenloser (Markku Peltola), überfallen und ausgeraubt nach einer Zugfahrt und von den Ärzten für tot erklärt, findet sich plötzlich erinnerungslos in einem zweiten Leben wieder.

Leningrad Cowboys go America
Irgendwo in der Tundra, im Niemandsland, haust die schlechteste Rock 'n' Roll-Band der Welt, perfekt gestylt, doch ohne Publikum und ohne die geringste Chance auf kommerziellen Erfolg: die LENINGRAD COWBOYS.

Sehr lesenswerte wissenschaftliche Aufsatz zu Aki Kaurismäki finden sie auf der Website Senses of Cinema (engl.) mit ausführlichem Literaturverzeichnis und Filmografie.

Zentrale Website über Aki Kaurismäki
Mit Informationen zu allen seinen Filmen

Mit der "Aki Kaurismäki Collection" (Pandora Film) sind erstmals alle Kinoproduktion der 80er- und 90er-Jahre von Aki Kaurismäki auf DVD erhältlich. Insgesamt beinhaltet die Collection 14 Filme und 5 Kurzfilme.

Erster Film
"The Liar" von Mika Kaurismäki (Aki Kaurismäki schrieb das Drehbuch und spielt die Hauptrolle) bei "Bluebell Films"


Literatur (Auswahl):
Jochen Werner, Aki Kaurismäki, Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Philosophie Universität Mainz 2004, 2005 Ventil-KG, Mainz, 350 Seiten mit Abb.

Ralph Eue/Linda Söffker (Hrsg), Aki Kaurismäki, 2006, Bertz + Fischer Verlag, Berlin, 221 Seiten mit Abb.

Hanstein, Ulrike
Unknown Woman, geprügelter Held
Die melodramatische Filmästhetik bei Lars von Trier und Aki Kaurismäki,408 Seiten, 60 Abb. Berlin 2011

In Entstehung
Peter von Bagh, Aki Kaurismäki, erscheint im nächsten Jahr im Alexander- Verlag Berlin

Josef Schnelle, Wolken ziehen vorüber - Das melodramatische Schelmenkino des Aki Kaurismäki - erscheint im nächsten Jahr im Schüren Verlag, Marburg

Filme:
"I want no acting in my movies - Ein Porträt des finnischen Filmregisseurs Aki Kaurismäki von Peter-Paul Huth 43 min, 3Sat,1990; Kaurismäki & Kaurismäki von Alexander Bohr, Die finnischen Filmbrüder Aki und Mika Kaurismäki, 65 Min Arte 1994; "La Vie de Boheme" von Josef Schnelle, 20 Min WDR 1992

Mika Kaurismäki
Der zwei Jahre ältere Bruder hat sich zwar sehr früh für das Kino entschieden, ist auch sehr erfolgreich mit seinen Filmen gewesen, aber irgendwie ist er stets im ein wenig im Schatten seines als origineller Autorenfilmer in ganz Europa geehrten Bruders Aki geblieben. Mika studiert von 1977 - 1981 an der Filmhochschule in München und gründete dann mit seinem Bruder die Produktionsfirma Villealfa, die an Jean-Luc Godards Film Alphaville erinnern sollte. Ihren ersten Film drehten die beiden Brüder gemeinsam 1980. Bei "Der Lügner" führte Mika Kaurismäki Regie. Aki Kaurismäki schrieb das Drehbuch und spielte die Hauptrolle. Der Film bekam sofort zahlreiche Preise und ebnete beiden den Weg in die Filmwelt. Ebenso wichtig war für sie das "Midnight Sun Festival", das sie seit 1986 in Lappland veranstalteten. Doch die künstlerischen Wege der beiden gingen immer mehr auseinander. Mit der Komödie "Helsinki - Napoli All Night Long" landete Mika Kaurismäki 1987 seinen ersten internationalen Kinoerfolg. Auch "Los Angeles Without a Map 1998 mit Vincent Gallo und July Delpy schlugen sich tapfer an der Kinokasse. Mit "Mama Afrika" einem Dokumentarfilm über die Sängerin Miriam Makeba erhielt Mika den "Panorama Publikumspreis" bei der Berlinale 2011. Inzwischen hat er Rio de Janeiro zu seiner zweiten Heimatstadt erkoren und auch einen preisgekrönten Film über die brasilianische Hauptstadt gedreht. Das Verhältnis der beiden Brüder gilt als immer noch freundschaftlich obwohl sie ihre Filme längst mit jeweils eigenen Produktionsfirmen realisieren.


The Midnight Sun Film Festival

Wurde 1986 von den Kaurismäkibrüdern in Sodankyla in Lappland 120 Kilometer vom Polarkreis gegründet. Es findet immer um die Mittsommernacht statt, wenn die Sonne im Norden Finnlands niemals untergeht. Zahlreiche prominente Gäste prägten die 27-jährige Geschichte des Festivals. Es ist das Familientreffen der Autorenfilmer hoch im Norden. Auch filmhistorische Schätze werden immer wieder gezeigt. Zuletzt konnten die Kaurismäkis im Juni 2012 den erklären Lieblingsfilm Aki Kaurismäkis "Sunrise" von Friedrich Wilhelm Murnau mit Livemusik präsentieren. Außerdem wird natürlich die Finnische Jahresproduktion gezeigt. Inzwischen ist der Finnische Filmkritiker Peter von Bagh künstlerischer Leiter des Festivals doch Aki und Mika Kaurismäki sind weiterhin für das Programm mitverantwortlich. In diesem Jahr hatte das abgelegene Festival sensationelle 30.000 Zuschauer. Das nächste Festival findet vom 15. - 19. Juni 2016 statt.

Interview mit Ulrich Gregor, Gründer des Forums der Berlinale und Freund und Förderer Kaurismäkis, im Wortlaut

Schnelle: Ja, Herr Gregor, Sie haben diese schöne Laudatio auf Aki Kaurismäki gehalten. Sie haben ihn ja lange begleitet im Forum, immer wieder vorgestellt und mit ihm geredet. Er ist nun keiner, der da einfach so daher sprudelt, das waren doch sicherlich manchmal schwierige Gespräche auf der Bühne.

Gregor: Ja, die Gespräche mit ihm waren ganz besonders schwierig. Er ist, wie viel Finnen ein bisschen schweigsam - die sind ja berühmt für ihre Schweigsamkeit - und das Problem lag hauptsächlich darin begründet, dass er gerne Scherze macht, aber gleichzeitig sehr ernsthaft reden möchte, und das steht sich häufig im Wege. Die Leute lachen furchtbar über seine Scherze, wollen immer mehr hören, und er will aber ernsthaft über die Bildgestaltung bei Bresson sprechen oder dergleichen, und das kriegt man manchmal nicht zusammen. So haben wir manchmal ein bisschen aneinander vorbeigeredet, und das war auch sehr komisch, und die Leute lieben das natürlich, aber es gleitet mitunter in Zirkussituationen ab, und dann ist man nicht so zufrieden.

Schnelle: Aber Sie haben ja - also, Sie und ihre Frau - haben ja als Erste eigentlich entdeckt, was in diesem Filmemacher steckt. Er hat ja eigentlich seine frühe Karriere nur über diese Aufmerksamkeit starten können.

Gregor: Ja, also wir waren wirklich begeistert von diesen Filmen, das muss ich sagen. Bis heute eigentlich hält das ja an, und viele andere Zuschauer haben auch so reagiert, und es war bei uns eigentlich immer ein Höhepunkt unseres Festivals, wenn ein Kaurismäki-Film lief, darauf haben alle gewartet, die Menschen sind dahingeströmt in Massen, und das war irgendwie wunderbar. Kaurismäki hat das auch genossen, und wir haben das eben über viele Jahre hin fortgesetzt, bis er uns schließlich fragte, ob wir denn böse wären, wenn er auch einmal in einen Wettbewerb geht, weil er möchte es einfach mal probieren, und wir haben gesagt: 'Natürlich nicht', das verstehen wir ganz und gar, vor allen Dingen, wenn die Regisseure so auf einen zukommen, mit einer solchen Frage, das ist ja, wirklich süß, sensibel von ihnen, und da haben wir natürlich gesagt: 'Jaja, bitte, bitte, mach das'. Und dann ging er nach Cannes und ist eigentlich dann immer wieder in Cannes gewesen, da haben wir seine Filme dort gesehen.

Schnelle: Was war denn das besonders Faszinierende an seinen Filmen, kann man das irgendwie beschreiben?

Gregor: Ja, das ist die Kargheit seiner Sprache, und wie durch die Kargheit eine Aufladung entsteht, die ganz subtiler Natur ist, die man sozusagen erfühlen und erahnen kann, die sich nicht in Dialoge übersetzen lässt - denn Dialoge sind ja bei ihm also immer ganz, ganz sparsam - und diese Kargheit, und die dann gleichzeitig aber durchsetzt ist mit einem Humor, mit einem spezifischen Humor, listenreich, und auch die Düsterheit, die die Filme an sich haben, wieder auflockert und der entgegenläuft. Man kann die Filme in gewisser Weise auch geradezu genießen durch diesen Humor, durch diese Ironie, die da immer wieder durchschlägt. Und das ist eine ganz eigenartige Mischung von verschiedenen Verfahren, verschiedenen ästhetischen Linien, die sich da überkreuzen, aber die zu einer Verschmelzung gelangen. Und diese Verschmelzung ist eben das Einmalige, der Kaurismäki-Stil. Eigentlich kann man sagen, es ist ein Kaurismäki-Universum, weil er auch häufig ähnliche Personen hat, ähnliche Hintergründe. Viele Filme spielen ja in Helsinki, nicht alle, aber doch viele. Und das Alles ergibt ein einzigartiges Universum.

Schnelle: Es gibt aber auch ja eine gewisse Nähe von ihm zur Nouvelle Vague, also nicht nur, dass er die zitiert, also, indem er z.B. Léaud da als Hauptdarsteller nimmt oder "La vie de Bohème", das ist ja geradezu eine Hommage an die Nouvelle Vague. Würden Sie das auch so sehen?

Gregor: Da gibt es sicherlich Verwandtschaften. Auch sein Bewusstsein der Kinematographie, und was es sonst noch gibt an anderen Verfahren, anderen Stilrichtungen und andere Personen, große Werke der Filmgeschichte. Das ist bei ihm irgendwo präsent, das schwingt mit, wird oft als Zitat verarbeitet. Und auch sein Weg zum Kino, der eben nicht verlaufen ist über eine richtige professionelle Ausbildung an einer Filmschule, sondern durch das Ankucken von Filmen - das alles verbindet ihn mit der Nouvelle Vague. Aber andererseits ist es natürlich auch ein Unterschied und ein Abstand, weil das ist die skandinavische Welt, die finnische Welt, seine Person, das sind so Solitäre, die durch die Landschaft wandern. Und seine Kompositionen, seine Einstellungen haben ja oft etwas Gemäldehaftes oder auch Theatralisches, wie er einzelne Figuren in einer Stadtlandschaft hinstellt wie ein Maler sein Objekt platziert. Das ist etwas Wunderbares und Einmaliges, und das ist vielleicht nicht die Nouvelle Vague.

Schnelle: Thema "Hollywood" - er hat eben vehement gesagt, damit hat er gar nichts zu tun. Stimmt aber auch nicht, weil er sich da ja auch sich ein bisschen daran abarbeitet, zumindest mit dem "Contract Killer", das ist ja ein Hollywood-Stoff eigentlich ...

Gregor: Jaja, und es gibt, glaube ich, Anspielungen auch auf bestimmte Hollywood-Muster, die bei ihm vorkommen, die natürlich konterkariert werden, die ein bisschen in ein grelles satirisches . Licht getaucht werden. An sich ist er auf den ... auf den Antipoden, möchte ich sagen, er überflutet den Zuschauer nicht, sondern spart auf bis auf wenige Werte. Aber das ist eben ein wunderbares Verfahren, und das fühlt man, und ich glaube, viele Menschen sind dafür empfänglich und möchten sogar ein solches Kino sehen und erleben, im Gegensatz zu dem anderen Kino, das wir ständig um uns haben, wo wir überschwemmt werden, wo wir erschlagen werden von den Effekten. 

Schnelle: Charakteristisch für seine Geschichten ist ja auch diese - will man gar nicht glauben, wenn man ihn so erlebt, aber - für diese die sind ja von einer großen Menschenliebe geprägt. Das sieht man ja eigentlich der Filmemacher heute, der, der normalerweise sind Filmemacher heute eher Zyniker oder.

Gregor: Ja. Ja. Um einen Erfolg zu haben, muss man möglichst zynisch sein, die Gewalt entfesseln, zu immer neuen Höhepunkten, und das ist bei Kaurismäki überhaupt nicht der Fall, sondern er steht seinen Personen nahe, er hat eine Empathie, Mitgefühl, aber dieses Mitgefühl äußerst sich eben auf eine sehr subtile Weise, es ist gewissermaßen unterkühlt, es wird angedeutet, man kann es fühlen, man kann es erspüren, aber es wird nicht direkt in direkter Weise thematisiert, aber es ist doch präsent, sein enges Verhältnis zu den Charakteren, zu den zu den Figuren, eine gewisse Identifikation. Und das ist eben etwas Wunderbares, weil es auf eine solche Art vermittelt wird, dass es nicht plakativ wäre oder irgendwie grobschlächtig, sondern es ist subtil und fein, aber man man spürt es. Und das ist etwas Großartiges, und man kann dankbar sein, dass es solche Filme noch gibt.

Schnelle: Das geht ja so weit, dass es manchmal Wunder gibt, wie zum Beispiel in "Le Havre", dem neuesten Film - also, das ist ja total überraschend, dass die Kati Outinen dann doch plötzlich überlebt, das ist ja wie in einer christlichen Wunderlegende.

Gregor: Jaja, davor scheut er dann auch nicht zurück, die Regeln der Logik oder Wahrscheinlichkeit zu, zu durchschneiden oder zu überspringen. Und seine Filme sind eigentlich auch nicht nicht realistisch, jedenfalls nicht in einem platten oder unmittelbaren Sinne, sondern sie sind schon Konstruktionen. Das muss man dann auch sehen. Und da kann man ihm eigentlich nur zustimmen und geradezu dankbar sein für ein solches Verfahren, für ein solches  Feingefühl - und aber auch natürlich für die Aufmerksamkeit gegenüber sozialen und politischen Konflikten. Und was mir zum Beispiel noch in Erinnerung geblieben ist, ist, dass in "Le Havre", wenn dieser Container aufgemacht wird, wo die Flüchtlinge drinnen sitzen, die illegalen Reisenden, die sitzen plötzlich da wie auf einer Theaterbühne. Sie sitzen nebeneinander auf Stühlen und schauen mit Konzentration in die Kamera, und jedes einzelne Gesicht wird wie ein Gemälde festgehalten - was an sich unwahrscheinlich ist: wenn man einen Container, wo Leute lange Zeit eingeschlossen waren, öffnet, dann werden die nicht so dasitzen. Das ist also absolut unrealistisch, aber es ist einfach eine unglaubliche Ausdruckskraft. Und in diesem Fall wird der Film ein, ein Gemälde.

Schnelle: Was mir was mir bei der Farbgebung auch oft in den Sinn kommt, ist: ein Kinderbuch, also das  und zwar das Positive. Die schöne Schlichtheit eines Kinderbuchs ist durch diese Farbflächen sehr nah als Assoziation. Für mich zumindest.

Gregor: Ja, das ist das kann man sagen, dass in seinen Intérieurs, aber auch bei den Außenaufnahmen teilweise, das ist so sorgfältig komponiert, dass ein Farbton oder ein Farbgemisch entsteht, aber oft auch ein dominierender Farbton, der eine atmosphärische Kraft hat, dass die ganze Szene dadurch bestimmt wird, durch diese gewisse Schwingung, die in der Luft sich befindet, und Kinderbuch könnte man als Assoziation etwas festhalten, oder auch bestimmte moderne Gemälde, wo eben eine solche Stilisierung stattfindet in der Farbgebung. Und die Stilisierung ist ja bei ihm immer, und mir fällt auf, dass es häufig zu tun hat mit dem Wegfiltern, dass viele Dinge eliminiert werden, dass nur wenige Dinge noch übrig bleiben, in die Aufmerksamkeit gerückt werden. Und wie zum Beispiel in "Le Havre" der Kriminalkommissar - der ja, wie sich herausstellt, ein gutes Herz hat, was man auch nicht erwartet eigentlich - und der geht irgendwann zu einem Gemüseladen und kauft etwas Obst. Und da sind da gibt es Ananasfrüchte und er kauft eine einzelne Ananasfrucht und geht mit der davon - man weiß gar nicht, wozu kauft der das eigentlich! - und dann geht er in eine Kneipe, setzt sich an einen Tisch und stellt diese Ananasfrucht mitten auf den Tisch. Sie ragt also jetzt auf wie eine kleine Skulptur. Und das ist eine so seltsame, aber auch wirklich sehr, sehr komische Szene, wie er da sitzt mit dieser Ananasfrucht - also das ist sozusagen ein genialer Kaurismäkieinfall.

Schnelle: Wie würden Sie jetzt in der Gesamtlandschaft des Autorenfilms Aki Kaurismäki verordnen, so wie der jetzt noch so ist, der Autorenfilm?

Gregor: Ja das ist die skandinavische Variante, die zu tun hat mit Minimalismus. Also, Minimalismus ist ja eine Strömung keineswegs nur im Film, auch in der Malerei und in der Musik zum Beispiel. Und da ist er der Bannerträger, der Bannerträger einer solchen Bewegung, die vielleicht beiträgt zur Errettung der Kinematographie, so könnte man fast sagen. Dass jemand es so schafft, so starke, homogene Werke herzustellen, die auf einer Ausfilterung von allen überflüssigen Details basieren, das ist etwas sehr Seltenes im Kino. Und Bresson ist ja sein Vorbild - vielleicht kann man bei Bresson auch so etwas nachweisen, aber das ist nun auch eine vergangene Epoche, und da müsste man ihn ihn hinstellen. Also es ist sozusagen der Gegenpol zur dominierenden Strömung und zum Kino der Montage, weil bei ihm ist die Montage etwas ganz anderes. Aber sie ist nicht so ein Bedeutungsträger oder ein Überflutungsventil wie in vielen, vielen anderen Filmen, sondern es ist eben die Sparsamkeit, das Ausfiltern, das Reduzieren auf wenige einzelne Elemente und dadurch die Schärfung der Aufmerksamkeit beim Zuschauer auch. Dafür kann man ihm ganz  dankbar sein. Aber das ist sozusagen ein ganz bestimmter Bereich - vielleicht kann man ihn Skandinavien zuordnen obwohl, es gibt in der Weltkinematographie hin und wieder auch Beispiele aus ganz anderen Kulturen und anderen Kontinenten, wo plötzlich so ein Stil wieder auftaucht. Das gibt es auch. Carlos Reyes, glaub ich, - woher kommt der? -

Schnelle: Mexiko - hat einige Filme gedreht, die erinnern daran, ja, die sind so stilisiert und minimalistisch in der in der Bildgebung. Und ich glaube, es gibt hier einige Parallelen auch, die wie sie zustande kommen - ich weiß es nicht. Aber vielleicht ist es auch der Überdruss an einer bestimmten Ausdrucksform, von der wir wirklich zu viel bekommen. Wir müssen das Gegenteil erfinden.

Schnelle: Was mich an Ihnen so fasziniert - lässt die Neugier auf Kino und Veränderungen im Kino eigentlich nie nach?

Gregor: Nein, das ist ein Urgefühl. Wenn die Leinwand aufgeht, dann denke ich, muss was Interessantes kommen. Also das Prinzip einer Filmprojektion ist a priori für mich interessant, und ich denke, es kann vielleicht etwas Interessantes sein, was herauskommt, und sei es auch nur ein Bild, sei es auch nur eine einzelne Belichtung, sei es eine einzelne Szene - man muss ja auch nicht immerzu den narrativen Zusammenhang verfolgen eines Films, vielleicht sind es einzelne Bilder, die einem schon genug geben können.

Schnelle: Gut vielen herzlichen Dank.

Rüdiger Suchsland: "Das finnische Kino"

Sie reicht weit zurück, die finnische Filmgeschichte. Wie in nahezu allen europäischen Ländern zog das Kino auch in die finnische Gesellschaft noch Ende des 19. Jahrhunderts ein, gleich nach Erfindung des neuen Mediums durch die französischen Brüder Lumières. Erste Filmvorführungen sind auf den Märkten von Helsinki bereits 1896 nachgewiesen. Schon 1904 entstand der erste finnische Film, ein kleines Dokumentarstück über eine karelische Hochzeit, dessen Regisseur heute nicht mehr bekannt ist - eine Präsentation also in jener schon damals vom Vergessen bedrohten ostfinnischen Minderheiten-Volksgruppe mit eigener Sprache und eigenen Bräuchen. Ethnografie stand in vielen Ländern am Anfang des Kinos.

Schon bald gründete man erste Firmen, meist Partnerschaften mit den großen Studios in Paris und London. Und 1907 wurde der erste Spielfilm gedreht: "Salaviinanpolttajat" ist eine 20 Minuten lange Räuberpistole um illegale Schapsbrenner aus den Polar-Wäldern. Produzent dieses heute verlorenen Films war ein deutschstämmiger Finne namens Karl Emil Ståhlberg, der allgemein heute als der "Vater des finnischen Kinos" angesehen wird. Gleich Anfang des Jahrhunderts hatte Ståhlberg, der selber als Fotograf und später Kameramann über außergewöhnliches Talent verfügte, die Firma "Apollo Film" gegründet. Mit ihr drehte er vor allem kleine Dokumentarfilme, mit denen die immer nach neuen Bildern hungrigen europäischen Wochenschauen gefüttert wurden.

In seinem eigenen Kino in Helsinki führte er die frühsten Werke der Filmgeschichte vor. Regisseur dieses ersten Films war Teuvo Puro, der mit dem Ehedrama "Sylvie" 1911 auch den ersten abendfüllenden finnischen Spielfilm drehte. Und später auch einen der ersten Horrorfilme.

Die wenigen finnischen Filme dieser frühen Jahre waren auch kleine künstlerische Unabhängigkeitserklärungen und Loblieder der Größe der finnischen Nation und der Schönheit der finnischen Kunst. Denn damals war Finnland noch nicht unabhängig, sondern als ein autonomes Herzogtum Teil des russischen Zarenreiches. Und kulturell stand das Land im Schatten der skandinavischen Nachbarn, vor allem Schwedens.

All das änderte sich 1917. Da brach in Russland die Revolution aus, und während das alte Europa in den Flammen des Ersten Weltkriegs unterging, tobte in Finnland ein Bürgerkrieg, der mit der Unabhängigkeit 1920 endete - erstmals seit Jahrhunderten.

Zum einflussreichsten Regisseur und Produzent der folgenden Jahre, und der ersten Blütezeit des finnischen Kinos wurde Erkki Karu. 1919 gründete der Schauspieler die Firma "Suomi Film". Bis zu seinem Tod 1935 mit erst 48 Jahren führte dieses hochkreative Multitalent bei über 20 Filmen Regie. Über 30 hat er produziert. Karus unumstrittenes Meisterwerk ist "Nummisuutarit" ("Die Dorf-Schuhmacher"), eine Komödie voller Folklore, deren atmosphärisch starke, experimentelle Bilder vom deutschen Kameramann Kurt Jäger gestaltet wurden.

Karus in der Heimat überaus populäre Filme sind patriotisch, surreal und humorvoll. Vor allem aber sind sie ein facettenreiches Porträt des Lebens der Landbevölkerung in dem nach wie vor fast völlig agrarisch geprägten Finnland.

Zwar fanden diese Filme ihr Publikum eher in den großen Städten Helsinki und Tampere, wo es Kinos gab, doch die meisten Menschen, die dort lebten, stammten ursprünglich vom Land. Sie kannten, was auf der Leinwand zu sehen war, und sie liebten es.

Bis in die späten Dreißiger Jahre dauerte diese Blütezeit des finnischen Kinos. Mit der Einführung des Tonfilms wurden die Filme urbaner, die Themen sozial engagierter. Es entstand eine kleine finnische Filmindustrie: Verschiedene Filmstudios gründeten sich, und Suomi-Film bekam Konkurrenz. Aber die Firma blieb für Jahrzehnte die Nummer eins. Eine legendäre Gestalt für das ganze finnische Kino war Risto Orko, der das Studio von Erkki Karu 1933 im Alter von 34 Jahren übernahm, und unglaubliche 68 Jahre, bis zu seinem Tod 2001 im biblischen Alter von 102 Jahren an dessen Spitze stand.

Risto Orko und Suomi-Film überstanden alle politischen Stürme, wirtschaftliche Krisen und künstlerische Trends. Bis in die sechziger Jahre hinein bestand das finnische Kino vor allem aus Großstadtkomödien und romantischen Melodramen. Industriekino, das in erster Linie gemacht wurde, um das Publikum in eine andere Welt zu entführen und Geld in die Kassen zu spülen. Doch als nach 1960 die europäischen Autorenfilmer das Kino und die Filmsprache revolutionierten, blieb davon auch Finnland nicht unberührt. Damals hießen die großen Namen des finnischen Kinos Risto Jarva dessen sozialrealistische Komödien an die Briten Ken Loach und Mike Leigh erinnern, und Mikko Niskanen, der gelegentlich politisch plakatives Agitprop-Kino in die Nähe des Polarkreises brachte.

Aber im Vergleich zu den großen Schweden herrschte auf den finnischen Leinwänden weitgehend Anspruchslosigkeit und künstlerische Ödnis, bevor dann seit den 80er-Jahren Aki und Mika Kaurismäki das Gesicht des finnischen Kinos revolutionierten und einige Zeit auch dominierten.

Seitdem allerdings hat im Schatten der Kaurismäki-Brüder eine ganze Handvoll Filmemacher eine eigene Handschrift mit sehr eigenen Stoffen und Stilen entwickelt.

Es gibt eine große Vielfalt, vom Jugenddrama bis zum Weltkriegshistorienschinken, von mehr oder weniger seichten Komödien bis hin zu anspruchsvollen Dokumentarfilmen.

Man kann es kaum glauben, aber es gibt neben Horrorfilmen und dem finnischen Kung-Fu-Film "Jade Warrior" sogar eine finnische Variante des Westerns: "Once Upon a Time in the North", "Es war einmal im Norden" heißt in unverkennbarer Anspielung an den großen Sergio Leone ein Film von JP Silli, der erst dieses Jahr fertiggestellt wurde.

Er spielt im 19. Jahrhundert und erzählt von einem Bruderzwist, gewalttätigen Männerwelten und brutalen Messerkämpfen. Entscheidend ist aber: Sie haben Hüte mit breiten Krämpen, wie die Cowboys in Amerika und sie reiten durch die finnischen Wälder, als wäre man irgendwo in Idaho.

Gut gelauntes Action-Bewegungskino, wie es so gar nicht zu unserem gewohnten Bild des schweigsamen, melancholischen Finnland passt.

Pohjola-Oberhausen

In dieses fügen sich weitaus besser die avantgardistischen Experimentalfilme des finnischen Künstlers, der sich Pohjola nennt, wie Nordland, und dem bei den diesjährigen Kurzfilmtagen von Oberhausen trotz seines jungen Alters eine Retrospektive gewidmet war: und die Filme von Zaida Bergroth, einer der wenigen Regisseur/innen in Finnlands Kino. Drei lange Spielfilme hat Bergroth bis jetzt gedreht. Ihr letzter "The Good Son" mischt Psychodrama und Schwarze Komödie zu einem überraschenden, klaustrophobischen Kammerspiel. Ihr bester aber war zuvor "Last Cowboy Standing", der bei uns auf DVD erhältlich ist: eine ebenso monströse wie nostalgische Geschichte einer Jugend in den 70er-Jahren und der dunklen Seiten des skandinavischen Sozialstaats.

"Last Cowboy Standing"

"Dein Mann liebt nur dein Geld" - "Hey du Schwein, du machst mit meiner Frau rum." - "Ja, und jetzt fällt sie in Ohnmacht." - "Ich fall auch in Ohnmacht" - "Du kannst nicht in Ohnmacht fallen." - "Hände hoch!"

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