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StartseiteBüchermarktVom Leid der Reichen und Schönen01.08.2017

Memoiren von Cat MarnellVom Leid der Reichen und Schönen

Berühmte Persönlichkeiten erzählen von schweren Schicksalsschlägen, ihrer Depression oder Drogensucht: Das Genre "confessional memoirs" ist in den USA seit einigen Jahren ein Kassenschlager. Die Drogen-Bekenntnisse der ehemaligen Mode-Redakteurin Cat Marnell sind nun mehr schlecht als recht ins Deutsche übersetzt worden.

Von Miriam Zeh

Buchcover Cat Marnell: How to Murder Your Life (rororo / picture-alliance / ZB / Andreas Lander)
Buchcover Cat Marnell: How to Murder Your Life (rororo / picture-alliance / ZB / Andreas Lander)
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Wen Geschichten von überprivilegierten weißen Mädchen ankotzen, der solle an dieser Stelle lieber gleich aufhören zu lesen. Das rät Cat Marnell dem Leser bereits nach wenigen Seiten. Ihr Memoir hätte noch einige weitere "trigger warnings" vertragen. Denn nach 428 Seiten Medikamenten- und Drogenmissbrauch, Essstörungen, Glitzer, Glamour und haufenweise Selbstbräuner will man entweder auf der Stelle in den Nachtclub oder sofort seine Eltern anrufen.

Eine unmittelbare Reaktion verlangt Cat Marnells Memoir "How to murder your life" mit dem deutschen Untertitel "Selbstporträt eines Hochglanzjunkies". Denn die heute 34-jährige Marnell schildert uns jedes noch so hässliche Detail ihrer eigenen Suchterkrankung. Sie beschreibt, wie sie im Drogenrausch ihre Bikinizone mit einer Pinzette zerfetzt oder wie ihr einmal der Frisör büschelweise Haare herausschneiden muss, weil sie zugedröhnt wochenlang vergessen hat, sich zu kämmen.

Ritalin als Einstiegsdroge

Einen großen Teil seiner Wucht bezieht die Geschichte aus der Geschwindigkeit, mit der Marnell als wohlstandsverwahrloster Teenager in die Abhängigkeit rast. Als Tochter eines berühmten Psychotherapeuten bekommt Marnell von ihrem eigenen Vater bereits im Alter von 15 Jahren regelmäßig enorme Mengen ADHS-Medikamente geschickt - bequem per Post in ihr schickes Internat an der Ostküste. Die Aufputschmittel steigern Marnells Konzentrationsfähigkeit, lassen sie nie wieder müde und nie wieder hungrig sein. Vor allem aber sichern die Drogen dem verunsicherten Teenager endlich die Aufmerksamkeit ihrer Klassenkameraden.

"Ich wusste genau, was ich tat. Ich wollte Freunde - Party-Freunde. Mein Ritalin war für die vergnügungssüchtige Partyszene wie eine Honigfalle: Ich hatte etwas, das jeder haben wollte. Schon bald klopften coole, Drogen nehmende Typen aus höheren Klassen an mein Fenster."

Doppelleben zwischen Glamour und Sucht  

Zum Ritalin kommen bald weitere Medikamente und härtere Drogen hinzu, die Marnell regelmäßig konsumiert. Trotzdem gelingt ihr jahrzehntelang ein Doppelleben. Einerseits ist sie süchtig, hilflos und kaputt, andererseits erarbeitet sich die attraktive junge Frau die langersehnte Karriere im New Yorker Fashion-Journalismus. Mit 26 ist sie Redakteurin bei einem renommierten Lifestyle-Magazin. Sie wird von Anzeigenkunden mit Geschenken überhäuft und auf luxuriöse Pressereisen eingeladen.

Der Durchbruch gelingt Marnell jedoch im Internet. 2011 beginnt sie als "unhealthy health writer" für eine Unterhaltungswebsite zu bloggen. Das Online-Format ermöglicht Marnell ein neues Ausmaß der Selbstinszenierung. Hier geht es nicht mehr um Schönheitsprodukte, hier geht es nur noch um Cat Marnell selbst, um Cat Marnell und ihren Drogenkonsum.

Jeder Blogeintrag ist mit einem Foto von Marnell selbst versehen. Der anorexische Puppenlook und verschmiertes Make-up werden zum Markenzeichen der Artikel, die Marnell nachts zugedröhnt ins Netz stellt. Es sind diese Artikel, mit denen Marnell einige Berühmtheit erlangt. Soviel Berühmtheit immerhin, dass sie sich einen Vertrag für das vorliegende Buch, für ein Memoir über ihre Drogensucht sichern kann - inklusive einer halben Million Dollar Vorschuss.

Den Moment ausgenutzt und daraus Kapital geschlagen

"Ich war so krank, dass man mich zunächst freistellte und dann entlassen hatte, und doch war meine Karriere offenbar ein Knaller. Ich war, wie schon immer, eine wandelnde Katastrophe, aber jetzt waren alle davon begeistert. Magazine, Zeitschriften und Websites setzten sich mit mir in Verbindung, und nicht nur, um zu reden, sondern auch um anzufragen, ob ich nicht für sie schreiben wollte. Ich hatte zu lange in den Medien gearbeitet, um jetzt nicht diesen Moment auszunutzen und daraus Kapital zu schlagen."

Cat Marnell ist kein Opfer einer Marketingmaschinerie und kein Opfer der Fashionbranche. Sie bespielt die Klaviatur der Selbstvermarktung bravourös. Und sie führt uns geradezu paradigmatisch vor Augen, wie ein "addiction memoir" funktioniert.

Nach seinem Erscheinen in den USA landete "How to murder your life" schnurstracks auf der renommierten Bestsellerliste der New York Times. Was zeigt, dass das Leid der Reichen und Schönen immer noch viele Menschen fasziniert, beweist noch lange nicht, dass Cat Marnell ein gutes Buch geschrieben hat.

Jenseits der Schmerzgrenze

"How to murder your life" ist sprunghaft erzählt, es ist anbiedernd und übergriffig. Stellenweise ist es unausstehlich kokett. Das Nachwort liegt jenseits der Schmerzgrenze: Im spirituellen Rausch einer Edel-Entzugsklinik in Thailand glorifiziert Marnell ihr Buch als entscheidenden Schritt ihrer Selbstheilung und lässt sich obendrein zu einige moralinsauren Lebensweisheiten hinreißen. Das alles wohlgemerkt mit einem Döschen Amphetamin neben dem Mac Book.

Die deutsche Übersetzung trägt derweil ihren Teil zum Lesemissvergnügen bei. Über weite Strecken gelingt sie Kathrin Bielefeldt und Jürgen Bürger nämlich nicht. Marnells schnodderiger amerikanischer Slang liest sich hölzern und eingedeutscht. Amerikanische Übertreibungen müssen eben nicht immer wörtlich genommen werden und "I paint my love" kann man einfach nicht mit "Ich male meinen Liebsten" übersetzen.

Wen Romane wie "Der Teufel trägt Prada" begeistern, der wird in Marnells Memoir zwar eine schonungslosere Version der New Yorker Fashion Szene finden. Durchtränkt mit Klischees und Stereotypen ist sie aber trotzdem. Und wer mit dem kapitalistischen Frauenghetto der Beautymagazine ohnehin nichts anzufangen weiß, der kann dieses selbststilisierende Buch getrost übergehen.

Cat Marnell: "How to murder your life. Selbstporträt eines Hochglanzjunkies." Aus dem Englischen von Kathrin Bielefeldt und Jürgen Bürger. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2017, 428 Seiten, 12,99 Euro

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